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Im 19. und frühen 20. Jahrhundert:
Industrie, Dampf und Fortschritt im Wedding

Dieser Artikel wirft einen Blick zurück auf die wirtschaftliche Entwicklung des Weddings – von der Wassermühle bis zur Großmaschinenhalle.

Bevor der Wedding zum dicht bebauten Arbeiterbezirk wurde, prägten Mühlen, Gerbereien und kleine Werkstätten das Bild entlang der Panke. Was als handwerklich geprägtes Gebiet begann, entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Industriestandorte Berlins – mit Fabriken, Forschungseinrichtungen und tausenden Arbeitsplätzen.

Vom Mühlenstandort zum Zentrum der Großindustrie

Bevor Dampfmaschinen die Produktion revolutionierten, trieben Wind und Wasser die Weddinger Wirtschaft an. Entlang der Panke arbeiteten bereits im Mittelalter Mühlen – etwa die 1251 erwähnte Nonnenmühle oder eine Schleifmühle nahe dem Invalidenhaus. Später wandelten sich diese Anlagen zu Papier-, Grütze- oder Lohmühlen. In der Müllerstraße entstanden zahlreiche Holländer-Windmühlen – daher auch der Straßenname.

Windmühle
Eine Windmühle an der Müllerstraße.

Ab dem 18. Jahrhundert wurden entlang der Panke auch Walkmühlen, Papiermühlen und Ziegeleien betrieben. Die Mühlenbaufabrik F. W. Knack produzierte ab 1820 das benötigte Triebwerk. Trotz zunehmender Konkurrenz durch dampfbetriebene Anlagen konnten sich viele Betriebe bis Mitte des 19. Jahrhunderts behaupten.

Die Panke als Standortvorteil

Mit der Frühindustrialisierung zog es Gerbereien, Leimsiedereien und Fettverarbeiter an die Panke – auch wegen der Möglichkeit, Abwasser direkt einzuleiten. Damit war es aber auch mit der Sauberkeit der Panke vorbei. Die Abdeckerei von 1825 stellte Rohstoffe für Düngemittel, Leim und Gelatine bereit. Um 1860 zählte man im Wedding bereits 584 gewerblich genutzte Wohnhäuser und zahlreiche spezialisierte Fabriken: von Dachpappe über Farben und Leder bis hin zu Ziegeleien und Mühlen.

Im Hintergrund die Lederfabrik Emanuel Meyer, davor der Garten. Blick von der Prinzenallee in Richtung Panke.

Wandel zur Großindustrie

Ab den 1860er Jahren wandelte sich der Wedding grundlegend. Unternehmen wie die Berliner Maschinenbau AG (Schwartzkopff) oder die Viehmarkt AG zogen aus der zu eng gewordenen Stadt Berlin an den Stadtrand und prägten das Bild der nördlichen Stadtteile. Hinzu kamen Apotheken, Textilfabriken, Kalkwerke, Lebensmittelhersteller – und erste Brauereien wie die Hochschul-Brauerei in der Seestraße (1891), Tivoli oder die Weißbierbrauerei Carl Richter (1895). Hildebrand Schokoladen (bekannt für Scho-ka-kola) produzierte ab 1888 an der Pankstraße.

Quelle: Wikimedia/dtuk

Die Nähe zur Berlin-Stettiner Bahn, zum Viehmarkt oder zu billigen Arbeitskräften beeinflusste die Standortwahl. Zwischen 1867 und 1875 entstand eine Gründungswelle, die sich mit den Konjunkturzyklen bis 1913 fortsetzte.

AEG und die moderne Industrie

Mit dem Erwerb der Maschinenfabrik W. Wedding 1888 durch die AEG hielt die moderne Großindustrie Einzug. Die Werksfläche wuchs bis 1913 auf 107.000 m². Entstanden sind u. a. Werke für Bahnmaterial, Hochspannungs- und Kleinmotorentechnik. Die Beschäftigtenzahlen stiegen enorm: Bei AEG von 422 (1889) auf über 7500 (1907), bei anderen Firmen wie Hildebrand auf bis zu 900 Arbeiter.

Arbeitswelt um 1900

Die Volkszählung von 1900 zeigt die wirtschaftliche Vielfalt im Wedding. Besonders stark: Metallverarbeitung, Maschinenbau, Chemie, Leder-, Bekleidungs- und Baugewerbe. Die chemische Industrie stellte mit 17,1 % den höchsten Anteil an Beschäftigten, gefolgt von der Lederverarbeitung (16,6 %). In der Bekleidungsindustrie dominierte Frauenarbeit.

Kleingewerbe und Forschung

Zahlreiche kleinere Betriebe siedelten sich in Hinterhöfen an – etwa entlang der Brunnenstraße oder im bekannten Meyer’s Hof in der Ackerstraße. Zwischen 1878 und 1910 waren dort über 70 unterschiedliche Gewerbe verzeichnet.

Parallel dazu entstanden wissenschaftliche Institute – etwa für Gärungsgewerbe, Zucker- und Getreideverarbeitung – an der Seestraße und der Amrumer Straße. Sie dienten der Grundlagenforschung für die Lebensmittelindustrie.

Institut für Gärungsgewerbe an der Seestraße

Bruch durch den Krieg

Mit dem Ersten Weltkrieg geriet die Entwicklung ins Stocken. Rohstoffmangel, Kriegsrekrutierung und die Umstellung auf Rüstungsproduktion führten zum wirtschaftlichen Einbruch. Firmen wie Sanitas fertigten nun Handgranaten, Zünder und Lazarettbedarf. Frauen ersetzten zunehmend männliche Arbeitskräfte. Die Phase industrieller Entfaltung war beendet – die Mangelwirtschaft begann. Die Zeit, in der große Industriebetriebe neu entstanden, war allmählich vorbei. Doch der Wedding sollte noch für viele Jahrzehnte ein Bezirk der Arbeiter bleiben.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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