Hilfe, die Touristen kommen in den Wedding!

Touristen an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: Hensel
Touristen an der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße. Foto: Hensel

Tourismus im Wedding, Touristen im Brunnenviertel? Viele Bewohner würden den Kopf schütteln: im Kiezalltag sind ganz andere Themen wichtig. Doch die drei touristischen Attraktionen des sonst ruhigen Weddinger Wohnquartiers fehlen in keinem Berlin-Reiseführer: die Gedenkstätte Berliner Mauer, die Berliner Unterwelten, der Mauerpark-Flohmarkt. Fast zwei Million Menschen aus aller Welt sehen sich in jedem Jahr im Kiez und an seinen Grenzen um. Wir fassen zusammen, was es da so zu sehen gibt.

Berlin ist eines der ganz wichtigen Ziele für Touristen. Mehr als 10,6 Millionen Touristen kamen von Januar bis Oktober 2016 in die deutsche Hauptstadt (dieGesamtzahl wird erst im Februar vorliegen). Fernsehturm, Brandenburger Tor, Regierungsviertel, Potsdamer Platz stehen selbstverständlich auf der Reiseroute durch die Stadt. Doch die Touristikunternehmen steuern auch den Wedding und vor allem das Brunnenviertel an. So fahren auch die grünen Doppeldeckerbusse auf ihrer Rundtour „Mauer + Kieze“ Touristen durch den Kiez.

Ob sich die Weltenbummler in Mitte, Prenzlauer Berg oder Wedding bewegen, ist für sie nebensächlich. Sie wollen den berühmten Flohmarkt sehen, sich in alten Bunkeranlagen umschauen, an der Erinnerungslandschaft an der Berliner Mauer entlanglaufen. Sie schauen sich um wie bei allen anderen Sehenswürdigkeiten der Stadt, machen ein Foto und ziehen weiter zur nächsten Station. „Der durchschnittliche Tourist möchte dorthin fahren, wo es keine Touristen gibt“, sagte einmal der amerikanische Journalist und Humorist Sam Ewing. Sie suchen das echte Leben fernab der für sie hergestellten Inszenierung. Unter diesem Aspekt ist das Brunnenviertel vielleicht ein guter und authentischer Ort für Stadterkunder.

Zahlreiche Projekte haben sich darauf spezialisiert, die Gäste durch das Gebiet zu führen. Es gibt Architekturführungen, Touren durch den Humboldthain, Führungen rund um das Gesundbrunnen Center und in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg beginnt eine beliebte Fahrraderkundungstour entlang der Mauer, die die Touristen auch ins Brunnenviertel bringt.

Das Thema Tourismus hat auf den ersten Blick nicht sehr viel mit dem Alltag vieler Menschen im Kiez zu tun. Flohmarkt und Mauergedenkstätte mögen für manche gefühlt vielleicht gar nicht im Kiez liegen, die Angebote der großen Touristenattraktionen sind vielleicht wenig interessant für die hier lebenden Menschen, doch es ist das Brunnenviertel, das jeden Tag Gastgeber für Menschen aus Großbritannien, Italien, den USA, Spanien und vielen anderen Ländern ist. Was die Menschen im Kiez mit ihnen zu tun haben wollen, das entscheiden sie wie alle, die neben dem Fernsehturm, der Museumsinsel oder in der Nähe des Gendarmenmarktes wohnen selbst.

Bernauer Straße: Gedenkstätte Berliner Mauer

Anlaufpunkt für Besucher an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Foto: Hensel
Anlaufpunkt für Besucher an der Gedenkstätte Berliner Mauer: das Besucherzentrum. Foto: Hensel

Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist mit ihrer Erinnerungslandschaft ein Anziehungspunkt für geschichtsinteressierte Besucher. Sie ist als zentraler Erinnerungsort für die deutsche Teilung und ihrer Opfer konzipiert und brachte 2016 rund 976.000 Menschen in die Bernauer Straße. Das Besucherzentrum und das Dokumentationszentrum mit dem Aussichtsturm liegen auf Weddinger Seite. Von dort aus starten viele ihren Weg entlang des ehemaligen Grenzstreifens. Ein Viertel der Besucher kamen in Gruppen.

