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Beispielgebender Genossenschaftsbau:
Eine Insel der Harmonie am Nordufer

Zum Tag des offenen Denkmals öffnete die Wohnanlage am Nordufer ihre Türen – ein genossenschaftliches Modellprojekt von 1904/05, das bis heute zeigt, wie Wohnen mit Licht, Luft und Gemeinschaft gedacht sein kann.

Der Himmel über dem Nordufer ist strahlend blau, als sich die Gruppe vor Hausnummer 17/18 versammelt. Am Tag des offenen Denkmals drängen sich sonst die Massen in Kirchen und Museen – hier aber stehen rund zwei Dutzend Menschen vor einer Wohnanlage, die von außen wie eine hübsche Gründerzeitfassade wirkt. Doch sobald der Blick nach oben wandert, auf die wuchtigen Doppelgiebel und die Balkone voller Blumen, wird klar: Hier steckt mehr als bloße Kulisse.

Reformidee in Backstein
1904/05 errichtete die 1892 gegründete Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft (1892 eG.) am Spandauer Schifffahrtskanal diese Anlage mit 180 meist kleinen Wohnungen – ein frühes Modell genossenschaftlichen Wohnens. Architekt Paul Kolb schuf keine Mietskaserne, sondern ein kleines Dorf in der Stadt. Drei Höfe liegen hinter den zur Straße hin gelegenen Fassaden: einer repräsentativ mit Rosenbeeten, zwei andere als Spielfläche oder Gemeinschaftsfläche. Wer an den Vorgärten vorbei – durch den über zwei Geschosse gehenden – hohen mittleren Torbogen tritt, findet sich in einer grünen Oase wieder, wo an diesem Samstag bunte Luftballons in den Bäumen hängen und Tische für ein Hoffest bereitstehen. Die Anlage ist im Laufe der Zeit gewachsen: 1979 wurde ein Nachbarhaus in der Buchstraße dazugekauft, dessen Hinterhäuser abgerissen und eine gemeinsame größere Hoffläche geschaffen.

Architektur mit Haltung
Die Fassaden sprechen eine eigene Sprache: rote Ziegeldächer, Erker, Loggien unter Rundbögen, ein Renaissance-Doppelgiebel, der den Straßenraum an der Ecke Fehmarner Straße dominiert. Das Auge wandert an Balkonen entlang, deren filigrane rote Gitter wie frisch gestrichen wirken, bis hoch zu hölzernen Stützen, die ein auskragendes Dach tragen. „Das war damals ein bewusstes Gegenmodell zur dunklen Mietskaserne“, erklärt Architekt Alexander Stöckl, der die Gruppe durch die Anlage führt. Er leitet die Bauabteilung der Genossenschaft, die sich den Erhalt der Baudenkmäler für zukünftige Generationen auf die Fahnen geschrieben hat.

Alltag mit Fortschritt
Auch im Inneren der Anlage wird sichtbar, wie modern diese Siedlung war: Jede Wohnung, auch in den vier Seitenflügeln, hatte Toilette und Waschbecken – für Arbeiterfamilien ein Luxus, den die Berliner Hinterhöfe sonst nicht kannten. Gemeinschaftliche Waschräume mit Badewanne gab es in jedem Aufgang unter dem Dach. Heute sind die Wohnungen modernisiert und haben eigene Bäder, doch im Treppenhaus blitzt die Geschichte wieder auf: beige Wände mit rotem Begleitstrich, dunkles Holzgeländer, massive Wohnungstüren, nach und nach wird alles denkmalgerecht saniert. Die Besonderheit damals war, so erklärt Stöckl, dass es keine soziale Rangfolge zwischen Vorderhaus und den hinteren Wohnungen gab. Auch innerhalb der Aufgänge gibt es keine Beletage oder Staffelung des Komforts.

Gemeinschaft als Prinzip
Die Genossenschaftsphilosophie zeigt sich auch in Symbolen: Der Bienenkorb, Sinnbild für Fleiß und Gemeinsinn, wurde wieder an den Fassaden angebracht – auf Wunsch der Bewohner. Er erinnert daran, dass hier nicht nur gebaut, sondern ein Lebensmodell gepflegt wurde. Gaststätte mit Festsaal, Bibliothek, Kindergarten – all das gehörte einst dazu. Zum 120. Jubiläum wurde die Bibliothek über dem ehemaligen Gasthaus restauriert: hohe Fenster, Bücher in Glasvitrinen, ein Ort, an dem Gemeinschaft Geschichte atmet. Eine Besonderheit der 1892 e.G. ist der Siedlungsausschuss, eine Vertretung der Bewohner:innen der Anlage, der ihre Interessen gegenüber der Genossenschaft vertritt. Noch immer wird Zusammenhalt gepflegt: So gibt es bis heute eine gemeinsame Waschküche.

l.: Stöckl vor dem Bienenkorb-Symbol, r.: In der Bibliothek der Anlage

Zeitlos jung geblieben
Die Führung endet im Hof, wo Kinder zwischen Bäumen spielen, während die Gäste ihre Blicke über die roten Backsteinfassaden schweifen lassen. 120 Jahre nach ihrer Errichtung wirkt die Anlage nicht alt, sondern fast visionär. Sie zeigt, wie eine Genossenschaft mit Mut zur Reform ein Stück Stadtutopie am Kanal geschaffen hat – und warum es sich lohnt, solche Orte am Tag des offenen Denkmals neu zu entdecken.

Auch die Siedlung Schillerpark gehört zu dieser Genossenschaft.

Diashow aller Bilder:

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

4 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Morjen … wie immer
    Bei dem Wort Waschküche werden Kindheitserinnerungen wach… wie icke als kleener Pimpf Mutter’n beim waschen der Wäsche helfen musste – Vatter hat dit nich jemacht, war damals nicht üblich. Mann schaft dit Jeld ran Mutta macht den Haushalt… war anstrengend mit de kleenen Kindahände de Wäsche auszuwringen – besonders bei’de Bettlaken war dit ne‘ Leistung, aba dafür hab ick dann starke Unterarme und nen festen Griff jehabt det allet jut festhält :)))
    Für unsere jüngeren Weddinger, die nur Waschmachine und Trockner kennen:
    „Auswringen“ bedeutet, ein nasses, weiches Material wie einen Lappen oder ein Kleidungsstück fest zu greifen und zu verdrehen, um möglichst viel Wasser herauszupressen. Durch diese Drehbewegung und den Druck wird die Flüssigkeit aus den Fasern gezwungen. Das Ziel ist es, das Material von überschüssigem Wasser zu befreien und es so schneller trocknen zu lassen. Man wringt also etwas aus, um es trockener zu machen.
    Was mir noch aufgefallen ist : die Menschen die dort wohnen, scheinen es echt wertzuschätzen das Haus(flur) sauber zuhalten. Bei uns wurden vor gut 6 Jahren die Flure farblich in den Originalzustand umgestrichen – heute gibt es jede menge Gebrauchtspruren… Kratzer usw. … man es ist schlimm das die sich nicht versehen können, muss mal der Kühlschrank oä runter getragen werden wird alle paar Meter ne Schramme in der Wand hintrlassen …. grrrr
    ach ja das ganze Haus das ist lebendige Architektur… nicht diese seelenlose Betonklötzer von heute zb Europa-Stadt an der Invaliden Str.
    sonnigen Sonntag

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