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Was geht, Wedding:
Wenn Pizza-Essen zum Luxus der Woche verkommt

Ich bin nicht stolz darauf, so Alman geworden zu sein – aber aktuell versuche ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Art „Haushaltsbuch“ zu führen. Das liegt auch daran, dass mein Partner und ich jetzt offiziell zusammenleben.

No kids, double income und so. Darf man eigentlich nicht mehr laut sagen, sonst wird einem gleich Kinderfeindlichkeit und fehlende Solidarität unterstellt, aber das ist heute ausnahmsweise nicht mein Thema.

Fakt ist: Wir können uns an anderer Stelle gönnen. Dachten wir. Bis wir dieses Haushaltstagebuch angefangen haben. Jetzt sehen wir nämlich schwarz auf weiß, wie viel uns dieses nonchalante Essengehen so jede Woche kostet.

Das ist das Einzige, was ich gerade am Dating vermisse: die kosteneffiziente Nahrungsaufnahme mit Männern, die ich nicht wiedersehen muss.

Aber zurück zum Thema.

Essengehen im Wedding also. Letzte Woche hatten wir spontan Lust auf ein Date, also sind wir in einen anderen Kiez flaniert. Völlig verrückt, ich weiß! Wir wollten diesen einen Tag nutzen, an dem es in diesem Berliner Sommer ausnahmsweise einmal nicht regnete, also bestellten wir zwei Pizzen, einen Aperol, ein Glas trockenen Weißwein (0,25) und eine mittelgroße Cola (die vermutlich als große verrechnet wurde).

Jetzt ratet mal, was wir gezahlt haben. Bei einer random Pizzeria im Wedding.

50 Euro.

FÜNFZIG EURO!!!1111

Ich hätte wahrlich nicht gedacht, dass ich schon mit Anfang-Mitte-Dreißig eine dieser Personen werde, die schambefreit im Internet verkündet: Früher war alles besser! Zumindest hier im Wedding, bevor die durchschnittlichen, pseudo-neapolitanischen Pizzerien aufmachten, wo die Pizzen bei 13 Euro starten und bis zu 22 Euro kosten.

Und bevor die Gastronomen hier gleich in den Kommentaren ausflippen: Ja, ich weiß auch, dass alles teurer geworden ist. Sehe ich bei jedem Supermarkteinkauf.

Aber FÜNFZIG EURO FÜR ZWEI RANDOM PIZZEN UND DREI GETRÄNKE?
Was ist das denn für ein Feeling?

Irgendwer muss für diese 50 Euro ja schließlich am nächsten Tag wieder Lohnarbeit verrichten. Und sorry, so gut war’s einfach dann doch nicht.

Als ich den Geldschein über die Theke wandern sah, konnte ich es fast nicht glauben. Fälschlicherweise hatte ich Pizzaessen mit Freunden wohl noch als Erfahrung in Erinnerung, die sich so gut wie jeder leisten kann

Ich musste nochmal nachsehen, mich doppelt davon überzeugen, dass wir gerade fünfzig Euro gezahlt haben, um zwei halbverbrannte, dünne Pizzen auf einer Spätibank mit dazugehörigem Holztisch zu verzehren. Ein luxuriöses Restaurant war diese Gaststätte gewiss nicht, aber geblecht haben wir genauso wie in einem schicken Äquivalent im Prenzlauer Berg.

Okay, was steht noch in unserem Haushaltsbuch?

Nach dem Schock vom Montag haben wir Freitag erstmal zuhause mit Freunden vietnamesische Sommerrollen zubereitet. Für die Zutaten für fünf Personen haben wir ungefähr fünfundzwanzig Euro ausgegeben. Meine Freundin mit vietnamesischen Wurzeln hat uns gezeigt, wie das richtige Verhältnis von Erdnussmus und Hoisin-Soße aussieht und was auf gar keinen Fall in die Rollen darf, wenn es authentisch werden soll.

Avocado, zum Beispiel. Oder Karotten. Voll alman!

An Samstag kann ich mich nicht mehr erinnern.

Am Sonntag war es dann wieder da. Dieses Craving. Der Mann und ich (habe ich das gerade wirklich geschrieben) hatten nach drei Tagen konsequent-braver Selberkocherei Lust, uns was zu gönnen. Schließlich war Sonntag! Tag des Herren, oder so.

