Der im November beschlossene Bebauungsplan III-233-1 des Bezirks Mitte macht den Weg frei für das Münchener Immobilienunternehmen Coros und seine Pläne vom „Quartier am Humboldthain“. Dafür soll die ehemalige Nixdorf-Fabrik aus den 1980er-Jahren abgerissen werden. Architekt Karsten Feucht vom Berliner Zentrum Industriekultur bzi nennt das eine verpasste Chance. Er fände es besser, wenn das goldglänzende Gebäude, das äußerlich an den Palast der Republik erinnert, angepasst und weiterentwickelt würde.

Herr Feucht, 8000 mögliche Arbeitsplätze, rund 234.000 Quadratmeter flexibel nutzbarer Bruttogeschossfläche für Bildung, Forschung und Produktion sollen bis 2030 am Humboldthain entstehen. Sogar ein Supermarkt ist auf Drängen der Nachbarn nachträglich eingeplant worden. Was ist daran schlecht?
Das ist ein schöner Plan. Was mich nur stört ist, dass Coros und der Bezirk das Gelände beplanen, als sei es eine grüne Wiese. Dabei steht dort ein gerade mal 40 Jahre altes, voll funktionstüchtiges Gebäude mit 130 000 Quadratmetern Nutzfläche: die ehemalige Nixdorf-Computerfabrik. Bis vor einem Jahr wurde sie von der Berliner Sparkasse genutzt. Es ist also keine Ruine, sondern ein ausbaubares Büro- und auch Produktionsgebäude.

Gebäude aus den 1980er Jahren sind nicht besonders beliebt. Was ist besonders am Nixdorf-Bau?
Ich habe im Nixdorf-Archiv recherchiert: Der Bau war ein Prestigeobjekt. Er wurde als Start für den „Silicon Wedding“ gefeiert. Er bot Platz für 6000 Arbeitsplätze, hinter großen, gold bedampften Fenstern und galt nach damaligen Maßstäben als das modernste Produktionsgebäude in West-Berlin. Da ist ein Juwel der Weddinger Industriearchitektur entstanden. Der Bau hat damals 300 Millionen DM gekostet. Inflationsbereinigt sind das heute 2.500 Euro pro Quadratmeter. Und die sind längst abgeschrieben. Diese Substanz steht sozusagen kostenlos zur Verfügung. Mit dem Abriss wird sie einfach vernichtet.

Lutz Keßels, Geschäftsführer der „Quartier am Humboldthain GmbH.“ sagt in einem Interview mit dem Tagesspiegel: „Der Bau versperrt den Zugang zum Volkspark Humboldthain und hat keinerlei Bezug zur Umgebung. Das würde man in zentralen Lagen nie so bauen.“
Das Argument ist irreführend: Wenn der der Zugang zum Park so wichtig ist, warum plant seine Firma dann eine dreimal so hohe Blockrandbebauung entlang des Parks? Auch das Argument, der Bestand „entspräche nicht den heutigen energetischen und funktionalen Standards“, von Laura Sander vom Bezirksamt Mitte vor zwei Jahren der Presse genannt, greift zu kurz. Denn es gibt viele und gute Beispiele dafür, was durch energetische Ertüchtigung, Anbauen, Aufstocken bzw. Weiterbauen aus vorhandenen Gebäuden gemacht werden kann. Man kann zum Beispiel eine zweite Fassade wie einen Wintergarten um die bestehende herum bauen, um die Energiebilanz zu verbessern.

Aber es bietet weniger Nutzfläche…
Wenn einem die Nutzfläche nicht reicht, kann man neben dem Bestandsgebäude auf dem Gelände noch weitere, auch höhere Gebäude errichten. Und auch die Nixdorf-Fabrik selbst ist ausbaufähig. Das wurde schon in den alten Bauplänen so vorgesehen. „Sie ermöglicht durch ihr an Mies van der Rohe orientiertes Raster von 1,80 Meter und vorgefertigte Bauteile kostengünstige Erweiterungen, Veränderungen und Ausbauen.“ steht in der Broschüre zur Einweihung 1986. Doch diese Möglichkeiten wurden hier kaum ernsthaft geprüft.

Coros betont, dass sein neues Quartier besonders an ökologischen Kriterien ausgerichtet sein wird.
Das ist im Prinzip sehr lobenswert. Es müsste aber doch einmal geprüft werden, ob die Energieeinsparung der neuen Gebäude deren Erbauungsaufwand und den Abriss der vorhandenen „grauen Energie“ (Anm. der Red.: die für die Herstellung des Betons und der Baumaterialien notwendigen Energie) aufwiegen. Doch leider wird diese Frage nicht einmal gestellt, geschweige denn untersucht.
Ein Quadratmeter Neubau setzt so viel CO2 frei wie eine Buche in 80 Jahren Wachstum erst wieder binden kann. Um 234.000 Quadratmeter Neubau heute auszugleichen, hätte Coros ökologisch betrachtet also bereits im Jahr 1945 einen Buchenwald anlegen müssen, dessen Größe sieben Mal der Fläche des Volksparks Humboldthain entspricht. Betrachtet man Abriss und Neubau ganzheitlich, erscheint Bestandserhalt und Nachnutzung in einem anderen Licht.

