Zwei Jahre Gnadenfrist für die Gerichtshöfe

Der Eingang zu den Gerichtshöfen von der Gerichtstraße. Foto: Hensel
Der Eingang zu den Gerichtshöfen von der Gerichtstraße. Foto: Hensel

Die Gerichtshöfe werden saniert. Die Eigentümerin hat den angekündigten Umbaustart nun aber überraschend um zwei Jahre verschoben. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gesobau will noch einmal mit den Mietern – unter diesen vor allem mit den Künstlern – reden. Zuvor hatte die Gesobau am 1. November den Mietern auf einem Info-Abend ihre umfangreichen Sanierungs- und Umbaupläne vorgestellt. Die Künstler in den Gerichtshöfen befürchteten daraufhin, verdrängt zu werden. Die Gesobau erklärt nun, auf die Einwände der Künstler eingehen zu wollen.

Künstler fürchten um ihre hellen Ateliers in den Gerichtshöfen

Die Gerichtshöfe im November 2016. Foto: HenselDer Aufschrei in den sozialen Medien war groß: Die 12.000 Quadratmeter Atelier- und Gewerbefläche stünden einem von der Gesobau geplanten Umbau und Neubau mit Studentenwohnungen im Weg. So sieht es Künstler Jürgen Reichert, der sein Atelier in den Gerichtshöfen hat. Er befürchtet, dass die Gerichtshöfe „mit mehr als 16 Millionen Euro komplett umgekrempelt“ werden sollen. Ziel sei es „die Künstler aus den angestammten Ateliers zu verdrängen“. Einigen Mietern müsse noch nicht einmal gekündigt werden, da ihre zuletzt nur Jahr für Jahr verlängerten Verträge ohnehin ausliefen.

Jürgen Reichert spricht für mehrere Künstler der Gerichtshöfe. Er sagt, den ursprünglichen Plänen zufolge seien den Gewerbemietern bloß kleinere Ersatzflächen angeboten worden. Diese Flächen lägen den Plänen zufolge aber nicht in den lichtdurchfluteten oberen Etagen, sondern im Souterrain oder im Keller. Gewerbemieter in den Höfen sind 25 Künstler und Künstlergruppen sowie 18 Unternehmen. Auch von letzteren, wie die Firma Bergmann – die Werkzeuge für die Automobilindustrie herstellt – bedeuten die aktuellen Umbaupläne das Aus, sagt Jürgen Reichert.

Zum neuen Verhandlungsangebot der Gesobau kann sich Jürgen Reichert noch nicht äußern, er hat von der Gesprächsbereitschaft bislang nur durch die Medien erfahren.

Gesobau zeigt sich gesprächsbereit

Die Gerichtshöfe im November 2016. Foto: HenselDer Protest der Künstler gegen den Umbau der Gerichtshöfe war groß – und hat bislang bewirkt, dass die Gesobau den Baustart nun um zwei Jahre verschiebt. Am 16. November, zwei Wochen nach der Präsentation der Umbaupläne, sagt die Gesobau jetzt: „Der Modernisierungsaufschub der Gerichtshöfe resultiert aus zahlreichen Gesprächen und einem engen Austausch mit den Mietern über ihren Atelier- und Gewerbestandort.“ Offenbar ist das Unternehmen bereit, mit den Künstlern zu verhandeln. Das Angebot zu Gesprächen scheint sich auf die Lage der Ateliers nach dem Umbau zu beziehen. Den Gewerbetreibenden allerdings soll nur bei der Suche nach neuen Räumen geholfen werden – außerhalb der Gerichtshöfe.

Der Umbau selbst ist nicht vom Tisch. Zusammen mit der technisch notwendigen Sanierung bleibt „die Schaffung von neuem Wohnraum unser Fokus.“ Gemeint ist studentischer Wohnraum. Bislang gibt es in den Höfen 81 Mietwohnungen.

Die Gesobau und die Künstler

Die Gesobau hatte den Künstlerverein Kunst in den Gerichtshöfen e.V. jahrzehntelang nach dem Modell „Kunst gegen Miete“ gefördert. Auf Facebook merkt einer der Mieter dazu an: „Die Künstler waren hier nicht die Entdecker oder Vorreiter, sondern sind damals in jahrelang leerstehende Flächen eingezogen.“ 2011 endete jedoch die Förderung. Im Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens heißt es 2011: „Eine Förderung für die Kreativen ist kaum mehr nötig; die gesponserten Mietverträge laufen sukzessive aus.“

Eine Modernierung der Höfe ist bereits seit langem geplant. Bereits im Januar 2013 erklärte die Gesobau, „nicht vor 2017“ die notwendigen Sanierungen vorzunehmen. Und bereits damals hieß es, dass zum Umbau auch neu zu schaffende Wohnungen gehören.

Geht es nach der politischen Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) dann sollen Gesobau und Künstler ein Paar bleiben. „Gerichtshöfe als Gewerbe- und Künstlerquartier“ erhalten fordern Grüne und SPD, die in Mitte ein Zählgemeinschaft bilden. Zusätzlich zu ähnlich überschriebenen Anträgen für die gesterige Sitzung (17.11.) stellt die SPD eine große Anfrage, um dem Anliegen noch mehr Gewicht zu verleihen.

Studenten wünschen sich Mischung statt Bettenburg

Als Landesunternehmen soll die Gesobau möglichst schnell zahlreiche neue Wohnungen schaffen, ausdrücklich auch für Studenten. Derzeit sind es vor allem private Investoren, die an vielen Ecken im Wedding große Häuser mit kleinen Appartments für Studenten bauen. Die Studenten scheinen es zu begrüßen, wenn auch landeseigene Wohnungsunternehmen an Studenten denken. So schreibt eine Studentin auf Facebook: „Da viele meiner Kommilitonen im Hostel schlafen müssen, finde ich es okay, dass die Gesobau auch was für Studierende macht.“ Ein studentisches Silo scheint ihr dabei nicht vorzuschweben: „Wie wäre es mit einer Mischnutzung für Künstler, Betriebe und Studierende?“

Text: Dominique Hensel, Andrei Schnell, Joachim Faust, Fotos: Dominique Hensel

Wer die Gerichtshöfe kennenlernen will, hat am 6. Dezember die Gelegenheit bei „Moderne Kunst zum Mitnehmen – MoKuzuMiMi“. In die Gerichtshöfe kommt der Nikolaus, 24 Künstler präsentieren Kunst im Tütenformat und verkaufen sie zu nikolausigen Preisen bis maximal 100 Euro. 18 – 24 Uhr.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: