Restaurant im Karstadt: Wo sich alles bewegt, doch die Zeit stillsteht

Laut Einsteins Relativitätstheorie sind Zeitreisen in die Zukunft möglich, in die Vergangenheit dagegen ist man sich noch nicht so sicher. Es gibt einen Ort, eine Welt im Wedding, die am Gegenteil arbeitet, die sich wehrt, hip zu sein, hip zu tun. Eine Welt, die so ist wie sie ist und nur genauso bestehen kann. Es ist das Restaurant im Karstadt am Leopoldplatz. Unaufdringlich, durch seine getönten Scheiben, thront es über dem Platz.

Der erste Kontakt zu dieser Welt kam zufällig zustande. Noch beschwingt vom Ausblick vom Parkdeck über dem Leo, spuckte einen der Fahrstuhl ein Stockwerk tiefer wieder aus, fast direkt am Eingang zum Restaurant.
So oft war ich schon hier gewesen, aber diese Schwelle hatte ich noch nie überschritten. Es war, als hätte man eine geheime Höhle gefunden. Einen Ort, der unberührt von der Außenwelt ist und an dem die hier sitzenden völlig unbeirrt ihrem Leben frönen.

Hier wirkt es so anders im Vergleich zum Blick auf den hektischen Leopoldplatz, wenige Minuten zuvor. Ein komplett anderer Kosmos. Ein Ort, der nicht auffallen will, und nicht auffallen kann. Das Mobiliar in zurückhaltenden Beige-Brauntönen, welches dazu in der Lage ist, die Besucher in ihren zumeist beigen Camel-Westen optisch vollständig zu neutralisieren. Frische Blumen auf den Tischen, Gewusel zwischen den Tischen, welches in seiner reduzierten Geschwindigkeit unaufgeregt und beruhigend wirkt.

Ältere Damen mit akkurat sitzenden Frisuren, anscheinend geradewegs vom Friseur kommend, ältere Damen beim gemeinsamen Kartenspielen. Überhaupt viele ältere Weddinger. Ehepaare in karierten Hemden und gedeckten Westen, beim gemeinsamen Mittagessen für 6,95€. Dazwischen einsam sitzende Frauen und Männer, welche aufmerksam den Raum beobachten, scheinbar zufrieden, mit diesem Ort, mit dem Essen, mit der Stimmung. Einfach mit allem.
Hinter alledem das Panorama, das wahrscheinlich jeder Kreuzfahrt überlegen wäre. Der Leopoldplatz. Überhaupt stelle ich mir genauso eine Kreuzfahrt vor. Vom Ambiente, von den Gästen und vor allen vom Licht, wenn 24 Stunden lang die Sonne dem Bordrestaurant eine magische Lichtstimmung beschert.

Zielstrebig und voller Freude, führen Belohnungszentrum und Auge den Körper zu einem der Tische direkt an den Fenstern. Das Restaurant ist halb voll zu diesem Zeitpunkt und mit jedem Schritt merke ich, dass ich gerade in ein anderes Ökosystem eingedrungen bin. Die Gruppe älterer Damen beim Kartenspielen wirft ihre Blicke auf den Fremden, auf mich. Sie wirken vertraut mit dieser Umwelt, mit ihrem Revier. Aber sie merken, ich bin es nicht. Die Handtaschen werden vorsichtig auf die andere Seite des Tisches gelegt, der Blick vermittelt Misstrauen. Man spürt die Kälte in den Augen. In meinem Kopf gebe ich ihnen den Spitznamen „Oma-Gang“. Nun sitze ich hier, der Ausblick ist herrlich. Kaffee + Kuchen im Duo für 3,99€, aus den Lautsprechern ertönt das scheinbar Beste der 80er. Halleluja.

Der erste Kontakt

Aber der Kuchen hält nicht ewig, der Kaffee ist auch bald leer und ich begebe mich wieder nach draußen. Hinaus aus diesem für mich neuen Kosmos. Das hier war nicht der letzte Besuch. Das weiß ich sofort.
So fahre ich ab dann des Öfteren in den zweiten Stock des Hauses. Manchmal für einen Kaffee, manchmal für eine Cola, manchmal auch ein Bier oder eine Roulade in Hausmacher-Manier. Immer mit dem Gedanken, irgendwann ganz unbedarft jemanden anzusprechen, um mehr zu erfahren.
Irgendetwas löst dieser Ort hier aus.

