Das Rauschen der Stadt klingt hier nur noch gedämpft – kaum zu glauben, dass man sich an einer der quirligsten Ecken des Weddings befindet. Wir entführen euch auf einen kleinen, aber zentral gelegenen Friedhof.

Ein geradliniger, von Bäumen gesäumter Hauptweg durchzieht das mehr als 550 Meter lange und nur etwa 60 Meter schmale Gelände und verleiht ihm eine parkähnliche Ruhe. Unmittelbar angrenzend liegen weitere Friedhofsareale (etwa der Urnenfriedhof Seestraße) und der Schillerpark jenseits der Ungarnstraße, sodass der Eindruck einer zusammenhängenden grünen Oase mitten im Bezirk entsteht.

Das denkmalgeschützte ehemalige Totengräberhaus (Baujahr 1867) am Haupteingang des St.-Philippus-Apostel-Friedhofs in Wedding gehört zu den ältesten Gebäuden an der Müllerstraße. Mit seiner gelb-roten Ziegelfassade im Schinkel-Stil erinnert es an die frühe Geschichte des Friedhofs, als es hier noch wenig Bebauung gab.
Der Friedhof blickt auf über 160 Jahre Geschichte zurück: 1859 wurde er als Begräbnisplatz der evangelischen St.-Philippus-Apostel-Gemeinde angelegt, und am 5. Juli jenes Jahres fand die erste Beisetzung statt. Zur Zeit der Gründung lag diese letzte Ruhestätte noch weit vor den Toren Berlins – die Umgebung war kaum besiedelt und bestand aus Wald und sandigen Hügeln der nördlichen Dünenlandschaft. Nicht zufällig wählte man den Standort an der Ausfallstraße Richtung Oranienburg (der heutigen Müllerstraße), die als wichtige Verbindung vom Oranienburger Tor in die märkische Umgebung diente. Bis heute zeugen zwei Bauwerke aus jener frühen Phase von der historischen Bedeutung des Friedhofs: Zum einen steht direkt am Haupteingang das schlichte Wohnhaus des Totengräbers aus dem Jahr 1867, das noch heute als Friedhofsverwaltung dient. Dieser eingeschossige Ziegelbau – der Kopfbau besitzt ein zweites Stockwerk – wurde von Eduard Schmidt, einem Schüler Schinkels, entworfen und gehört mit seiner gelben Backsteinfassade und den roten Zierelementen zu den ältesten Gebäuden der Müllerstraße.

Zum anderen erhebt sich weiter innen die kleine Friedhofskapelle, die um 1878 erbaut und im Jahr 1900 umgestaltet wurde. Mit ihrem bescheidenen Glockentürmchen bildet sie einen architektonischen Blickfang entlang der zentralen Allee. Beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz und verleihen dem Eingangsbereich des Friedhofs ein historisches Gepräge.

Das Mausoleum der Familie Bathmann (erbaut 1927–1928) auf dem St.-Philippus-Apostel-Friedhof, gestaltet als verkleinerte Kopie eines dorischen Tempels mit Säulenvorhalle und Dreiecksgiebel. Solche aufwändigen Grabmale aus der Zeit um 1900 zeugen vom gesellschaftlichen Rang mancher hier bestatteter Familien.
Auf einem Spaziergang über die schmalen Pfade entdeckt man zahlreiche aufwändig gestaltete Grabstätten vergangener Epochen. Viele dieser Grabanlagen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stehen heute unter Denkmalschutz und erzählen von Kunstgeschmack und Status ihrer Zeit. Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist das Mausoleum der Familie Bathmann, das 1927/28 als tempelartiger Bau mit Freitreppe, dorischen Säulen und klassischem Dreiecksgiebel errichtet wurde. Die antikisierende Monumentalarchitektur sollte den hohen gesellschaftlichen Rang der Familie betonen – im Inneren fanden der Oberbaurat Carl Bathmann, Reichsbahndirektor Paul Bathmann und Rechtsanwalt Hans Bathmann ihre letzte Ruhe. Stilistisch kontrastiert dazu das Grabmal der Familie Robert Rohn von 1909, das mit seiner schwarzen Granitwand und verzierten Bronzereliefs eine Mischung aus Neoromanik und Jugendstil repräsentiert.

Auch das örtliche Unternehmertum hat Spuren hinterlassen: So errichteten August und Heinrich Wittler, Betreiber der einst größten Brotfabrik Berlins, eine imposante Familiengrabstätte auf dem Philippus-Apostel-Friedhof. Die Anlage aus den 1920er Jahren besteht aus einer elegant geschwungenen dreiteiligen Mauer mit Inschriftentafeln, flankiert von seitlichen Mauern, auf denen Skulpturen sitzender Mädchen als Sinnbilder für das sich erneuernde Leben angebracht sind.
Ein weiteres Zeugnis der Friedhofskultur ist das expressionistische Grabmal der Eheleute Schöttler, geschaffen 1925 von der Bildhauerin Renée Sintenis. Die backsteinerne Grabwand mit ihren ergreifenden Tonfiguren galt als ungewöhnliches Kunstwerk; sie wurde jedoch 1989 abgebaut, und Teile der keramischen Reliefs sind heute in der Kapelle ausgestellt. Diese und andere Grabmale – vom neoklassizistischen Säulengrab für den Magistratsbaurat Ernst Behner (1913) bis zum von antiken Motiven inspirierten Grab des Kapitäns Kurt Klemke (1924) – lassen Geschichte lebendig werden und machen den Friedhof zu einem Freilichtmuseum der Bestattungskultur.

Doch der St.-Philippus-Apostel-Kirchhof ist nicht nur ein Ort der Erinnerung an prominente Bürger, sondern auch stiller Zeuge der Schicksale einfacher Menschen und der Wirren der Geschichte. So befinden sich hier 177 Gräber von Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft – ein Abschnitt des Friedhofs ist Kriegsopfern des Zweiten Weltkriegs und anderen Verstorbenen jener Zeit gewidmet. Gleichzeitig ist der Friedhof ein Ort des Wandels und der Integration. Er wird bis heute als aktive Begräbnisstätte genutzt und hat sich den Bedürfnissen des multikulturellen Weddings angepasst: Weil die Ausrichtung der Friedhofsachse genau nach Südosten in Richtung Mekka verläuft, können hier inzwischen auch muslimische Bestattungen nach traditionellem Ritus stattfinden. Tatsächlich wurde Ende 2023 erstmals ein eigenes Grabfeld für islamische Erdbestattungen eröffnet – eine Neuerung, durch die muslimische Einwohner Weddings ihre Verstorbenen nun wohnortnah und ihrem Glauben entsprechend beisetzen können. Der einst rein evangelische Kirchhof spiegelt damit heute die kulturelle Vielfalt seines Kiezes wider.

Neben seiner historischen und kulturellen Bedeutung erfüllt der Friedhof St. Philippus Apostel auch die Rolle einer grünen Lunge im dicht bebauten Stadtquartier. Viele der alten Bäume – den Erzählungen nach einige sogar Überbleibsel der ehemaligen Berliner Stadtgrenze – sind bis heute erhalten. Unter ihrem Blätterdach tummelt sich überraschend reichhaltiges Stadtleben: Füchse, Eichhörnchen, Wildkaninchen und zahlreiche Vogelarten haben hier zwischen Grabfeldern und Hecken ihren Lebensraum gefunden. Für die Anwohner ist der Friedhof daher nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch ein Ort der Ruhe und Erholung. Manche nutzen die idyllischen Wege für einen stillen Spaziergang oder zum Innehalten abseits des Großstadttrubels. Direkt am Eingang an der Müllerstraße befindet sich heute sogar das Café Moccachino – im Gebäude des ehemaligen Friedhofs-Blumenladens aus den 1970er Jahren – das mit Blick ins Grüne zu einer Pause einlädt. Hier, an der Grenze zwischen urbanem Alltag und friedvoller Abgeschiedenheit, kann man bei Kaffee und Kuchen vergessen, dass draußen die Autos über die Müllerstraße rauschen.



