Wie das heutige Brunnenviertel besiedelt wurde

Anfang des 18. Jahrhunderts floss die Panke noch weit außerhalb Berlins und mündete auf Höhe des heutigen Bahnhofs Friedrichstraße in die Spree. Östlich des Flusses war der Boden fruchtbar und wurde für den Ackerbau genutzt, westlich von ihm war der Boden sandig und unfruchtbar. Die Fichtenwälder, die sich bis zur Jungfernheide hinzogen und nur durch Sümpfe und Fenne unterbrochen waren, fielen im Laufe der folgenden Jahrzehnte dem Holzhunger der wachsenden Großstadt zum Opfer: als Brennholz, Bauholz, und für den Bau einer Zollmauer aus Holzpalisaden (ab 1730 – von den 17 Toren dieser Zollmauer ist nur noch das Brandenburger Tor erhalten). Mitte des 18. Jahrhunderts befahl der preußische König, Friedrich der Große, die Besiedlung des Gebiets. Die damalige Stadtgrenze zog sich vom Oranienburger Tor über das Hamburger Tor zum Rosenthaler Tor, entlang der heutigen Torstraße.

Gruselige Richtstätte: der Galgen am Gartenplatz

Kirche St. Sebastian

Im Jahr 1749 ließ der König „Gericht, Galgen und Rabenstein“ von der heutigen Bergstraße (in etwa die Gegend rund um das Stadtbad Mitte ) zum Gartenplatz verlegen. Dort, wo heute die Kirche Sankt Sebastian steht, war bis 1837 die „Scharfrichterei“, der Richtplatz der Hauptstadt: Ein etwa zwei Meter hoher quadratischer Steinbau, auf dem ein dreifüßiger Galgen stand. Im Volksmund wurde er „Schindberg“ oder „Teufels Lustgarten“ genannt. Der Name der „Gerichtstraße„, die in der Nähe endet, bezieht sich ebenfalls auf diesen Ort. Es war jedesmal ein großes Spektakel mit Zehntausenden von Zuschauern und Imbissbuden. Der Geist einer hingerichteten Frau sollte angeblich immer noch in der Kirche spuken, die man über dieser Richtstätte gebaut hat. Zehn Tage ließ man damals ihren Leichnam von Schaulustigen begaffen. Anfangs war die Richtstätte am Ort des heutigen Roten Rathauses in Mitte, später kam noch der Rabenstein hinzu, er lag in östlicher Richtung vor der Stadt. Heute ist dort der Strausberger Platz in Friedrichshain; Hans Kohlhase, Vorbild für Kleists Michael Kohlhaas, wurde dort gerädert.

So wurde Platz geschaffen für die ersten Kolonisten, die sich im Berliner Norden vor den Stadttoren ansiedelten. Die Panke blieb zunächst der Grenzfluss zwischen Berlin und dem „platten Land“, dem Landkreis Barnim. Eine Straße, entlang der heutigen Bad- und Brunnenstraße, führte von Berlin zum neu eröffneten Gesundbrunnen, zwischenzeitlich auch Friedrichs Gesundbrunnen oder Luisenbad genannt. Die Heilquelle war seit 1748 bekannt (heute liegt sie hinter dem Gebäude Badstraße 39), Kureinrichtungen und Gartenanlagen entstanden. Ab 1752 wurden einfache Häuser entlang der Acker- und der Bergstraße, später entlang der Ufer- und der Wiesenstraße sowie am Ufer der Panke gebaut. Die Kolonisten waren arm, viele arbeiteten als Handwerker in der Stadt: Maurer, Zimmerleute, Garn- und Kattunweber, Blattbinder, Ziegelstreicher und Büchsenmacher. Ein Beispiel für die Bauweise der damaligen Zeit ist das Haus in der Koloniestraße 57, das 1784 erbaut wurde, heute das älteste Gebäude im ehemaligen Bezirk Wedding.

