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Weddinger Botschafter für Früherkennung:
Bro mit Haltung - Ein Friedhofsgespräch mit Ryan Wichert

31. August 2025
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Dorotheenstädtischer Friedhof II, Liesenstraße. Ein Ort für Geduld, für Geschichte, für Gespräch. Die Bank ist frisch gestrichen. Hellgrau, beinahe klinisch. Im Halbschatten der Bäume sitzt ein Mann, der den Wedding nicht nur bespielt, sondern versteht. Ryan Wichert. Schauspieler. Halb Deutscher, halb Engländer. Und, wie sich zeigt: ganz Bro.

Es beginnt mit einer Nachricht auf Social Media. „Charlie Stadler hat mir auf Instagram geschrieben“, erzählt Ryan, als er gefragt wird, wie es zum Testimonial-Engagement der BROstata-Kampagne kam. Stadler weiter: „Willst du mal was über Prostata machen? Drehbuch ist ein bisschen wild. Am Anfang holst du dir einen runter.“ Ryan lacht. Und sagt ja.

Kein Finger, nur Blut

„Comedy ist ein Türöffner. Humor macht’s leichter. Du kannst medizinische PDFs verschicken – oder du drehst was, das hängen bleibt.“

Der 90-Sekünder gehört zu Kampagne von Blue Ribbon Deutschland, in der Ryan inzwischen Botschafter ist. Für Männergesundheit. Genauer: Prostatakrebs-Vorsorge. Das Thema sei „komplett unter dem Radar“, sagt er. Dabei ist es die häufigste Krebsart bei Männern.

„Ich hab selbst nie was mit dem Thema zu tun gehabt. Und dann dachte ich: Wie absurd. Ich trage das Ding da unten seit den 80ern mit mir rum und weiß nix darüber.“

Ryan ließ sich testen. PSA-Wert. Blutabnahme. Zwanzig Euro. Kein Finger. Kein Mythos. „Ich sag’s dir: Easy peasy. Dauert fünf Minuten. Und dann weißte wenigstens was los is.“

Warum so viele Männer das nicht machen? „Weil sie glauben, das sei vielleicht unmännlich. Ein Arzt, der dir hinten was reinsteckt, das geht nicht. Das ist ‘ne andere Abteilung. James Bond geht auch nicht zum Urologen.“

Er lacht. Aber leise. Denn die Pointe trägt Verantwortung.

Männlichkeit, neu gedacht

Für Ryan ist Männlichkeit nicht das, was in den 90ern als Bierwerbung durchging. Kein Rumbrüllen, kein Herumrülpsen. Sondern: Verantwortung. „Für mich, für die Menschen in meinem Leben. Verantwortung übernehmen, auch wenn’s unangenehm wird. Das ist “männlich“.

Er sagt Sätze wie: „You can’t pour from an empty cup.“ Und meint damit: Erstmal selbst gesund sein – körperlich, mental –, dann für andere da sein. „Ich sehe das bei meiner Freundin. Die geht zum Arzt, wenn’s zieht. Ich warte, bis mir ein Körperteil abfällt.“

Das sei kein Witz. Eher: ein Systemfehler. Wir Männer sind nicht darauf sozialisiert, rechtzeitig hinzusehen. Wir denken, das geht schon wieder weg. Nur: tut’s halt oft nicht.“

Dass er heute mit seinem Bro spricht – die animierte Prostata mit Gesicht, Stimme (von Daniel Schlauch) und Charakter –, liegt an seiner Überzeugung, dass Humor mehr kann als Ernst. „Das verwechseln viele: Etwas mit Humor zu betrachten heißt nicht, es nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil.“

Kalle und der Finger

Ryan denkt darüber nach, wie man das Thema in der Theater-Sitcom „Gutes Wedding, Schlechtes Wedding“ – bei der er Teil des Ensembles ist – unterbringen könnte. Vielleicht über Kalle, den Weddinger Postboten. Der kriegt plötzlich den Verdacht auf Prostata. Und wehrt sich. Kalle ist Alte Schule.
 „So ‘n Ding mit dem Finger, das kommt mir nicht ins Haus. Die Zeiten von Rohrpost sind vorbei“, sagt Kalle dann vielleicht. Und steht mit runtergelassener Hose auf der Bühne. Arzt im Rücken. Zeigefinger in Position. Dann: Black. To be continued.

„Genau sowas“, sagt Ryan. „Das funktioniert. So bringst du das Thema unter Leute. Nicht mit Zeigefinger, sondern mit Ironie.“

Kiez mit Kern – und Charakter

Ryan lebt seit Jahren im Wedding – unauffällig, unaufgeregt, aber bewusst. Er kennt den Penny an der Ecke genauso gut wie das Theaterlicht nahe der Müllerstraße. Lieblingsorte? Keine Touristenziele, sondern kleine Rituale: ein Spaziergang durch den Kiez, das Theater, die Bank am Friedhof. Orte, die nichts wollen – und deshalb viel geben.

