Zart setzt das Klavier ein, das Schlagzeug antwortet mit sanfter Präzision – der Raum scheint mitzuschwingen. Zwischen den rauen Mauern entfaltet sich eine warme, konzentrierte Stimmung, als hielte der Ort selbst den Atem an. Es ist diese besondere Nähe zwischen Klang und Raum, die den Abend prägt – und die zeigt, was Richten25 so besonders macht.
Die Location trägt entscheidend zur Atmosphäre bei: Durch die große Fensterfront in der Gerichtstraße fällt selbst an einem dunklen Herbstabend warmes Licht auf die Straße. Ein gläserner Windfang wirkt einladend und vermittelt schon von außen das Gefühl, man sei längst Teil des Geschehens. Rechts steht eine kleine Bühne, die sich mühelos den Bedürfnissen der Musiker*innen anpasst. Ein Teppich schafft Wohnzimmer-Charme, die Stühle gegenüber sind aufgestellt für ein kleines, intimes Publikum. Rund 20 Besucher*innen haben sich eingefunden – junge Mittzwanziger bis hin zu Personen in ihren 70ern. Einige wippen im Takt, andere schließen die Augen, als wollten sie den Klängen so nah wie möglich sein.
Das erste Set des Abends ist akustisch geprägt: Zwei Musiker*innen erkunden Klavier und Schlagzeug in all ihren Facetten. Es wird gekratzt, gezupft, gescharrt – als erzählten die Instrumente ihre eigene Geschichte. Im zweiten Set verschmelzen elektronische Klänge mit Violine und Synthesizer zu abstrakten, modernen Klanglandschaften, fragmentiert und zugleich erstaunlich klar. So entsteht ein Abend, der experimentell, nahbar und überraschend ist – und doch ganz selbstverständlich wirkt.
Vom Werkraum zum Begegnungsort

Im Sommer 2024 entstand mit richten25 ein Ort, an dem Musik, Kreativität und Austausch im Mittelpunkt stehen. Der Name leitet sich von der Adresse Gerichtstraße 25 ab, trägt aber von sich aus eine Vielschichtigkeit: „Richten“ kann bedeuten, etwas auszurichten, zu gestalten oder in Bewegung zu setzen. Gleichzeitig schwingt darin die Idee von Ordnung, Fokussierung und Aufmerksamkeit mit – für Klang, für Menschen, für Ideen. Diese Mehrdeutigkeit spiegelt die offene, experimentelle Atmosphäre wider, die den Ort prägt, und bildet den Rahmen für alles, was hier entsteht.
Genau in diesem Geist begann alles mit einer Werkstatt. In einem unscheinbaren Raum richtete Markus Krispel seine Saxophon-Werkstatt ein – ein Ort des Tüftelns, des Klangs, des Austauschs. Bald öffnete sich die Tür weiter: Musikerinnen und Künstlerinnen kamen hinzu, Ideen begannen zu zirkulieren, und aus diesem kreativen Miteinander wuchs richten25 heran.
Heute ist der Raum weit mehr als eine Bühne. „Richten25 ist ein Ort, wo man immer total offen ist“, sagt Markus, „wo die Menschen neugierig darauf sind, wie die Zusammenhänge und die Musik zustande kommen.“
Zwischen Werkbank und Bühne, zwischen Improvisation und Gespräch, entsteht ein Raum, in dem Begegnung selbstverständlich wird. „Das kreiert einen neuen Rahmen“, erklärt Markus, „weil niemand sich fürchtet, […] danach sofort mit einem Musiker zu sprechen.“ Die Werkstatt blieb Teil des Konzepts – sie macht den Ort lebendig, auch außerhalb von Konzerten, und verbindet handwerkliche Kreativität mit musikalischem Experiment und sozialem Austausch.