Rasches Wachstum der Vorstadt

Mauerstreifen in der früheren Rosenthaler Vorstadt
Mauerstreifen in der früheren Oranienburger Vorstadt

Preußen warb Kolonisten in anderen Ländern an, so gab es entsprechende Agenturen in Hamburg oder Frankfurt/Main, aber auch in Österreich oder Polen. 1725 waren ein Viertel aller Preußen zugewanderte Kolonisten aus anderen Ländern, Preußens Bevölkerung erhöhte sich von 1,4 Millionen (1688) auf 2,2 Millionen (1740). Die Kolonisten waren vom Militärdienst befreit und hatten das Recht der freien Heirat (damals keine Selbstverständlichkeit), sie bekamen das Land, das Baumaterial, Vieh und Ackergerät umsonst. Auch Steuern mussten sie zunächst nicht zahlen. Im heutigen Brunnenviertel siedelten sich zunächst Bauhandwerker aus dem Vogtland im Erzgebirge an, die Siedlung erhielt den Namen „Neu-Voigtland“. Dazu kamen Gärtner aus der Schweiz und aus Böhmen. Doch bald kamen auch andere arme Menschen in diese Gegend, um außerhalb der Stadtmauern Unterkunft zu finden: Tagelöhner und Bettler. Schon 1775 standen im entsprechenden amtlichen Verzeichnis neben 98 Grundstücksbesitzern bereits 220 Mieter, die in Nebengebäuden und Hinterhof für wenig Geld eine Wohnung fanden. 1803 lebten in 207 Häusern nun schon 3854 Menschen. In den folgenden Jahren hatten auch Diebesbanden hier ihren Schlupfwinkel, „Voigtland“ wurde im Volksmund und in der Literatur zum Synonym für Armut und Verbrechen in Berlin. Hier bildete sich das erste Proletariat der Stadt, hier wollte man nicht hin, hier strandete man. Im Jahre 1800 erfolgte die offizielle Umbenennung der Siedlung in „Rosenthaler Vorstadt“ und die Straßen bekamen ihren heutigen Namen. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden erste Industrieansiedlungen: Leimsiedereien, Leder- und Dachpappenfabriken. Die Grundstücke wurden bereits gemischt genutzt, d.h. Wohnungen im Vorderhaus und Werkstätten und kleinere Fabriken in den Hinterhöfen. 1832 hatte die gesamte Rosenthaler Vorstadt 9647 Einwohner.

Das heutige Brunnenviertel (ein Kunstname der letzten Jahre) gehörte halb zur Oranienburger Vorstadt (westlich der Brunnenstraße), halb zur Rosenthaler Vorstadt (östlich der Brunnenstraße). 1920 wurde der nördlich der Bernauer Straße gelegene Teil dem neugebildeten Bezirk Wedding zugeordnet und somit mit den Ortsteilen Wedding und Gesundbrunnen vereinigt, die erst seit 1861 zu Berlin gehört hatten. Durch den Mauerbau und die Kahlschlagsanierung im Weddinger Teil der Vorstadt hat das Gebiet sein Gesicht völlig verändert.

Autor: Matthias Eberling, kiezschreiber.blogspot.de

3 Kommentare
  1. […] Erster Teil: Wie das Brunnenviertel besiedelt wurde […]

  2. […] Ein bisschen Wissen über die Geschichte der Berliner Stadtteile schadet nie. Gerade auch, da dieses bei vielen Berlin-Bewohnern zum Rand hin abnimmt. Mitte – da kann man ein bissl berichten, Zoo – zur Not auch noch, und zu „Gemeinplätzen“ wie dem Kollwitzplatz lassen sich im schlimmsten Falle immer ein paar Worte finden (“Schwabenbesiedlung” und so). Aber wie sieht es mit dem Brunnenviertel aus? Der Kiezschreiber Matthias Eberling, der sonst auf seinem eigenen Blog zu finden ist, hat sich beim Weddingweiser dem Thema angenommen und berichtet dort davon, „Wie das heutige Brunnenviertel besiedelt wurde“. […]

  3. Leider alles sehr ungenau. Das Gebiet „Brunnenviertel“ ist klar begrenzt und nicht deckungsgleich mit „Gesundbrunnen“. Die Panke floss hier auch in der Vergangenheit nicht durch. 😉

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