Sie haben mit Ihren KollegInnen vom KulturerbeNetz.Berlin die ehemalige Nixdorf-Fabrik auf die rote Liste der bedrohten Bauten Berlins gesetzt. Die Denkmalschutzbehörden haben dem Abriss zugestimmt. Wie passt das zusammen?
Der Denkmalschutz deckt nur drei Prozent aller Gebäude ab. Er arbeitet nach seinen gesetzlichen Vorgaben und formalen Kriterien, nach denen das Nixdorf-Gebäude keinen Denkmalstatus erhielt. Aber der Denkmalschutz macht doch vor, wie man Bestandsgebäude in Wert setzen kann. Der nachhaltige Umgang mit dem Bestand sollte meiner Meinung nach weit über den Denkmalschutz hinaus die Grundlage allen Bauens werden. Das Recht auf Abriss sollte mit der Pflicht einhergehen, dessen Umweltverträglichkeit ganzheitlich zu prüfen. Würden alle Umweltkosten in das Abreißen und Neubauen eingepreist, wäre Erhalten, Umbauen und Weiterbauen die Norm.

Haben Sie noch Hoffnung, dass das Nixdorf-Gebäude erhalten bleibt?
Hoffnung habe ich immer. Momentan scheint der Markt für Büro- und Gewerbeimmobilien in Berlin gesättigt. Projekte wie der gewerbliche Zukunftsstandort „Behrensufer“ in Oberschöneweide wurden dieses Jahr ausgebremst. Also vielleicht überlegt sich das Coros auch noch einmal. Das Schlimmste was passieren könnte ist, dass Coros die Nixdorf-Fabrik jetzt abreißt und danach mit dem Gelände nichts passiert.




Lieber Jan, lieber Flori, ich plädiere ja nicht dafür, die NIxdorf-Fabrik genau so zu erhalten, wie sie ist. Ich finde nur, man sollte den Bestand nutzen und weiterentwickeln. Man könnte das modulare Gebäude wunderbar aufsägen für Lichthöfe und Durchgänge, aufstocken, ergänzen, drum herum bauen… Und da es – anders wie das ICC – NICHT unter Denkmalschutz steht, ist das hier auch ohne weiteres möglich. Die Nixdorf-Fabrik ist in der geplanten Neubebauung so integrierbar, dass es auf den ersten Blick dort so aussieht, wie jetzt auch geplant. Nur eben, dass die Ressource des Vorhandenen in der Mitte genutzt würde. Und solche Art Umbau und Erweiterung ist viel günstiger als Abriss und Neubau.
So ein altes Fabrik Gebäude kann man doch heutzutage garnicht mehr sinnvoll nutzen.
Das ist doch ein riesen Klotz, in dem ein Großteil der Grundfläche kein Tageslicht erhält. Wahrscheinlich steht das deswegen auch zum Großteil leer. Wer soll denn da nun Unsummen in eine Ertüchtigung stecken? Sieht man ja am ICC dass sich Investoren nicht unbedingt um Immobilien prügeln die man nicht sinnvoll unnutzen kann.
Wer genau hat denn was davon wenn wir solche aus der Zeit gefallenen Teile schützen, um sie dann leer stehen zu lassen und gleichzeitig findet niemand eine Wohnung?
So ist es. Dieses Gebäude erfüllt keinen Zweck, hat nur aller niedrigsten historischen Wert, nimmt sehr viel Platz, ist nicht begehbar und bringt dem Stadtteil keinerlei Mehrwert.
Eine Ruine oder auch eine hübsche Ruinie bringt hier nichts.
Selbst wenn das Investorenprojekt scheitern sollten, ist der Zustand danach nicht schlechter als vorher.
Durch den Abriss der Nixdorf-Fabrik würden keine neuen Wohnungen entstehen. Der Bebauungsplan sieht hier nur Gewerbebetriebe vor. Dass der Bezirk in Zeiten der Wohnungsnot in einer so zentralen Lage einen solchen Bebauungsplan beschließt, hat viele gewundert.
So ist es. Das steht nicht im Widerspruch zu meiner Aussage.
Es wird keinen Wohnbau auf dieser Fläche geben.
Persönlich bin ich aber auch der Meinung, dass selbst Wohnugsbau an dieser Stelle keinen Mehrwert haben wird.
Es wäre zu schön um wahr zu sein, wenn Mega-Gebäude endlich mehr historischen Bestand hätten und vielen Nutzungen, die im Laufe der Zeit erwachsen, offen gegenüber stünden ohne solche martialischen Abrisse und / oder Umbauten oder Neubauten, die nach wenigen Jahrzehnten dasselbe Kostenproblem und Logistikaufwände erfordern – und in den Städten ökologische Grenzen für Nachbarschaften und Gesundheit sprengen. Und dann erst kommt noch die Frage, ob ein neuer Investor Bestand hat mit seinem Vorhaben.
Ist es wirklich schwierig, mit flexiblen Modulen in die Größe und in die Höhe zu bauen?
„dass Coros die Nixdorf-Fabrik jetzt abreißt und danach mit dem Gelände nichts passiert“.
So wie es mit dem schönen Einkaufzentrum im Märkischen Viertel passiert ist! Nun schon seit Jahren ein Bombenkrater, weil sich großartige Versprechen „plötzlich“ in Luft auflösten.
So schön geräumig wie das Märkische Zentrum war, auch für die kleinen Gewerbe, genug Platz für Anwohner auch ohne Konsumzwang, bekommt das kein Münchner „Immobilienentwickler“ hin. Armes Berlin!