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Beton statt Ball-Akrobatik:
Warum Herthas Stadion an der Plumpe verschwand

Zwischen Bahngleisen, der Swinemünder Brücke und der Behmstraße am Gesundbrunnen lag einst einer der berühmtesten Fußballorte Berlins: das Stadion am Gesundbrunnen, im Volksmund schlicht „Plumpe“ genannt. Heute stehen dort Betongebirge mit 440 Wohnungen – und nur wenige Spuren erinnern daran, dass hier jahrzehntelang zehntausende Fans Fußball feierten.

Ein bisschen traurig macht es den Spaziergänger, der auf die grauen Wohnblöcke an der Behmstraße schaut. Nichts deutet an diesem unscheinbaren Gelände darauf hin, was hier bis Mitte der 1970er stand: ein legendäres Stadion. Die Geschichte dieser Gegend ist eine Mischung aus Fußballlegenden, Finanzkrise und West-Berliner Stadtentwicklung der 1970er Jahre.

Januar 1974 – Blochplatz und Plumpe-Stadion; Foto: Andreas Schwarzkopf

Es ist der 3. September 1974, Hertha BSC spielt gegen Royal Antwerpen. Der Berliner Traditionsverein gewinnt sein Heimspiel. Doch als der Schiedsrichter das Spiel abpfeift, schießen einem Mann die Tränen in die Augen: „Hanne“ Sobek, Ehrenpräsident von Hertha BSC, der hier selbst jahrelang erfolgreich gespielt hatte, hat soeben, wie Tausende Vereinsanhänger, das letzte Spiel der Blau-Weißen an der Plumpe erlebt. Danach ging alles sehr schnell: Schon kurze Zeit später wurde das Stadion vollständig abgerissen – und fast nichts mehr erinnert daran.

Ein Stadion mitten im Arbeiterviertel

Foto: Samuel Orsenne

Der geschäftstüchtige Gastwirt Joseph Schebera baut kurz nach der Jahrhundertwende beiderseits der Behmstraße Sportplätze, ein Casino sowie Umkleideräume. Das führt dazu, dass immer mehr Spiele statt am „Exer“ im Prenzlauer Berg an der Behmstraße ausgetragen werden. Ab 1904 ist auch für den BFC Hertha 1892 die Behmstraße das Zuhause. 1919 gerät der Verein aber in Finanznot – es ist schwierig, die nötige Pacht für den Sportplatz aufzubringen. Schließlich verkauft der Gastwirt Joseph Schebera den Platz 1923 an einen anderen Verein, den SV Norden-Nordwest 1898 – bis heute ist das die Heimstatt dieses Clubs. Der nunmehr „heimatlos“ gewordene Verein Hertha 92 sieht sich gewungen, mit dem Berliner Sport-Club (BSC) zu fusionieren – Hertha BSC entsteht. Finanzstarke Vereinsmitglieder des BSC hatten da bereits das Gelände der „Schebera-Eisbahn“ südlich der Behmstraße erworben. Dort wurde das später legendäre Stadion am Gesundbrunnen gebaut – in ganz Berlin als „Plumpe“ bekannt.

Am 9. Februar 1924 wurde der neue Platz mit einem Spiel gegen den VfB Pankow eröffnet. Die Anlage lag eingezwängt zwischen der Behmstraße, der Bellermannstraße/Swinemünder Brücke und den Bahngleisen des Bahnhofs Gesundbrunnen. Mit rund 35.000 Plätzen war sie für damalige Verhältnisse ein großes Stadion, aber vor allem ein typisches Kiezstadion mit seinen zwei steilen Stehtribünen hinter den Toren.

Die Haupttribüne war eine überdachte Holzkonstruktion, dazu kamen zwei legendäre Stehtribünen, die – typisch Wedding – lustige Spitznamen hatten: Da gab es zum einen den „Uhrenberg“ (wegen der Stadionuhr) und zum anderen den „Zauberberg“ hinter dem Tor. In diesem Stadion feierte Hertha BSC auch seine größten sportlichen Erfolge – etwa die deutschen Meisterschaften 1930 und 1931.

Der langsame Abschied

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Stadion stark beschädigt; die Haupttribüne war 1945 abgebrannt. Erst 1950 wurde die Anlage wieder aufgebaut – die Plumpe wurde wieder als Stadion genutzt. Mit der Gründung der Bundesliga 1963 änderten sich jedoch die Anforderungen: größere Stadien, bessere Infrastruktur, mehr Sitzplätze. Die Plumpe erfüllte diese Anforderungen nicht mehr, weshalb Hertha ihre Bundesligaspiele im Olympiastadion austrug. Die alte Spielstätte wurde danach nur noch gelegentlich genutzt.

