Über das Cafe des Schicksals und die Leidenschaft fürs Backen

Es sollte nur ein kurzer Beitrag zur Neueröffnung vom „Cafe des Schicksals“ werden. Als mir Inhaberin Kader Gün aber ihre Geschichte schilderte, war sofort klar – es wird ein gastronomisches Porträt. Über eine Powerfrau, das buchstäbliche Schicksal mit vielen Gesichtern, eine Bestimmung und die Liebe zum Backen.

„Wenn ich darüber nachdenke, kann ich es selbst kaum glauben“, erzählt Cafe-Betreiberin Kader Gün, starrt dabei verträumt auf den Holztisch, zieht die Augenbrauen hoch und lächelt zufrieden. Die 42-Jährige kam vor vielen Jahren aus der Türkei nach Berlin-Kreuzberg. Ihr Name bedeutet „Schicksal“. Wie ihr dieses mehrmals im Leben begegnen würde, hätte sich die kleine, resolute Gastronomin damals nicht vorstellen können.

Schicksalhafte Veränderung

4 ½ Jahre lang befand sich das Cafe des Schicksals direkt neben dem Netto in der Gerichtstraße 60. Auf dem Parkplatz des Discounters, im Schatten der Ringbahn, fing damals alles sehr klein an. Ein überschaubarer Laden, mit wenigen Außen- und Innenplätzen und durchweg frischem und hausgemachten Speisenangebot. Nun steht Kader ein paar Hausnummern weiter, in ihrem neuen Cafe – für sie ein schicksalhafter und besonderer Ort. Es ist sehr viel größer als vorher, auch dank der großen Terrasse, aber durch die gedeckten Grüntöne und das Holzmobiliar sehr gemütlich.

Die opulente Auslage – dazu später mehr – ist dermaßen verlockend, dass ich aufpassen muss, ihrer Lebensgeschichte folgen zu können. Zwischendurch gewährt sie mir Einblick in die fast pedantische geführte Küche, stellt mir die anderen reizenden Mitarbeiterinnen vor und hat irgendwie noch Augen für Gäste, Tortenpräsentationen, Essensausgabe und Ladenführung – eine wahre Workaholikerin. Während die gelernte Konditorin ihre hausgemachten Torten vorbereitet, wird neben ihr Eimasse aufgeschlagen, alles für die stetig wechselnden Salate – auch to-go – nachproduziert und der Tresen aufgefüllt – alles unter den wachsamen Augen der Chefin.

Foto: Sebastian Wischmann

Im Jahr 1994 kommt Kader Gün mit ihren Mann nach Berlin. „Ich sprach kein Wort Deutsch und hatte keine Abschlüsse“ erzählt sie. Deutschkurse und die Rolle als werdende Mutter forderten ihr alles ab. Auf Anraten des Arbeitsamtes holte sie den Hauptschulabschluss nach und hängte später noch ein türkisches Fernabitur dran. „Selbst mit den Abschlüssen wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte“, sagt sie. Nach Weiterbildungen zur beruflichen Orientierung im Gastgewerbe entdeckte sie in der Konditorei ihre Bestimmung – Kuchen und Brot aß sie schon immer gerne.  Die Mutter von drei Kindern bekam dann die Chance auf eine Lehrstelle zur Konditorin bei der Bio-Bäckerei Beumer & Lutum – „Frau Lutum verdanke ich sehr viel“ – und durchquerte fortan, auf den Weg zu Berufsschule in Wittenau, immer die Gerichtstraße.
Sie kannte damals nur Kreuzberg; diese Ecke des Weddings war ihr neu. Das Stattbad mit seinen Künstlern, die Kulturen und der ursprüngliche Charakter weckten über Jahre ihre Neugierde. „Nach bestandener Lehrprüfung wollte ich auf meinen eigenen Beinen stehen und mein eigener Chef sein“, resümiert Kader weiter.

