„Berliner Macht“: Mörderjagd im Wedding

Da heißt es immer, der Wedding sei kriminell. In diesem Fall wird aber zunächst einmal nur die verweste Leiche im Wedding, genauer gesagt in Gesundbrunnen, gefunden….

Ullrich Wegerich
Der Autor Ullrich Wegerich

Manchmal stellt sich dieses Gefühl beim „Tatort“-Schauen ein: man kennt vielleicht den Schauplatz, der da in Szene gesetzt wird. Weil man den Stadtplan im Kopf hat, ärgert man sich aber viel mehr über unrealistische Regie-Kniffe oder unlogische Handlungsstränge als über den Fall selbst. Das, so denkt man, würde einem bei diesem Krimi, der im Wedding spielt, ganz genauso passieren. Aber der Roman stellt in jeder Hinsicht eine positive Überraschung dar.

Das (erste) Opfer in „Berliner Macht“ ist ein Hartz IV-Empfänger aus einer armen Gegend, die dafür den umso klangvolleren Namen Gesundbrunnen trägt. Auch wer die Stadt nicht kennt, steigt schnell in die Milieus des neuen Berlin ein, wenn er das Buch „Berliner Macht“ von Ullrich Wegerich liest. Die Ermittlungen führen den Kripo-Kommissar Mannheim und seine Kollegin in Lebenswelten, die hart voneinander abgegrenzt sind: der arme Wedding, der neureiche Prenzlauer Berg und die politische Szene der Bundeshauptstadt. Alle Figuren sind sorgsam ausgearbeitet, die Umfelder der Protagonisten sehr genau in Szene gesetzt. „Ich stelle mir für jede Romanfigur immer eine Person vor, die ich kenne, und dichte etwas hinzu“, beschreibt der Autor den Entstehungsprozess. So habe auch die junge polnische Kindergärtnerin aus dem Roman ein reales Vorbild – Ullrich Wegerichs Nachbarin in Charlottenburg. Und auch mit dem Kommissar hat der 57-Jährige etwas gemeinsam – die Herkunft aus Mainz am Rhein und den Wohnort in Charlottenburg.

„Ich kenne das Umfeld der Justiz- und Polizeibeamten aus meiner eigenen Biographie heraus sehr gut“, erklärt Ullrich Wegerich. Wie es in deutschen Amtsstuben abgeht, aufgezeigt am Beispiel der unklaren Hierarchien und wechselnden Befindlichkeiten hinter den Mauern der Berliner Polizeibehörden, wird im Roman derart präzise beschrieben, dass es der Leser dem Autor sofort abkauft. Das ist kein Wunder, denn die Milieubeschreibungen lassen durchschimmern, dass der Autor studierter Soziologe ist. Und auch seine Ortskenntnis beruht auf eigener Erfahrung: Anfang der 1980er Jahre hat Ullrich Wegerich im Moabiter Stephankiez gewohnt und hatte damals viele Bekannte, die im Wedding lebten. Noch heute findet er den Wedding mit seinen vielen Spannungsfeldern „einfach klasse“, gerade weil er räumlich so nah an Gebieten liegt, die von völlig anderen sozialen Schichten geprägt sind.

Um das Reizthema Gentrifizierung geht es natürlich auch. Denn die Wohnungen der städtischen Wohnungsbaugesellschaft am Gesundbrunnen sollen an einen ausländischen Investor verkauft werden, der alles modernisieren und anschließend teuer vermieten will: „Die Leute, die hier wohnen, sind alle arm“, heißt es im Roman. „Die können keine hohen Mieten zahlen, das Jobcenter macht das nicht mit.“ Das ist alles nichts Neues – jedenfalls für uns im Wedding. Aber schon in anderen Berliner Stadtteilen oder gar im wohlhabenden Westen unseres Landes verhält sich das ganz anders. Da kommt Ullrich Wegerichs Krimi genau richtig: Er verpackt die sozialen Veränderungen, die sich in unseren Kiezen abspielen, in eine spannende Krimihandlung, um sie so auch jenseits der Grenzen des Weddings bekannt und verständlich machen zu können.

Wie die Roman-Kommissare schnell feststellen, unterscheiden sich die Träume und Hoffnungen des Opfers so sehr von der Realität wie – sagen wir – Karl-May-Bücher vom heutigen Amerika. Dieser Vergleich ist sogar gar nicht weit hergeholt, denn schließlich ist Ullrich Wegerich in seinem Hauptberuf Autor zahlreicher Western-Groschenromane…. Mit seinen Kommissar Mannheim-Krimis (es gibt noch einen Charlottenburg-Krimi und bald auch einen aus „Kreuzkölln“) zeigt Ullrich Wegerich jedoch, dass die sozialen Missstände in dieser Stadt mehr Stoff hergeben als Trivialliteratur vom Zeitungskiosk. Man kann daraus gute Krimis stricken.

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2 comments

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