Fast die Hälfte der Besucher kamen im vergangenen Jahr aus Deutschland, 53 Prozent aus dem Ausland. Das Spektrum der Herkunftsländer war breiter gefächert als noch im Jahr davor. Zwar kam rund die Hälfte der ausländischen Gäste weiterhin aus einem westeuropäischen Land. Neben Nordamerikanern kamen darüber hinaus 2016 im Vergleich aber mehr Besucher aus afrikanischen und asiatischen Ländern und aus dem Nahen und Mittleren Osten. Sie reisten vor allem aus Japan, China, Südkorea, aber auch aus Bangladesch, Thailand, Israel, Iran, Oman, Syrien oder dem Senegal zu diesem Erinnerungsort auf dem ehemaligen Grenzstreifen.
www.berliner-mauer-gedenkstaette.de

Mauerpark: Flohmarkt, Karaoke und mehr

Auf dem Flohmarkt am Mauerpark. Foto: Hensel
Auf dem Flohmarkt am Mauerpark. Foto: Hensel

An jedem Sonntag strömen die Menschen in den Mauerpark. In den Sommermonaten drängen sich viele tausend Menschen über den Flohmarkt – da wird es oft sehr eng. Kein Wunder: der Flohmarkt am Mauerpark steht in jedem Berlin-Reiseführer. Was viele nicht wissen: der weit über die Grenzen der Stadt bekannte Markt im Mauerpark liegt im Brunnenviertel, auf Weddinger Territorium, zumindest noch. Es ist aber geplant, dass der Bezirk Pankow die Flächen übernimmt. Auf dem Markt werden viele Sprachen gesprochen, denn die Flanierenden sind hauptsächlich Touristen. Nur wenige Schritte weiter haben sie mit dem ebenfalls berühmten Karaoke im Amphitheater im Mauerpark eine weitere Attraktion. Umrahmt wird das bunte Treiben von unzähligen kleinen Konzerten und Kleinkunstdarbietungen im Park.
www.mauerparkmarkt.de

Bahnhof Gesundbrunnen: Berliner Unterwelten

Besucher stehen am Pavillon am Bahnhof Gesundbrunnen für Tickets für eine der Touren der Berliner Unterwelten an. Foto: Hensel
Besucher stehen am Pavillon am Bahnhof Gesundbrunnen für Tickets für eine der Touren der Berliner Unterwelten an. Foto: Hensel

Der Verein „Berliner Unterwelten“ hat sich der Erforschung und Dokumentation unterirdischer Bauten verschrieben. Am Infokiosk neben dem U-Bahnhof Gesundbrunnen warten täglich unzählige Interessenten auf eine der Führungen durch die alten U-Bahnschächte und Bunkeranlagen. 335.000 Besucher zählte der Verein 2016, gut 10.000 mehr als im Jahr davor. Die Ausstellung Mythos Germania – Vision und Verbrechen verzeichnete darüber hinaus rund 9.000 Individualbesucher und etwa 500 Teilnehmer von geführten Rundgängen. An den Bildungsseminaren des Vereins nahmen im vergangenen Jahr 689 Gäste teil.
www.berliner-unterwelten.de

Was noch?

Das AEG-Tor an der Brunnenstraße, auch Beamtentor genannt. Foto: Hensel
Das AEG-Tor an der Brunnenstraße, auch Beamtentor genannt. Foto: Hensel

Für Architekturfreunde unter den Touristen gibt es im Brunnenviertel weitere interessante Orte, zum Beispiel den Flakturm im Humboldthain, das AEG-Tor, die Millionenbrücke, der Gleimtunnel und die Liesenbrücken.

Text und Fotos: Dominique Hensel

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