Dafür musste das Ehepaar Gün sein Haus in der Türkei  verkaufen – ein schwerer Schritt. Als ihr Mann eines Tages die Anzeige für einen Laden im Wedding entdeckte, meinte das Schicksal es gut mit ihr. Ihr Traum von der Selbstständigkeit erfüllte sich genau in der Straße, die ihr so ans Herz gewachsen war.  Es folgten turbulente Jahre – mit allen Höhen und Tiefen. Wie am alten Standort wird auch hier wirklich alles frisch gebacken, gekocht oder zubereitet – Brot ist Kaders größte Leidenschaft, das Weizenbrot bäckt sie selbst, auf Wunsch auch Dinkel- und Maisbrot. Angeboten werden verschiedene Brotsorten, Kuchen, Torten, Gebäck, Salate – aus Bulgur, Linsen oder reinem Gemüse – Suppe und immer wechselnde Mittagsgerichte. Alle Teige, Massen, Cremes, Dressings, Saucen, Suppen und Gerichte machen die Damen selbst. Hier legt man Wert auf Abwechslung.

„Menschenherzen gewinnst Du mit gutem und ehrlichem Essen und nicht mit Schickimicki“, davon Kader ist überzeugt. „Der Inhalt ist das Wichtigste; um schicke Keramik, Präsentation und Hipster- Fotos mache ich mir erst am Ende Gedanken.“ Dazu gibt es noch ein reichhaltiges Frühstücks-Angebot – auch vegan (zum Beispiel mit Rühr-Tofu). Ein Cateringservice für Kuchen, Torten, Quiche oder Fingerfood-Buffets wird auch angeboten.

Gleichermaßen Bauarbeiter und Künstler zu Gast

Kaders Porträt, und der Künstler

„Wir wollen bei unseren Gästen eine gute Erinnerung im Herzen hinterlassen“ sagt Kader. Das war wohl auch bei den Bauarbeitern so, die von der Baustelle des ehemaligen Stadtbades immer bei ihr zum Essen kamen. Sie fanden das Angebot immer grandios – aber den Laden viel zu klein. Also haben sie kurzerhand der Architektin und den Bauherren von dem winzigen Cafe und seiner schicksalhaften Verbundenheit mit der Gegend erzählt – eine Ladenfläche war ja noch frei. Sie liebäugelte während der Bauphase lange mit einem Umzug, aber die Finanzierung schien utopisch. Zu Kader Gün kamen aber auch Künstler zum Essen: Das sieht man an den Kunstwerken, die eine Wand zieren. Alaniz, ein argentinischer Künstler, war damals so angetan von der türkischstämmigen Powerfrau, dass er sie auf der Außenwand des Stadtbades als Teil eines riesigen Murals porträtierte – das war 2015 und längst Geschichte.

Die vielen Empfehlungen sorgten dafür, dass Kader Gün – trotz vieler Bewerber – dann doch den letzten freien Laden in der Gerichtstraße 68 bekam, obwohl der neue Inhaber ein Vielfaches mehr an Geld hätte verlangen können. Sie hat noch immer guten Kontakt zur Architektin. Nun steht die Auswanderin selig, vom Schicksal geküsst und selbiges im Namen verankert, in ihrem neuen Cafe; da, wo einst ihr Portrait prangte, in der Straße, die sie jahrelang durchquert und lieben gelernt hat. Für Kader Gün ist klar: “Es ist wie nach Hause zu kommen!“

Cafe des Schicksals

Gerichtstraße 68, 13347 Berlin

www.cafedesschicksals.de

[email protected] – für Fingerfood-Buffets, Kuchen- & Quiche-Bestellungen

Öffnungszeiten vorerst: Montag – Freitag 7 – 18 Uhr / Samstag & Sonntag
10 – 18 Uhr….nur Frühstück, Kaffee & Kuchen , Salate und Suppe…keine warmen Gerichte, warme Gerichte in der Woche nur bis 18 Uhr


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