Bereits nach dem dritten Mal erkennt man bestimmte Leute wieder. Die Oma-Gang ist fast immer da, es ist ihr Revier, so viel ist sicher. Personen, die zumeist allein sitzen, weitere Menschen, die zielstrebig jedes Mal den Raucherraum ansteuern. Ein Mann der ab und zu Rechnungen sortiert und dabei auf seinem Taschenrechner tippt, ältere Ehepaare. Dieser Kosmos hier folgt bestimmten Abläufen, denke ich mir. Nur welchen?

Eines Tages ist es wieder soweit. Ich bin da, die Oma-Gang ist da und ich fühle mich bereit. Ich setze mich an den Nebentisch, lausche mit, beobachte aus den Augenwinkeln, trinke zwei Kaffee und fasse mir ein Herz.
Der Moment ist günstig, denke ich mir, denn ein Mitglied der Gruppe ist gerade am Kartenmischen. Ich lehne mich rüber und schildere mein Anliegen, gerne mehr über sie erfahren zu wollen. Diese Mission schlägt fehl.

Die „Mischerin“, scheinbar die Chefin der Gang, schaltet auf Durchzug. Ein „sie möchte nichts erzählen“ kommt noch aus ihr heraus, dann verstummt sie. Gleichzeitig beginnt sie schneller die Karten in ihren Händen hin und her zu bewegen. Eine der Gruppe dagegen überwindet sich, zumindest kurz und schildert mir schnell, dass sie normalerweise sieben Leute sind, sich vier Mal die Woche zum Kartenspielen treffen und das seit bereits 1,5 Jahren. Daher kennen sie sich alle. Sie kommt noch dazu, zu erwähnen, dass sie schon immer im Wedding wohnt und jeden Tag zu Karstadt geht, währenddessen beginnt die Chefin mit ernster Miene das Austeilen.
Die Karten sind verteilt und die nette Frau verstummt abrupt. Die anderen haben mich nicht einmal angeschaut. Das Spiel geht weiter. Ich werde ignoriert. Die Mischerin, die Böse der Gang, hat gewonnen. Sechs gegen mich. Darauf war ich nicht vorbereitet. Nicht hier. Nicht heute.

Das hat gesessen. Kontaktaufnahme gescheitert. Ich packe zusammen und stehe wenige Minuten später auf. Die „Nette“ der Gang, gibt mir noch mit, dass die Frau „da drüben“ vielleicht etwas sagen möchte. Ich versuche es, bekomme ein heiseres „Nein“ und gehe geknickt nach Hause. So vergehen die Tage. Ich versuche noch einmal eine Frau, die jedes Mal allein an einem Platz sitzt und in die Ferne starrt, anzusprechen. Sie müsste doch Lust auf Reden haben, denke ich mir. Fehlanzeige. Das bekannte Wort „Nein“ ertönt noch vor dem Ende meiner Frage. Vielleicht wurde sie gewarnt.

So vermeide ich ab dann das Fragen von wildfremden Mitmenschen und beschränke mich darauf, in den folgenden Tagen einfach zu sitzen, zu gucken und Kaffee zu trinken, dazu ein Stück Kuchen. Das berühmte Duo.

Die Anderen

Bei längerer Betrachtung gibt auch so viel zu sehen. Verirrte Touristen. Ganz, ganz selten mal jemand mit einem Laptop, der wie ein Reisender aus der Zukunft wirkt. Der Mann, der seine Rechnungen sortiert, bewaffnet mit seinem Taschenrechner. Die Menschen, die allein am Tisch sitzen und einfach in die Ferne starren. Dazu Familien und ein paar Jugendliche, also eigentlich nur einmal.
Vieles wiederholt sich kontinuierlich, wie in Paralleluniversen. Die Oma-Gang ist immer omnipräsent, dazu andere adrett gekleidete Damen, soweit das Auge reicht. Die älteren Ehepaare und die scheinbar Einsamen. Das alles gehüllt in ein Licht, leicht bräunlich, welches dem Ort eine nicht zu fassende Stimmung gibt. Man hat das Gefühl, das Licht steht still. Die Nuancen, sich wechselnder Farbspektren, sind aufgehoben.
Es erinnert an bestimmte Fernsehserien. Wenn das hier ein Schiff wäre und wir gleich untergehen. Wir würden es mit Stil. Hier steht die Zeit, hier ist der Moment der Beste. Nicht der nächste und nicht der, der war. Sondern einzig das Jetzt. Und das ist verdammt faszinierend.