 „Der Wedding ist ungeschminkt“, sagt Ryan, „und dadurch unglaublich menschlich.“

Was er meint, ist spürbar zwischen Spätis und Sperrmüllkunst: eine gewisse Authentizität, die andere Bezirke längst gegen Industriekaffee und QR-Menüs eingetauscht haben. „Du darfst hier noch Du sein“, sagt er. „Mit Ecken, mit Kanten, mit Herz.“

Kevin, Lothar und der Citizen of the World

Ryans Rollen entblößen ihn oft mehr, als ihm lieb ist. Kevin zum Beispiel – ein socially awkward Filmnerd mit Bakterienphobie und HDMI-Fetisch. „Meine Freundin nennt mich inzwischen manchmal Kevin. Weil ich mich für japanische Messer begeistere. Oder für Kochplatten. Oder Töpfe. Oder Pfannen. Oder HDMI-Kabel.“

Die andere Rolle, die ihn tief berührt hat, war Lothar – in einer ZDF-Neo-Serie. Ein Mann in einer Konversionstherapiegruppe. Der glaubt, dass seine Sexualität heilbar sei. Ryan bereitete sich intensiv vor. Mit Dokus, Spaziergängen, einem Schauspielcoach, viel innerem Sortieren. Er sagt, dass er, als heterosexueller Mann, sowohl weibliche, als auch männliche Körper schön finden kann, unabhängig davon, sie gleich zu sexualisieren.„Für Lothar“, erklärt er weiter, „ist dieser Spagat zu viel und kann sich dadurch in seiner Sexualität nicht mehr sicher sein.“

„Das lässt sich mit meinem Identitätsdilemma keinesfalls vergleichen, in das ich trotzdem gefallen bin“, sagt er nachdenklich. „Ich bin bilingual aufgewachsen – deutsch und englisch. Und irgendwann dachte ich: Ich bin zwei Leute. Wer bin ich denn jetzt wirklich?“ Er löst das Dilemma auf: „Ich bin ein Citizen of the World. Ich bin Europäer. Ich bin Mensch."

Theater & Kampagne – zwei Systeme, ein Ziel

Ryan liebt Theater, weil es Nähe schafft. Aber auch Kampagnen, weil sie Reichweite erzeugen. „Im Theater sitzen hundert Leute. Bei der Kampagne sehen’s hunderttausend. Und vielleicht merkt sich einer: Ah, Prostata geht auch ohne Finger. Zack. Aufgabe erfüllt.“

Ob er Humor als Schutz einsetzt? „Klar. Aber nicht, um Dinge zu verdrängen. Sondern, um sie auszuhalten. Humor ist ein Weichzeichner. Kein Ausblender.“ – mehr so: ironisches Korrektiv.

Sein Vater ist im Januar gestorben. „Es war ein Riesenchaos. Wohnung, Bürokratie, Erinnerungen. Und trotzdem: Ich konnte lachen. Ich konnte mich entscheiden zwischen depressivem Nachtrauern oder freudigem Zurückblicken. Ich nahm letzteres.” Weil’s hilft. Weil’s trägt.“


Epilog

Die Wolken über der Liesenstraße haben sich verdichtet. Die Bank quietscht beim Aufstehen. Ryan sagt noch etwas über Shakespeare und über Captain Iglus erfolglosen Bruder. Ein Charakter aus dem Stück „PIRATES OF THE PLÖTZE“, das er zusammen mit Noémi Dabrowski geschrieben hat und ab November im Prime Time Theater seine Wiederaufführung feiern wird.

Und dann geht er. Nicht wie ein Typ, der einen Spot gemacht hat. Sondern wie einer, der was kapiert hat. Über Körper. Über Rollen. Über das, was bleibt, wenn die Bühne dunkel wird.

Zur Kampagne

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Guten Morgen

    also ich kann euch - den Männern da draussen nur sagen - geht bloss hin zur Vorsorge. Egal ob der Urologe nun Blut abnimmt oder den Finger benutzt .... dauert ganze 10 Sekunden
    Genau deswegen bin ich nicht hin, auch weil ich ziemlich gesund gelebt habe .... Kraftsport, Radfahren, nicht rauchen, kein Alkohol , immer alles frisch zubereitet mit viel Gemüse , weniger Fleisch.... war ich der Meinung mir kann das nicht passieren.
    Nun ist es ein Jahr her und der PSA-Wert ist bei 0,12 , also ist der sch....ß Tumor weg, aber die Medikamentenbehandlung geht noch (ewig) weiter und 2 Nebenbaustellen sind enstanden, die werde ich wohl auch in den Griff bekommen...durch Bewegung und Kraftsport... also alles in Allem hatte ich wohl großes Glück und möglicherweise hat mein gesunder Lebensstil doch geholfen ein wirklich starkes Immunsystem zu haben, arbeite daran das es auch so bleibt!!

    Schönes WE noch

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