Die Kolumne: Qual der Schulwahl

Meine Mutter hatte es gut. Sie weiß gar nicht, wie gut sie es hatte. Wirklich. Als ich sieben Jahre alt wurde, schickte sie mich einfach so in die Schule. Die Frage, in welche Schule ich gehen würde, stellte sie sich nicht. Es gab ja auch nur eine in dem kleinen Ort am Rand von Berlin. In die wurde ich eingeschult, da machte ich später meinen ersten Abschluss. Ende der Geschichte. 30 Jahre später im Wedding könnte ich bereits jetzt Bücher über das Thema Schulwahl verfassen und die Entscheidung für eine Bildungseinrichtung fällt mir schwer. Und dabei muss ich erst in den kommenden Monaten ein Kreuzchen vor einem Schulnamen machen, der kleine Weddinger bekommt erst in einem Jahr eine Schultüte.

In den letzten zwei Jahren habe ich Bekanntschaft mit dem Einschulungssystem in Mitte gemacht. Ich lebe im Schulsprengel 7. Das bedeutet, dass ich theoretisch unter sieben staatlichen Schulen wählen darf. Praktisch, so merkte ich, ist das ein wenig anders, denn unser Sprengel fasst Schule aus dem Wedding und Schule in Alt-Mitte zu einem Einschulungsbereich zusammen. Das klingt nicht schlimm. Aber offenbar nur für meine Ohren. Bekannte aus Alt-Mitte haben riesige Angst, dass sie aufgrund von Überfüllung der guten Schulen jenseits der Bernauer Straße am Ende einer der Schulen im Brennpunktbezirk zugeordnet werden (das ist offenbar die Idee der Bildungsverwaltung, eine Mischung soll hergestellt werden). Einige Eltern würden ihre Mittekinder eventuell noch in die Naturwissenschaftsklassen der Gustav-Falke-Grundschule, die nach Deutschtest gebildet werden, geben. Mehr Wedding müsste der Anwalt eben wegklagen.

Gretchenfrage: Bin ich eine richtige Weddingerin?

Jetzt steht für mich die Gretchenfrage bevor: Bin ich so richtig und überzeugt Weddingerin oder nicht? Werde ich als bildungsbewusster Mensch gegen den Trend bei den bildungsbewussten Familien im Brunnenviertel mein Kreuz an eine Schule auf meiner Seite der Bernauer Straße machen?

Ich habe mir in den letzten zwei Jahren alle Schulen im Schulsprengel angeschaut. Sogar diese eine beliebte Schule, die ihre Türen der Werbung wegen gar nicht für Eltern zu öffnen braucht, weil sowieso alle dorthin wollen. Ich war auch in den Schulen im Brunnenviertel. Ich haben auf beiden Seiten der Bernauer Straße Schulen gefunden, die mir überhaupt gar nicht gefallen. Also gar nicht überhaupt nicht. Ich habe aber auch auf beiden Seiten Schulen gefunden, die ich vom Ansatz her gut finde. Die im Brunnenviertel sind nah, viele Lehrer sind engagiert, die Klassen sind kleiner als die vollgeklagten Klassen in Alt-Mitte, es gibt viele geförderte Projekte.

War es früher leichter oder mache ich es mir nur schwer?

In meinem Vorweddinger Leben habe ich zusammen mit anderen zwei freie Schulen gegründet. Leider außerhalb von Berlin. Ich denke mir, ich quäle mich vielleicht deshalb so sehr mit der Auswahl der Schule. Vielleicht aber auch deshalb, weil der kleine Weddinger natürlich ein besonders besonderes Kind ist. Oder störe ich mich am Ende doch nur an den nahezu 100 Prozent Mitschülern mit Migrationshintergrund, ich Heuchlerin, ich?

Die Entscheidung ist wichtig. Es gibt zu viel Auswahl. Oder zu wenig. Das hat sich auch in dem einen Jahr nicht geändert, das ich durch die Rückstellung des kleinen Weddingers herausgeschunden habe.

Meine Mutter versteht vermutlich gar nicht, wovon ich immer rede. Sie freut sich einfach, dass der kleine Weddinger schon bis weit über 100 zählen kann, dass er überraschend sicher die Zahlen hin und her rechnet, dass er mit etwas Hilfe schöne kleine Briefchen in Krakelschrift verfasst und immer alles ganz genau wissen will. Meine Mutter hat es noch immer gut. Und sie weiß es gar nicht!

Wedding ist nicht Wedding. So steht es auf der Seite www.planet-wedding.de. Blog-Betreiberin Dominique Hensel schreibt dort seit 2008 über ihre Erlebnisse im Wedding. Ab sofort lädt die Journalistin aus dem Brunnenviertel die Leser des Weddingweiser ein Mal im Monat dazu ein, einen Blick in die Welt einer Weddinger Familie zu werfen. Die private Kolumne über eine Familie auf dem Planeten Wedding – immer am ersten Mittwoch im Monat. Heute: Qual der Schulwahl.

Foto und Text: Dominique Hensel

4 comments

  1. Susanne Haun

    Mir ging es wie Dominique, ich wurde um die Ecke in der ersten Schule vom Wohnort entfernt, eingeschult. Früher hieß sie Rübezahlgrundschule, heute Erika Mann Grundschule und sie liegt im Zentrum vom Wedding, der Utrechter Str. in der Nähe von der Müller- Ecke Seestr. Als mein Kind auf die Welt kam, sind wir nach Heiligensee gezogen. Das hatte aber andere Gründe, nicht die Schulwahl meines Kindes. Ich wollte ins Grüne. Aber auch dort war die Wahl nicht einfach. Ich habe meinen Sohn sogar in der 4. Klasse umgeschult, weil wir mit seiner Schule nicht zufrieden waren und er hat mir später gesagt, wie gut das war und wie froh er darüber ist.
    Heute studiert mein Kind in Göttingen (wieder eine schwierige Wahl — die 3. nach dem Gymnasium: die Auswahl der Uni).
    Es ist egal, in welchem Bezirk man lebt, es gibt in jedem Bezirk gute und schlechte Schulen. Letzendlich steht und fällt der Ruf einer Schule immer mit der Leitung der Schule.

  2. R.Faccin

    Das sich in Alt-Mitte die „guten Schulen“ befinden sollen, diese Ironie versteht sicherlich nicht jede(r). Besser wäre auf diese Ironie zu verzichten, sonst glaubt das noch jemand.

  3. Ramiro Gómez (@yaph)

    Viele Leute haben offenkundig Angst, dass Ihre Kinder aufgrund der vielen anderen Kinder mit Migrationshintergund auf einer Weddinger Schule was auch immer für Nachteile haben, z. B. die Sprache nicht richtig lernen. Fakt ist, dass an den Schulen außer im Fremdsprachenunrerricht Deutsch gelehrt und gesprochen wird. Ebenso die Kinder untereinander, was vielleicht auch mit den inzwischen sehr vielen verschiedenen Nationaltäten (der Vorfahren) zu tun hat.

    Wer ein Problem mit einem zu hohen Migrantenanteil hat und daher sein Kind in eine andere Schule schickt oder gar aus dem Wedding wegzieht verstärkt das Problem.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: