Wedding als Metapher für Nahost / Buchkritik

Buchcover
Cover des Buches „Der neu-deutsche Antisemit“. Grafik: Hentrich-Hentrich-Verlag

Nein, mit der Laubsäge puzzelt Arye Sharuz Shalicar nicht am Brett vor dem Kopf seiner Leser herum – er wirft die benzingetriebene Kettensäge an. Sein Buch „Der neu-deutsche Antisemit – Gehören Juden heute zu Deutschland?“ ist nicht für das abwägende Seminar gedacht. Es dient der schnellen Diskussion auf der Straße, in der U-Bahn oder im Büro. Für diesen Zweck sind die provokanten Behauptungen, knappen Argumente und kurzen Zusammenhänge grob geschnitzt. Ein Buch, wie wenn einer mit der Faust auf den Holztisch schlägt, dass es nur so kracht.

Und es kracht gewaltig. Ohne Umstände brettert er in die Wohlfühlzone: „Das Wort Israelkritik gehört aus dem Duden gestrichen.“ Ohne Ausrufezeichen, damit der Satz noch mehr knallt. Und ehe der Leser Luft holen kann, um zu überlegen, ob das wirklich so gemeint sein kann: „Staatliche Leitmedien , die weiterhin über den Nahostkonflikt berichten, in dem die Juden die Hauptrolle spielen, sollten Kürzungen bekommen.“ Wer da nicht schnappt, der bekommt zu hören: „Sind richtige Juden nur die Juden, die sich wie Schafe abschlachten lassen? Nein danke.“

Israel ist wie ein einzelner Jude im Wedding

Pankstraße
U-Bahnhof-Pankstraße. Foto: Weddingweiser

Um zu erklären, wie diese Sätze zu verstehen sind, schildert Arye Sharuz Shalicars seine Kindheit im Wedding. Eine Kindheit, die außerhalb seines Elternhauses alles andere als Geborgenheit bereit hielt. Seine Rückblicke berichten von Gewalt. „Meine Jugendjahre waren ein einziger Kampfs ums Überleben. Ein Spießrutenlauf. Die Angst begleitete mich. Ich wusste, dass jeder Tag mein letzter sein könnte.“ Es geht kaum dramatischer. Um eine persönliche Aufarbeitung, eine biographische Verarbeitung ist es ihm nicht zu tun. Es geht ihm um den Vergleich. Der Wedding der 1990er Jahre dient ihm als Anschauung für die heutige Situation in Nahost. Er erzählt, wie ihn eine Palästinenser-Gang am U-Bahnhof Pankstraße  erniedrigte und brutal schlug. So wird konkret, was er meint, wenn er sagt, dass für ihn „Israel im nahen Osten der einzige jüdische Staat“, weil auch er „damals im Wedding der einzige Jude war“.  Es wird klar: Alles was die Existenz Israels in Frage stellt, so wie sein Leben in Frage gestellt war, ist antisemitisch.

Israelkritik und Israelinteresse

Schild der Jerusalem-Bibliothek
Wie groß ist das Israelinteresse? Foto: Andrei Schnell

Falls sich jetzt jemand in seinen Ohrensessel zurücklehnen wollte (ach so, um die Palästinenser geht es ihm), dem scheucht er auf: „Ich wundere mich, wie manch einer zu behaupten wagt, dass die Zuwanderer am neuen deutschen Antisemitismus schuld sind“.

Aber wie ist das gemeint, wenn Arye Sharuz Shalicar Israelkritik verbieten will? Muss man zu allem Ja und Amen sagen, was er als Pressesprecher der israelischen Armee vorträgt? Natürlich nicht. Aber das Körnchen Wahrheit, das in diesem Buch steckt, ist die Frage: Wer zeigt eigentlich Israelinteresse? Wer informiert sich über die Meinungsvielfalt, die in Israel zu einer für deutsche Verhältnisse sehr komplexen Parteienlandschaft geführt hat? Wer liest darüber zum Beispiel bei der neutralen Bundeszentrale für politische Bildung nach?

Ob Israelinteresse das Gegenteil von Israelkritik ist, dafür bleibt Arye Sharuz Shalicar auf den 164 Seiten seines Büchleins keine Zeiut. Als einer von vielen offiziellen Sprecher der israelischen Armee hat er gelernt, auf den Punkt zu kommen, wenn man dicke Bretter bohren möchte. Und sein Punkt ist, dass alles antisemitisch ist, was die Existenz seines Staates in Frage stellt. Leser, die das verstanden haben, die können sich von ihm aus anschließend gern an die Laubsägearbeiten einer fundierten Diskussion über israelische Tagespolitik machen.

Weiterführende Links

Bundeszentrale für politische Bildung bietet ausführliche Informationen zum Thema Israel
Arye Sharuz Shalicar stößt mit seiner offiziellen Facebook-Seite als Pressesprecher immer wieder Diskussionen an

Angaben zum Buch:
Arye Sharuz Shalicar, „Der neu-deutsche Antisemit. Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse“, 164 Seiten, ISBN: 978-3-95565-271-5, erschienen 2018, 16,90 €
Link zur Eigendarstellung des Buches im Verlag Hentrich und Hentrich
Sein vorhergehendes Buch heißt Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude

Autorenfoto Andrei Schnell

Für Andrei Schnell war das Buch „Der neu-deutsche Antisemit“ kein leicht verdauliches Lesehäppchen.


2 Kommentare
  1. Danke für die Rezension. Es ist dieses Existenzielle, dieses „Leben oder Sterben“, was du gut beschreibst, und das ich auch aus den Diskussionen mit einem israelischen Freund kenne. Aber das ist eben die Sicht des Militärs, so wie bei uns im kalten Krieg. Inzwischen gibt es ja auch in Israel Menschen, die das hinterfragen.

    1. Du hast recht, er geht aufs Ganze, Zwischentöne sind nicht sein Ding. Freund oder Feind, Du gehörst zu mir oder du bist gegen mich. Das hat mich auch verwirrt. Aber seine Frage im Buch trifft auch einen Punkt: Wer kennt sich in den zahlreichen Konflikten in und um Israel im gesamten Nahen Osten wirklich aus, obwohl er eine klare Meinung zur israelischen Siedlungspolitik hat?

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