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Das imposanteste Gebäude im Stadtteil:
6 Fakten zum Amtsgericht Wedding, die kaum jemand kennt

Prächtige Gerichtsgebäude gibt es in Berlin genug – viele sind sogar vom gleichen Architektenteam geplant worden. Meistens in barocker Formsprache, nur eines sticht heraus: Das Amtsgericht Wedding, das an einem riesigen Platz liegt und in spätgotischen Formen daherkommt. Es ist der Albrechtsburg in Meißen nachempfunden – und ist bis heute das prächtigste Gebäude im ganzen Stadtteil.

1. Ein Palast aus Eisenbeton
Der spätgotisch gestaltete Bau entstand von 1901 bis 1906 – auf schwierigem Baugrund. Deshalb wurde eine damals neuartige Technik angewendet: eine Unterkonstruktion aus dreieckigen Eisenbetonpfählen. Für die Entwürfe verantwortlich waren Rudolf Mönnich und Paul Thoemer, die auch andere prägnante Gerichtsgebäude in Berlin planten. Die Baukosten lagen bei knapp einer Million Mark.

2. Eine Justitia ohne Schwert und Waage
Wer die monumentale Skulptur über dem Haupteingang betrachtet, dem fällt schnell auf: Diese Justitia weicht vom gängigen Bild ab. Statt Waage und Richtschwert hält sie ein Gesetzbuch und ein Schild in den Händen – und trägt keine Augenbinde. Die Figur stammt ursprünglich aus der Werkstatt des Bildhauers Bernhard Hertel. Nachdem sie 1988 zerstört wurde, fertigte die Bildhauerin Renate Wiedemann 2006 eine Replik an – auf Basis des erhaltenen Torsos, der in der JVA Tegel lagerte.

3. Ein Gerichtsbau mit gotischem Vorbild
Während viele Amtsgerichte der Kaiserzeit im Barockstil erbaut wurden, entschied man sich beim Amtsgericht Wedding für eine neugotische Gestaltung – mit Anleihen an der Albrechtsburg in Meißen. Besonders eindrucksvoll: die imposante Eingangshalle mit Netzgewölbe und Treppenanlage, die an eine Kathedrale erinnert. Die Innenarchitektur sollte laut den Architekten „den Sieg des Rechts über das Unrecht“ symbolisieren.

4. Mehr als nur ein Amtsgericht
Das Gericht hat überregionale Bedeutung: Es ist nicht nur für Zivilverfahren aus Wedding, Gesundbrunnen und Reinickendorf zuständig, sondern fungiert auch als Zentrales Mahngericht für Berlin und Brandenburg. Darüber hinaus übernimmt es bundesweit Aufgaben als Europäisches Mahngericht für Anträge nach der EU-Zahlungsverordnung – eine Seltenheit in der deutschen Justizlandschaft.

5. Moderne Technik unter historischer Hülle
Bereits beim Bau (1901–1906) wurde moderne Technik verwendet: Die Fundamente des Gerichts ruhen auf Eisenbetonpfählen mit dreieckigem Querschnitt – damals eine neue Methode, um mit dem feuchten Baugrund fertigzuwerden. Die Hauptfassade misst etwa 120 Meter, flankiert von zwei markanten Treppentürmen.

6. Ein Reichsadler, der Geschichte trägt
Im Giebelfeld über dem Hauptportal befindet sich noch heute ein Relikt aus der NS-Zeit: Ein Reichsadler, der ursprünglich ein Hakenkreuz im Eichenkranz trug. Das Symbol wurde nach dem Krieg entfernt, der Adler selbst ist jedoch geblieben – ein stiller Zeuge der wechselvollen Geschichte des Gebäudes.

Brunnen vor einem Gebäude
Amtsgericht Wedding
weddingweiserredaktion

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1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. Interessant sind auch die Figuren, die im Hauptportal außen verewigt wurden.
    Links: Ein Bischof unter dem in Fraktur in Latein „corpus iuris canonici“ steht, also das Kirchenrecht. Dann ein mittelalterlicher, weltlicher Herrscher (Fürst, Ratsherr?) unter dem „libri feud…rum“ steht. Die Schrift ist unvollständig. Und: „corpus iuris civil“ also das römische Zivilrecht, das vor Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahr1900 noch als Rechtsquelle herangezogen wurde..
    Auf der rechten Seite stehen in Fraktur auf Deutsch: „Sachsenpiegel“ und „Schwabenspiegel“. Das sind zwei mittelalterliche deutsche Rechtsquellen.
    Das erstaunliche ist, dass all diese Rechtsquellen bei der Einweihung des Amtsgerichtes schon nicht mehr gültig waren, sondern durch das Reichsstrafgesetzbuch und das Bürgerliche Gesetzbuch abgelöst worden waren. Und für Kirchenrecht war das Amtsgericht erst recht nicht mehr zuständig. So wie die Architektur des Gerichts verherrlichen auch die Figuren und Inschriften das (deutsche) Mittelalter und verweigern sich der Neuzeit.

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