Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden

An der Müllerstraße ist der Lack ab

Die Müllerstraße, die über drei Kilometer lange, unangefochtene Hauptschlagader des Wedding, besitzt noch das Format einer Hauptstraße. Ihr bescheidener Anfang als Sandpiste zwischen Tegel und Berlin ist ihr jedenfalls nicht mehr anzusehen, Reste der ländlichen Bebauung vor den Toren Berlins gibt es auch nicht mehr. Wie so viele Magistralen anderer Weltstädte führt sie schnurgerade aus den Vororten direkt ins Herz der Innenstadt.

Fachgeschäfte an der Müllerstraße schließen für immer

Man ist versucht zu sagen, dass früher alles besser war. Nicht nur C&A schließt seine Filiale an der Müllerstraße zum Jahresende, sondern auch noch zwei alteingesessene Fachgeschäfte am U-Bahnhof Rehberge: Moden-Scheffler (Müllerstr. 113) und „Hosen spezial“ (Müllerstr. 119). Bis vor ein paar Jahren war die obere Müllerstraße zwischen Afrikanischem und Englischen Viertel mit ihrer Ladenvielfalt ein El Dorado für Käufer. „Wir haben voneinander profitiert“, sagt Ronald Pockrandt im Interview mit dem Berliner Abendblatt (Ausgabe vom 11.12.2011). „Der Mann kam zu mir, suchte sich ein paar Hosen aus, seine Frau ging in ,ihr’ Modegeschäft, und beide schauten dann noch im Schuhgeschäft vorbei“, erzählt Pockrandt. Anschließend ging’s auf einen Imbiss in die Müllerhalle – dort gab es bis vor 15 oder 20 Jahren noch jede Menge Stände mit frischen Waren. Heute beherrschen Spielcasinos und Shisha-Bars das Bild in der Müllerstraße.

Strukturwandel in den alteingessenen Einkaufsstraßen unaufhaltsam

Das kann man bedauern. Man muss aber auch sehen, dass an anderer Stelle den veränderten Einkaufs-Gewohnheiten Rechnung getragen wird. Im Hosen-Spezial sind die 1970er-Jahre bis in den letzten Winkel zu spüren. „Ich habe mich auf die älteren Herrschaften und auf die dicken Bäuche spezialisiert“, sagt Pockrandt im Abendblatt-Interview. Doch auch diese Kunden werden sich über kurz oder lang an die vielen Shopping-Center gewöhnt haben, die es vor 20 Jahren noch kaum gab. Sogar im alten Bezirk Wedding gibt es mit dem Gesundbrunnen-Center einen großen Einkaufstempel, und auch die Reinickendorfer Borsig-Hallen ziehen die zahlungskräftigen Kunden ab. Überhaupt – die Kaufkraft: die ist im nordwestlichen Teil des Wedding gar nicht so niedrig wie man denken könnte. Viele BVG-Pensionäre, ehemalige Schering-Beschäftigte und das kleine Bürgertum kennzeichnen nämlich die Bewohnerschaft rund um den U-Bahnhof Rehberge. Damit unterscheidet sich dieser Teil des Wedding von den anderen Kiezen, in denen es viel mehr sozial Schwache und Studenten gibt.

Wer soll solche Fachgeschäfte übernehmen?

Man kann dem Ladenschwund sicher nachtrauern. Aber, Hand auf’s Herz: welcher junge Existenzgründer würde einen solchen Laden übernehmen wollen, in dem gewachsene Kundenbeziehungen eine so große Rolle spielen? In dem absehbar ist, dass die Kundschaft in den nächsten Jahren allein schon aus Altersgründen wegbricht? Die persönliche Bindung an ein Modegeschäft ist in den letzten Jahren ohnehin verloren gegangen. Angesichts der veränderten Gewohnheiten und Geschmäcker wird es eben Gewinner und Verlierer geben. Die obere Müllerstraße wird dabei wohl oder übel auf der Verliererseite stehen, wenn es um die überregionale Versorgung mit Waren des gehobenen Bedarfs geht. Die Zeiten ändern sich.