Wir entschlossen kurzerhand zu diesem einen japanischen Fusion-Laden in Mitte zu fahren, dem wir beide schon sehr lange einen Besuch abstatten wollten. Gesagt getan. Zwanzig Minuten später waren wir dank der sommerlich leeren Straßen da. Um uns herum nur blonde betuchte Zugezogene aus Baden-Württemberg, die ihren drei Kindern zwischendurch zur Beruhigung die neuesten iPhones in die Hand drückten. Wir bestellten Eggs Benedict, verschiedene Onigiris und Croissants mit Mascarpone und Ahornsirup (also: drei Gerichte), dazu zwei Cortados und eine heiße Schokolade.

Na was glaubt ihr, was wir gezahlt haben? Hm?

60 Euro. Und wir waren nicht einmal so richtig satt.

Das Essen war – immerhin – anders als in den durchschnittlichen 08/15-Pizzerien wirklich hervorragend, solide angerichtet und schmackhaft bis zum Tellerrand. Und genau hier sind wir bei dem Punkt, der mich so aufregt. Dass die Preise in einem migrantisch-geprägten Arbeiterbezirk plötzlich genauso hoch sind wie in Mitte, aber nicht für die Menschen vor Ort gedacht sind. Dass die Bevölkerung, die diesen Kiez geprägt hat, sich seine Entwicklung nicht mehr leisten kann. Dass aus einem Arbeiterbezirk ein Ausflugsziel wird – ohne Platz für die, die geblieben sind oder gar keine andere Wahl hatten.

Während ich in Mitte damit rechne, 60 Euro für ein exquisites Food-Erlebnis in einer architektonisch bedeutsamen Location zu zahlen, ist es im Wedding einfach nur … weird? Frech? Ich suche noch nach dem richtigen Wort. Vielleicht: Exkludierend?

Wenn die Mitte-Leute und Pberg-Leute zum Essen in den Wedding fahren, und die Wedding-Leute zum Essen zu Hause bleiben, sind wir als Gesellschaft bereits verdammt arm dran.

Ja, wo sind die Migra-Familien mit mehreren Kindern, wenn ich aus meinem Fenster auf die neue sizilianische Pizzeria schaue?
Pizzaessen ist seit zwei Jahren auch im bislang vor horrenden Restaurant-Preisen verschont gebliebenen Wedding zum Luxus verkommen. Zu einer besonderen Angelegenheit, die man sich bei Rezession und Inflation selbst als privilegierter Mensch zwei Mal überlegt.

Diese Woche haben wir 110 Euro für Essengehen ausgegeben.
Würden wir das jede Woche tun, wären das im Monat um die 500 Euro.

Günstig Essenzugehen war das, was den Wedding für mich besonders gemacht und von anderen Bezirken abgehoben hat. Es gab einen klaren Unterschied zu anderen Bezirken, ein ganz eigenes Lebensgefühl. Es war sogar ein Grund, nicht nach London zu ziehen – wo ich für jeden halbwegs spontanen Restaurantbesuch erst reservieren und später 40 Pfund pro Person bezahlen musste.

Naja.

Immerhin muss ich jetzt nicht mehr nach England ziehen. Willkommen in London.

Früherer Text von Bianca zum Thema Brötchenkauf im Wedding

Bianca Jankovska ist Autorin unserer Kolumne „Was geht Wedding?“. Sie teilt ihr geballtes Wissen über die (Arbeits-)Welt in Kündigungsberatungen (Thx bye), auf ihrem Blog (Groschenphilosophin), auf Instagram (@groschenphilosophin) und in ihrem neuen Buch, „Potenziell furchtbare Tage“. (Haymon Verlag)

Bianca Jankovska

Bianca Jankovska

Bianca Jankovska ist Autorin und teilt ihr geballtes Wissen über die (Arbeits-)Welt in Kündigungsberatungen (Thx bye), auf ihrem Blog (Groschenphilosophin), auf Instagram (@groschenphilosophin) und in ihrem neuen Buch, „Potenziell furchtbare Tage“. (Haymon Verlag)

11 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Bianca, ich lebe seit 1968 im Wedding und lebe gerne hier solange es der WEDDING ist und nicht Mitte!!!!!
    Ich habe eine kleine Rente da ich als Erzieherin gearbeitet habe. Essen gehen kann ich mir nicht mehr leisten was vorher immer im Wedding möglich war. Zum Glück kann ich kochen.
    Deinen Artikel finde ich gut er spricht mir aus dem Herzen.