Der finanzielle Absturz – und der Verkauf

Das Ende kam Anfang der 1970er Jahre. Nach dem Bundesliga-Skandal von 1971, in den auch Hertha-Spieler verwickelt waren, geriet der Verein in schwere finanzielle Schwierigkeiten. Die Schulden drohten existenzbedrohend zu werden. Hertha brauchte dringend 6,2 Millionen DM. Der Verein musste seine traditionsreiche Heimstätte aufgeben, um wirtschaftlich zu überleben. Das Areal wurde schließlich an einen Bauträger verkauft – Hertha war danach zwar schuldenfrei, doch die Gegend verlor an Glanz.

440 Wohnungen statt Fußballtribünen

Auf dem ehemaligen Stadion-Gelände entstand anschließend eine große Wohnanlage. Insgesamt wurden etwa 440 Wohnungen gebaut – ein typisches Projekt des West-Berliner Wohnungsbaus der 1970er Jahre. Der Städtebau folgt dem damals verbreiteten Prinzip großer Wohnkomplexe: mehrere lange Wohnblöcke, Innenhöfe und Grünflächen, funktionale Architektur ohne viel Ornament. Zur Bahn hin sind die Betongebäude nur zweistöckig.

Die Gebäude stammen aus der Phase, in der West-Berlin massiv neuen Wohnraum schuf. Viele Anlagen aus dieser Zeit setzen auf schlichte Beton- und Putzfassaden, klare Linien und relativ hohe Gebäude – typisch für den sozial orientierten Wohnungsbau der 1970er Jahre.

Erinnerungen an Hertha

Am rechten Bildrand ist eine Fußball-Statue zu erkennen. Foto: Samuel Orsenne

Ganz verschwunden ist die Vergangenheit jedoch nicht. In der Wohnanlage erinnern heute vier Skulpturen von Fußballspielern des Bildhauers Michael Schoenholtz an das frühere Stadion. Auch der Ort selbst trägt noch die Erinnerung: Die Straße „Plumpe“ oder der Begriff „an der Plumpe“ lebt im Berliner Sprachgebrauch weiter – benannt nach einer alten Wasserpumpe in der Behmstraße. Außerdem wurde der Kiez wegen der nahen Heilquelle des historischen Gesundbrunnens so genannt.

Ein Stück Fußballgeschichte unter Wohnungen

Heute wirkt die Wohnanlage ausgesprochen unspektakulär, um nicht zu sagen hässlich. Wer durch die Höfe läuft, sieht kaum noch, dass hier einmal zehntausende Menschen dicht gedrängt standen und Hertha anfeuerten. Doch unter dem Asphalt und den Grünflächen liegt noch immer die Form des alten Stadions – die Arena der „Plumpe“, in der einst ein Arbeiterviertel seinen Fußball feierte. Doch damit nicht genug: Sogar Herthas ehemaliges Vereinsheim, das Domizil an der Ecke Behm- / Jülicher Straße aus dem Jahr 1924, wurde nach hundert Jahren abgerissen.

Das Domizil ist inzwischen Geschichte. Fotos: Samuel Orsenne

Immerhin gibt es Informationstafeln der Berliner Fußballroute rund um das Gelände, die über die Fußballkultur informieren und die Geschichte am Leben erhalten, die hier einst geschrieben wurde.

Foto: Samuel Orsenne
Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

4 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. „Nach dem Bundesliga-Skandal von 1971, in den auch Hertha-Spieler verwickelt waren, geriet der Verein in schwere finanzielle Schwierigkeiten.“ Das ist ja doch etwas beschönigend ausgedrückt, bei 15 betroffenen Spielern.

  2. War als Kind zwei- dreimal dort. Stehplätze, dröge dümpelnde Schlachtgesänge, nicht mein Ding. Der Hype um den Profifußball, insbesonders in Berlin, scheint langsam zurückzugehen und mutiert wohl wieder zu dem, was er ursprünglich war, eine Sportart der Proleten.

    • Hallo Richard Holzmann
      also zum Fussball geh ich schon lange nicht mehr, aber Fussball ist alles andere als eine Sportart der Proleten…. also schön den Ball flach halten lieber Sportsfreund
      Grüße

  3. Morjen
    ach ja was war das eine tolle Zeit… wann immer ich dort mit dem Rad heute lang komme muss ich an die Zeit von 1969 bis 1978 denken, Jung unbeschwert und ständig auf Achse, alle Heimspiele von Hertha und die Auswärtsspiele in Hamburg, Hannover und Braunschweig miterlebt, allerdings alle im Olympiastadion. War die längst vergessene beste Zeit von Hertha 1x Vize ( hinter dem FC !! ) 2x Dritter und 2x im Endspiel um den DFB-Pokal gestanden…. beste Zeit, kommt nicht wieder
    sonnigen Sonntag

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