Daneben, genauer gesagt integriert in den Essbereich, gibt es auch einen Raucherraum. Das Design der 80er fügt sich nahtlos fort, unterbrochen von einer Wand aus Glas. Auf ihr prangt das Symbol einer Zigarette, die endlich mal nicht durchgestrichen ist. Es verheißt: Hier darf ich es noch, hier darf ich sein. Drinnen sitzen drei ältere Personen. Zwei Damen und ein Mann. Man sieht die Stille von draußen, man sieht aber auch die Zufriedenheit, die mit jedem Zug aus den Zigaretten in den Körper gezogen wird.
Der Mann sitzt in der Mitte des Raumes, grauer Mantel, dunkle Hose, in sich ruhend. Gekonnt wird jede Minute einmal abgeascht. Hier tickt keine Uhr, hier gibt der nächste Zug der Lunge den Takt vor, und der ist langsam. Die Augen dabei lässig Richtung Tür, alles im Blick habend, der Situation erhaben. Als er geht, setzt er sich seinen Hut auf, stützt und klammert sich am Servierwagen und schiebt von dannen. Die beiden Frauen bleiben unaufgeregt sitzen. Es bewegt sich nur der Rauch.

Und so wiederholt sich dieses Schauspiel täglich. Dieser Kosmos hat irgendein System, irgendeine Ordnung. Aber ich verstehe sie nicht. Was ich weiß, ist, dass die Oma-Gang an ihren Spieltagen um Punkt 18 Uhr aufhört. Scheinbar haben sie noch einen zweiten Aktionsradius, nur interessiert mich dieser momentan gar nicht. Ich will diesen hier genauer kennenlernen.

Die Wiederauferstehung

Samstag, am Osterwochenende, soll der Tag werden, an dem ich nicht gehetzt nach der Arbeit diese Welt besuche. Ich möchte dort frühstücken.
10:28 betrete ich den Karstadt, vorbei an der ersten Falle. An einem Schmuckstand wird gleich kostenlos Sekt ausgeschenkt, die Damen mit schwarzen Haaren und roten Strähnchen sind noch beim Aufbau. Glück gehabt, denke ich mir. Die Verführung lauert hier an jeder Ecke. Ich fahre mit der Rolltreppe hoch. Etage 1. Drehung nach links. Etage 2. Mich trennen noch 20 Meter. Ich hole mir einen Cappuccino.

Ich erwarte nichts von diesem Morgen. Am Ostersamstag wird wahrscheinlich niemand hier sein, denke ich mir. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist voll.
Ich setze mich auf einen der wenigen freien Plätze, ungünstige Lage, aber Glück hatte ich hier noch nie. Niemand der Oma-Gang ist zu sehen, dafür eine Gruppe anderer Omas, wie alle hier oben adrett gekleidet, top frisiert und am Frühstücken. Sie sitzen genau an dem Platz, an dem sonst die Oma-Gang sich aufhält. Ihr seid mutig, murmele ich in mich hinein. Der Nachbartisch ist leider besetzt und so muss ich warten.
Irgendwann kommt er, der Moment. Ich packe meine Sachen und gehe an den Tisch daneben. Geschafft. Pole Position. Ich bin am Hot-Spot und schaue in den Raum. Den Leopoldplatz im Rücken.

Um mich selbst zu beruhigen, packe ich mein Brötchen aus, welches ich mir zuvor beim Bäcker gekauft habe, lausche und gucke.
Dass auch hier die Veränderung nicht Halt macht, wird mir klar, als eine der Frauen am Nebentisch äußert: „Früher haben wir hier ein buntes Ei gekriegt, Uschi“. Die restlichen Zwei nicken mit vollem Mund zu. Sie reden über Rabatte, die man abstauben kann, verabschieden sich ab und zu, um kurz irgendetwas zukaufen, verschwinden urplötzlich und sind genauso schnell wieder da. Sie wirken zufrieden, wie alle hier.
Die Frau ohne Ei fragt Uschi, ob sie heute noch zum Friseur geht. Ich denke mir, welch Fügung, dass dieser Satz fällt, aber Uschi erwidert, sie wäre schon Donnerstag gewesen. Autsch, das hat gesessen. Der Stimmung tut dies trotzdem keinen Abbruch.

So gucke ich weiter nach links und rechts an diesem Samstagmorgen. Es sind wieder Familien, ältere Damen und Herren, mal zusammen, mal einzeln. Ein Tisch unterhält sich in Gebärdensprache und neben mir meine Girls des heutigen Tages. Sie reden die ganze Zeit. Über den Sohn, der keinen Osterhasen braucht, der sei schon dick genug, auch seine Frau sei „aufgegangen“ seit der Hochzeit. Über das Jahr der eigenen Trauung, 1951, und dass eine der drei nebenbei bei ihrem Schwiegersohn arbeitet. Es sind Fetzen, die ich aufschnappe. Aber ich bin zufrieden. Die Stimmung an diesem Ort gibt etwas Beruhigendes, ja Zufriedenstellendes. Warum genau, das weiß ich nicht. 

Hallo

Dann spüre ich Kälte. Die Klimaanlage spielt ihre Übermacht gegen die noch laue Frühlingssonne locker aus. Ich ziehe meinen Pullover an und die Frau neben mir dreht sich zu mir. Ob ich es auch so kalt finde, fragt sie und ich erwidere sofort mit einem verheißungsvollen Ja und erkundige mich im Gegenzug, ob sie denn öfter hier seien.

Jeden Samstag frühstücken die Drei hier. Sie selbst kommt eigentlich aus Reinickendorf, ist aber ein Weddinger Kind. Außerdem gibt es bei ihr nichts Vergleichbares. Auch unter der Woche sei sie oft da, einfach etwas einkaufen. Dann kommt sie manchmal spontan hier hoch und trifft Leute. Zuhause würde sowieso nur der Kühlschrank brummen und nach ihr rufen, dabei lacht sie herzlich. Ganz langsam verstehe ich, dass diese Abläufe, die hier täglich stattfinden, wohl gar nicht geplant sind. Also nicht so richtig. Es ist wie die Gischt bei Wellengang. Alles trifft sich. Alles gleichzeitig. Aber auch doch nicht. Alles zufällig. Aber auch doch nicht. Die Chaostheorie im Kleinen.

Sie wendet sich wieder dem Essen zu und ich bin glücklich. Diese netten Damen neben mir. Welch Genugtuung. Ich möchte in diesem Moment gar nicht mehr wissen. Ich bin einfach zufrieden und hole mein zweites Brötchen hervor, auch die Damen essen und reden weiter. Mal sitzt die eine allein, mal die andere, während der Rest Kaffee nachholt, oder im Karstadt wieder schnell irgendetwas besorgt.

Es ergibt alles einen Sinn

Dann ist es 13:00 Uhr, die Zeit verging wie im Flug. Eine der Omas verabschiedet sich. Plötzlich tauchen zwei Neue auf. 20 Minuten lang besteht diese Konstellation, dann verschwindet wieder eine. Keine 5 Minuten später kommt abermals eine Neue hinzu. Es ist eine von der Oma-Gang. Sie alle kennen sich, begrüßen sich herzhaft. Und ich begreife langsam immer mehr, dass alles hier miteinander verbunden ist. Alles.

Der Dennis aus der hinteren Ecke des Restaurants kommt an den Tisch. Ob er in Polen gewesen sei, wegen der Stangen, fragen sie ihn. Er verneint, der Mutter geht es nicht so gut. Sie nicken verständnisvoll und winken zu ihr rüber. Sie kennen sich alle hier. Die Uhr tickt weiter, ich hole mir einen weiteren Cappuccino und ein Stück Kuchen. Zeit für das berühmte Duo. Als ich wiederkomme, hat sich die Gruppe vergrößert. Hier ist alles im Fluss.

Ich blinzle kurz und bin innerlich verwirrt. Die ehemals Frühstücksgruppe neben mir, hat es in der Zwischenzeit geschafft, durch für mich verwirrende Aus- und Einwechslungen wie beim Eishockey, auf 6 Personen anzuwachsen, mit fast genau den identischen Leuten von Tag 1, an dem ich mit kalten Blicken empfangen wurde. Die Oma-Gang sitzt nun also neben mir. Das ist verrückt.
Aber eine fehlt noch, denke ich mir. Vielleicht sollte ich es jetzt versuchen. Doch dann kommt sie. Die Böse der Oma-Gang. Die „Mischerin“. In der Hand ein Essenstablett und neben ihr eine Weitere, für mich fremde Frau. Puh, denke ich. Sie wird hier nicht rüberkommen.

