Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

Samstagmorgen. Meine Jungs wollen sich Comics in der Schiller-Bibliothek ausleihen.“Geht schon mal vor“, sagte ich den hibbeligen Kerlen. „Ich komm mit dem Fahrrad nach.“ Die Cornelius-Fredericks-Straße ist eine ruhige Nebenstraße und eigentlich müssen sie von dort immer nur geradeaus – und ich hätte für einen Moment meine Ruhe. Dachte ich. Aber irgendwie habe ich ein komisches Gefühl und so mache ich mich ein paar Minuten später hinter den jungen Wilden her. Mit dem Rad. Eigentlich hätte ich sie schon an der nächsten Kreuzung einholen müssen. Spätestens an der Ampel an Seestraße. Aber da sind sie nicht. Verdammt flott, die beiden, denke ich. Ich komme an dem großen Wochenmarkt in der Genter Straße vorbei. Ob sie sich dort in das Getümmel gestürzt haben, frage ich mich. Aber eigentlich sind sie dazu zu wenig neugierig und zu ängstlich. Aber in der Bibliothek sind sie auch nicht. Auch nicht davor. Nicht in der Comics-Abteilung und nicht bei den Zeitschriften im ersten Stock, nicht bei den Romanen und nicht bei den Mangas eine Treppe höher. Auch nicht im Maker-Space, wo wir uns mal T-Shirts haben bedrucken lassen und auch nicht auf dem Klo. Hm!
Warten im Sonnenschein vor dem schicken Neubau der Schillerbibliothek. Überall Kinder, Halbwüchsige, Trinker, bewusstlose Leute, die von Männern in gelben Westen genötigt werden, von den Bänken aufzustehen, weil das kein Schlafplatz ist. Aber meine Jungs sind nicht da. Die Bibliothekarin verleiht einem jungen Mann in Sandalen ein Lastenrad vom „Flotte Lotte e.V.“ und nein, meine Jungs habe sie nicht gesehen. Ob ich schon mal oben nachgeschaut… ? Ja, hätte ich schon. Ich lasse meine Telefonnummer da.
Also die ganze Strecke noch mal zurück. Vielleicht sitzen sie ja wieder vor der Haustür. Nein, sitzen sie nicht. Auch nicht im Hof und auch nicht auf dem Treppenabsatz vor der Wohnungstür. Wo weiter suchen? Im Eiscafé Kibo, zwei Querstraßen weiter, wo wir jedes Wochenende einkehren? Da sind sie nicht, was sollen sie auch da? Sie haben ja kein Geld dabei. Oh Gott: Kein Geld, kein Handy! Hoffentlich haben sie sich wenigstens meine Adresse gemerkt. Vielleicht sind sie die Parallelstraße runter gelaufen. Da haben wir früher ja mal gewohnt, da sind sie zur Kita gegangen und da ist der Spielplatz. Aber da sind sie auch nicht. Hab ich auch nicht wirklich geglaubt. Wieder in der Bibliothek. Nein, da seien keine neuen Kinder gekommen, sagt die Bibliothekarin nun selber besorgt. Wieder durch alle Stockwerke. Langsam panisch frage ich die Bibliothekarin noch mal. Was sie den angehabt hätten, fragt sie. Wie soll ich das wissen? Blaues T-Shirt, oder graues. So was in der Art. Und eine schwarze Brille bei dem Großen. Wenn ich jetzt zur Polizei ginge, würden sie mich gleich wegschicken, wenn ich so rumstammle.
Also noch mal die Müllerstraße zurück. Bunter Flitter, heller Schein, Menschenmassen und Döner-Läden, die mich nicht mehr locken. Wo sind die Jungs? Immerhin habe ich auf meinen ganzen Hin- und Her keinen Krankenwagen gesehen, kein Blaulicht und kein Martinshorn gehört. Das ist eine Seltenheit, denn die Straße geht zur Autobahn und die Kreuzung zum Virchow-Klinikum. Also überfahren sind sie nicht. Gibt es einen organisierten Kinderhandel im Wedding? Böse Onkels, die kleine Kinder in Autos zerren? Aber warum sollten die gleich zwei wollen? Und warum meine? Aber vielleicht irrt einer schon hilflos durch die Straßenschluchten, um mir die schreckliche Nachricht zu überbringen? Wo war nochmal die Polizeidirektion? Vor der Haustür sitzen sie immer noch nicht. Wohin jetzt noch? Ich suche schon eine Stunde. Im Suchen war ich noch nie gut. Da endlich ein Anruf. Die Bibliothekarin! Ja, die Jungs seien bei Ihr. Sie habe sie angesprochen, als sie reinkamen. Es gibt noch Menschen, auf die man sich verlassen kann.
Wieder aufs Rad. Wieder die Strecke. Und endlich sehe ich sie – zwischen den Regalen, seelenruhig in ein Buch vertieft. Ich rege mich gar nicht auf…. Wo sie gewesen seien, frage ich den Großen. Ach, sie wären falsch abgebogen (Ich hatte die Baustelle vergessen, die eine Umleitung in die Seitenstraße macht). Dann seien sie immer geradeaus gelaufen. Wie sich herausstellt Richtung Osten statt Richtung Süden. Als sie das gemerkt hätten, wären sie schon ganz schön weit gewesen. „Fast da wo Alwin wohnt“. Das sind etwa zwei Kilometer. Dann seien sie wieder zurück nach Hause, da sei keiner gewesen, also hätten sie im Café nachgefragt, wo die Bibliothek sei und seien losgelaufen. Aber in der Bibliothek sei ich nicht gewesen. Der Kleine sagt, er hätte von Anfang an gewusst, dass sie falsch laufen, aber er hätte seinem Bruder vertraut. Jetzt habe er Durst und wolle was zu trinken kaufen.
Sie sind ganz schön stolz, dass sie das alles geschafft haben. Und ich bin es auch.
Text und Foto: Rolf Fischer
Und jetzt seid ihr dran!
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Also, ich bin total overcautious.
Dazu hätte ich vorab einen Plan B mit dem Kind verabredet. Falls das reichen sollte bei den vielen Unvorhersehbarkeiten und Vorkommnissen im Stadtalltag!
Ich wäre vorher mit meinen Kindern durch den Kiez gestreift und hätte die Stadtkarte erklärt. Für den Schulweg sollte man das ja auch tun.
Ich schreibe aber nicht, lieber Rolf, um dir Vorwürfe zu machen, denn es könnte anhand meiner Worte der Übervorsicht so erscheinen.
Zwischen Nervenzusammenbruch und Suchaktionen gibt`s nur noch die freundliche Kommunikation mit der Nachbarschaft.