Kuratiert im Kollektiv
Das Programm entsteht im internationalen Orga-Team, dessen Mitglieder aus Japan, Kroatien, Österreich, der Türkei und Deutschland stammen. Jede*r bringt eigene Erfahrungen, Netzwerke und musikalische Prägungen ein – von klassischer Konzertpraxis über elektronische Musik bis hin zu performativen Künsten – und genau diese Vielfalt spiegelt sich in der Gestaltung der Abende wider. So entstehen Programme, die sowohl lokal verankert als auch global inspiriert sind, in denen sich unterschiedliche Kulturen, Klangästhetiken und Perspektiven begegnen.
Entscheidend ist der offene Prozess: richten25 wird nicht durch langfristige Pläne strukturiert, sondern lebt von Spontaneität und Impulsivität. „[…] dass wir unser Programm nur 60 Tage im Voraus planen, das ist unsere Goldene Regel“, sagt Markus. „So halten wir es frisch, spannend und kreativ.“ Anders als viele etablierte Bühnen, deren Programme Monate im Voraus feststehen, reagiert richten25 auf das Jetzt – auf die Dynamik der Stadt, auf Begegnungen, auf die Energie, die sich gerade ergibt.

Neben klassischen Konzerten umfasst das Programm auch audio-visuelle Formate, Performances und experimentelle Abende, bei denen Musik, Film, Licht und Installation miteinander verschmelzen. Diese Offenheit ermöglicht es den Künstler*innen, spontan zu experimentieren, und dem Publikum, auf neue, überraschende Weise in die künstlerische Arbeit einzutauchen. Jeder Abend wird so zu einem lebendigen Prozess, in dem sich Kreativität und Gemeinschaft unmittelbar erfahren lassen.
Wo Engagement auf Nähe trifft
Subventionen erhält der Verein nicht. Richten25 lebt vom Engagement der Ehrenamtlichen, von Spenden – und vor allem von der engen Verbindung zur Nachbarschaft. Markus betont, wie wichtig dieser persönliche Kontakt ist: „Wir haben relativ Glück, einen ganz guten Draht zu den Nachbarn zu haben. […] Wenn man noch ein bisschen in Kontakt ist […] funktioniert das eigentlich gut.“ Diese Nähe ist für den Verein mehr als eine Formalität – sie ist Teil seines Konzepts und prägt den Umgang miteinander.
Wer hier mitarbeitet, tut es aus Überzeugung. „Alle, die hier mitarbeiten, die haben auch eine soziale Ader“, sagt Markus. Max Arsava ergänzt: „Alle machen das freiwillig, weil alle das wollen. Weil es einem wichtig ist.“ Auf diese Weise entsteht ein Team, das nicht nur organisatorisch, sondern auch menschlich miteinander verbunden ist. Die Einnahmen stammen aus Barerlösen, Spenden und Merchandise – die Künstler*innen profitieren direkt. Trotz steigender Mieten und unsicherer Rahmenbedingungen denkt das Team nicht ans Aufhören.

Der Wedding hat richten25 längst angenommen. Immer mehr Menschen mit Bezug zur Musik ziehen in den Kiez, die Verbindungen wachsen, das Netzwerk dehnt sich aus. Markus beschreibt, wie sehr die Präsenz des Vereins in der Nachbarschaft den Unterschied macht: „Und was wirklich, glaube ich, einen Riesenunterschied macht, ist, dass man hier ist – man ist das Gesicht. […] Wir sind keine anonyme Fensterfront, hinter der Lärm entsteht.“ Sie sind Teil des Kiezes.
Und so wirkt richten25 auf all jene, die hierherkommen, wohl auf ähnliche Weise, wie Max es beschreibt: „Leute wollen eingebunden sein [und] Musik ist etwas Soziales. [richten25] ist wie ein Wohnzimmer, wo man zusammensitzt. Es hat etwas Intimes. […] Sehr nahbar, sowas familiäres.“ Diese Worte spiegeln wider, was richten25 ausmacht: ein Raum, in dem Musik und Kreativität fließen, Begegnung selbstverständlich wird und der für viele zu einem kleinen, besonderen Rückzugsort mitten im Großstadttrubel geworden ist.
Gerichtstraße 25, 13347 Berlin
Nächste Veranstaltungen: https://richten25.de/events