Bereits 5 Minuten später steuert sie zu ihren Mädels und wird herzlich von allen empfangen. Ihre Begleitung verabschiedet sich, die anderen Frauen reagieren mit Winken, wie zuvor auch schon zu anderen, für mich scheinbar wildfremden, weiter weg sitzenden, älteren Damen und Herren. Die „Mischerin“ fragt die Runde nach Dennis und den Stangen. Das ist die Bestätigung. Dieser Kosmos folgt festen Regeln. Von heute früh bis jetzt, wurde der Tisch einfach nach und nach durchmischt. Jeder kennt jeden, auch wenn man in verschiedenen Ecken des Raumes sitzt, den einen besser, den anderen schlechter. Es ist wie ein Netz, ein auf festgelegten Zufällen basierendes Netzwerk. Das ist faszinierend. Restaurant-Karstadt ist wie eine Zelle und hier diffundiert, was dazugehört. Und das bin nicht ich.

Die Mischerin, die böse Oma, spricht mich an, ich bin bereit zu kontern, aber sie fragt freundlich nach dem Stuhl vor mir und ich sage nur „Gerne, ja, ja, ja, können sie haben.“ So sitzen sie da. Sieben Leute, Karten spielend. Genauso wie die „Nette“ der Gang es bei meinem ersten Versuch vorhergesagt hatte.
Die Sonne scheint durch die breiten Fenster und gibt der Stimmung wieder etwas Magisches. Sie reden und lachen, fragen, wo denn einige am Donnerstag waren, da war doch Treff – ich war da, könnte ich jetzt frech rüber rufen – woher dieser Joker auf dem Tisch plötzlich kommt, warum Gerdi so früh mit den Karten rausgeht und Kalle nun auch. Monika beschwert sich über diesen Spielstil. Gerdi antwortet irgendetwas, was ich nicht verstehen kann und Monika, die „Mischerin“, erwidert nur: „Lass mich in Ruhe“. Die Stimmung ist gelöst. Es wird gelacht.

17:56 Uhr: Ich bin mit der Gruppe fast allein. Einzig ein Pärchen in der anderen Ecke ist noch hier. Er schreibt irgendetwas auf dem Smartphone, sie guckt in ihres und wischt darauf wild herum.

17:58 Uhr das Spiel wird schneller.

18:00 Uhr: Das Spiel ist aus.
Sie hören auf. Die von mir immer noch argwöhnisch beäugte „Mischerin“ der ersten Stunde erhebt sich, stellt den Stuhl wieder zu mir und bedankt sich freundlich. Dann sucht ihre Sachen zusammen, nimmt das Tablett, was weder ihr noch mir gehörte, fragt mich, ob sie auch meinen Müll mitnehmen dürfe und wünscht mir frohe Ostern.

Es ist alles anders

Möglicherweise war alles von Anfang nur ein Missverständnis. Vielleicht musste sie Vertrauen aufbauen. Ich, der Fremde in ihrem Restaurant, ja in ihrer Stadt, in ihrem Karstadt. Und sie alle, die schon immer hier sind.

Es ist nun 19:08 Uhr und ich sitze komplett allein im 2. Stock. Ich drehe mich das erste Mal heute Richtung Leopoldplatz. Die Sonne senkt sich langsam, aber gemächlich hinter dem Rathaus dem Horizont entgegen. Vereinzelte Strahlen bahnen sich den Weg über den Leo. Die Menschen sammeln sich in ihnen. Die Obdachlose vom Leopoldplatz sitzt immer noch dort, wo sie heute Morgen saß, als ich in der Früh vorbeigelaufen bin. Es wirkt alles wie immer, denn es ist wie immer.

19:32 Uhr: „Ich müsste sie in zehn Minuten rausschmeißen“ ruft der Küchenchef des Tages zu mir herüber. Ich packe. Gehe durch den Karstadt, die Frauen am Sektstand packen ein, und stehe nun draußen. Vor mir der hektische Leopoldplatz, die Kreuzung, der U-Bahn Zugang, welcher unaufhörlich Menschen ausspuckt und zu sich hineinzieht. Mein Kopf ist balla-balla. Fast 9,5 Stunden Karstadt. 9,5 Stunden an diesem Ort. An einem Platz. 
Ich habe nicht das Gefühl, viel erlebt zu haben, mit unzähligen Geschichten raus zu gehen, denn genau das, sieht dieser Ort gar nicht vor. Ich habe aber das Gefühl, woanders gewesen zu sein, nicht unbedingt in der Vergangenheit, aber in einem anderen Jetzt. Die Zeit wurde kurz angehalten. Das hat selbst Einstein nicht gedacht.

Andaras Hahn ist seit 2010 Weddinger. Er kommt eigentlich aus Mecklenburg-Vorpommern. Schreibt assoziativ, weiß aber nicht, was das heißt und ob das gut ist.
Macht manchmal Fotos: @siehs_mal


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