  2. Furiose Polemik. Gern gelesen. Warum eine Pizza seit einiger Zeit doppelt so teuer sein muss wie ein Döner, leuchtet mir auch nicht so recht ein. Ich vermute, da steckt die Mafia dahinter. 😎

  3. An dem Artikel finde ich merkwürdig, dass die Autorin schreibt, sie sei in den Wedding auch wegen des preiswerten Essens gezogen. Gleichzeitig kritisiert sie Prenzlauer-Berg-Leute bzw. Mitte-Bewohner, dass diese zum Essen in den Wedding gehen…..Die Logik dahinter verstehe ich nicht ganz. Ich selber gehe auch oft essen, weil ich alleine wohne. Das gefällt mir beides nicht so und ich wäre glücklicher zu Hause mit Leuten zu essen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass „Migranten“ es sehr bedauern, evtl. nicht häufig essen gehen zu können. Sie kochen eben zu Hause und essen in Gemeinschaft – oder grillen gemeinsam im Park. Und nun noch zum Thema „früher“: Essen im Restaurant war unerschwinglich, tatsächlich höchstens einmal im Jahr. In die Musikkneipe, in die ich mit 16 ging, nahm ich 50 Pfennig für ein Bier mit – ein zweites bezahlte dann meist eine Bekanntschaft. Äh aber ich schweife ab….:)

  4. Hmmm.
    Die Nachfrage scheint es ja zu geben. Oder sind die Läden nach wenigen Monaten wieder geschlossen? Das Serio im Sprengelkiez ist auch gut besucht, mir allerdings zu teuer.
    Das Corallo gibt es nun auch schon seit Ewigkeiten und macht auf mich nicht den Eindruck bald schließen zu müssen aufgrund fehlender Kundschaft.
    Der Wedding entwickelt sich eben. Sauberer wird er nicht, ganz im Gegenteil, aber zieht anscheinend dennoch zahlungskräftige Kundschaft an.
    Und warum selbständige Privatpersonen das Essen für „Migra-Familien“ (sehr unschönes Wort!!) erschwinglich machen sollen, erschließt sich mir nicht.

  5. Haben Sie vor der Bestellung keinen Blick in die Speisenkarte geworfen? Preise sind dort ersichtlich. Egal.
    Ich gehe häufig Essen, weil zu faul zum Kochen. Billig macht mißtrauisch; Preise müssen angemesssen sein bei gleichbleibend vernünftiger Qualität und gutem Service. In Wedding gibt es nur ein Restaurant, das meinen Ansprüchen genügt. Cafe Lichtburg. Stammgast dort seit zwanzig Jahren, immer die Speisenkarte rauf und runter. Eine gute Pizzeria hier, kenne ich nicht. Aber die Pizzen von Dominos, geiles Zeug, immer mit extra Käse geordert, schön fettig, sehr kalorienhaltig. Wartezeit, knappe zehn Mimuten, Verzehr im Auto. Kauft man zwei Pizzen, kostet die zweite nur die Hälfte. Haben die Rezeptur von Hallo Pizza übernommen. Zur Dominos Pizza trinkt man keinen Wein, wäre glatter Stilbruch, Coca Cola ist das Getränk der Wahl.

  6. Man kann, aber muss sich nicht wundern über die gestiegenen Menü-Preise. Es gibt für mich auch eine Dissonanz zwischen Warenwert, das Sattwerden und der nachberechneten Kostenrechnung, die man vermuten muss.

    Es gibt auch Lerneffekte im Gastro-Wesen! Es muss nicht das quasi-überteuerte Kalbfleisch-Döner Kebap sein. Zum Beispiel gibt es Angebote für proteinreiche Imbisskultur.
    Im frischen SEEGRILL an Genterstraße Ecke Seestraße gibt es SEITAN-Döner für nur 6 €. Wer bei Proteinen und diesen Preisen nicht zugreift ist selber Schuld. Dazu Ayran, um so besser!

  7. Wir haben zwei Kinder, (eins ist ein Teeager und isst meeeega viel), haben ein geringes Einkommen und können schon seit mehreren Jahren nicht mehr als Familia zusammen im Wedding essen gehen, allein 4 Getränke kosten inzwischen das, was früher eine Essengehen für 2 Personen war 🙁 Das geht nur noch zu krass besonderen Anlässen und dann mit Schmerzen im Portemonaie.

  8. Was ist bitte craving
    Ein Text ohne Schickimicki einsprengseln währe für alte weddinger besser nachzuvollziehen
    Ich trauere aus der Ferne um meine alte Heimat

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