Wilde Romanze mit der Stadtnatur

Führung "Ost-West-Romanze" beim Langen Tag der StadtNatur am 18. Juni 2017. Hier: an der Strelitzer Straße. Foto: Hensel
Lindenblüten ernten an der Strelitzer Straße. Foto: Hensel

Lindenblüten kann man essen, klar. Da gibt es ja auch Tee, den kennt man. Aber wie ist es mit Ahornblättern oder jungen Rotbuchentrieben von der Hecke am Weg? Am Sonntag (18.6.) fiel eine Gruppe von Stadterkundern auf dem Mauerstreifen an der Bernauer Straße dadurch auf, dass sie beim unscheinbaren Grünzeug stoppte und Blüten und Blätter verkostete. Es war Langer Tag der Stadtnatur und die Gruppe war unterwegs im Rahmen der Führung „Ost-West-Romanze“.

Es ist erstaunlich, wie viel Wissen im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verloren gegangen ist. Die Großmütter wussten noch, dass die jungen Blätter und zarten Früchte des Ahorns wunderbar schmecken, weshalb der Baum auch als Salatbaum bezeichnet wurde. Moderne Stadtmenschen schauen irritiert, wenn man ihnen sagt, das Blatt da mal in den Mund zu stecken zu kosten. Kathrin Scheurich hat die zwanzig Teilnehmer der Tour am Sonntag dazu ermuntert.

Führung "Ost-West-Romanze" beim Langen Tag der StadtNatur am 18. Juni 2017. Hier: Nordbahnhofpark. Foto: Hensel
Im Nordbahnhofpark wächst Beifuß. Kathrin Scheurich (rechts) zeigt ihn den Tourteilnehmern. Foto: Hensel

Am Nordbahnhof startend spazierte die Gruppe auf dem ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße entlang, kostete und staunte. „Wir sammeln immer nur wenig – damit die Insekten auch etwas haben“, gab ihnen die Natur- und Umweltpädagogin beim Brombeerstrauch am Anfang der Führung mit auf den Weg. Vieles gab es zu erfahren. An einem Sauerkirschbaum etwa erinnerte Kathrin Scheurich an die Herkunft der Bäume: Die Japaner waren von der Teilung Berlins so erschüttert, dass sie eine Spendensammlung durchführten und 900.000 Kirschbäume kauften, die am Grenzstreifen in Berlin und Brandenburg gepflanzt wurden. Der Kirchbaum, von dem die Tour-Teilnehmer naschten, gehöre vermutlich zu diesen Bäumen – so wie zum Beispiel die Kirschen am Bahnhof Wollankstraße.

Viele interessante Geschmacks- und Aha-Erlebnisse sowie Details aus der Zeit der deutsch-deutschen Teilung markierten den Weg auf dem Mauerstreifen. Natürlich durfte auch der Hinweis auf die Webseite www.mundraub.org nicht fehlen. Auf der Seite wird aufgeführt, wo an welche Obstbäume im öffentlichen Raum findet und wo man Früchte ernten darf.

Führung "Ost-West-Romanze" beim Langen Tag der StadtNatur am 18. Juni 2017. Hier: gesammelte Pflanzen. Foto: Hensel
Eine Hand voll Stadtnatur: Kirschen, Hopfentriebe, Brombeer- und Lindenblüten und Buchenblätter. Foto: Hensel

„Wo einst Betreten durch Schießbefehl verboten war, wachsen heute leckere Wildkräuter“, hatte Kathrin Scheurich versprochen. Und tatsächlich hatten die Teilnehmer der Führung am Ende so viele Kräuter, Blätter und Blüten gesammelt, dass daraus im Weinlokal Mauerwinzer Wildkräuterbutter, blütensüßer Kräuterquark, leckerer gebratener Hopfen und Brennnessel-Chips gemacht werden konnten. Dazu gab es Weißwein – einer aus dem Westen, einer aus dem Osten des Landes – und selbstgemachte Holunderlimonade. Das war eine schöne und besonders leckere Romanze von Ost und West an einem historischen Ort.

Für Kathrin Scheurich war die Tour beim Langen Tag der Stadtnatur eine Premiere. Sie bietet sonst Großstadtsafaris für Familien, Wildkräuterwerkstätten, Führungen auf dem Tempelhofer Feld und in der historischen Mitte Berlins an – immer zeigt sie dabei die lebendige und essbare Stadt. Auch im Soldiner Kiez ist sie aktiv, bringt den Kindern dort im Rahmen des vom Quartiersmanagement geförderten Projektes „Schule im Wald“ Naturerfahrungen. Wer die Ost-West-Romanze verpasst hat: beim Langen Tag der Stadtnatur im kommenden Jahr soll sie wieder im Programm sein.

Text und Fotos: Dominique Hensel


4 Kommentare
  1. Ein kleine Konkretisierung:

    http://www.das-japanische-gedaechtnis.de/themenbereiche-a-z/orte/berlin-japanische-kirschbaeume-an-dem-berliner-mauerweg.html

    Entlang dem Berliner Mauerweg und an sonstigen Orten in Berlin und an anderen Regionen wie z.B. Potsdam wurden nach der Wiedervereinigung Tausende von japanischen Kirschbäumen auf Grund einer grosszügig angelegten Spendenaktion in Japan durch den japanischen Fernsehsender TV Asahi Corporation, die 1 Millionen Euro erbrachte, angepflanzt ( sakura campaign). Aus Freude über den Fall der Mauer wurden diese Mittel in japanischen Kirschbäumen, bzw.zur Anschaffung von Kirschbäumen von den Spendern bestimmt.

    Inzwischen sind die ursprünglich 2.000 Bäume auf über 10.000 angewachsen.

    1. Das ist interessant. Bei der Führung wurde hingegen gesagt, dass von den gespendeten Bäumen nur noch ein paar hundert übrig sind. Obstbäume werden ja nicht so alt. Insfern danke für die Ergänzung!

  2. Danke für den Bericht und ich ärgere mich, dass ich die Tour verpasst habe..

    1. Nächstes Jahr gibt es sie wieder! 🙂

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: