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Interview mit dem Weddinger Theaterintendanten Oliver Tautorat:
„Wenn man da spart, trifft es die Schwächsten“


Das Prime Time Theater ist ein modernes Volkstheater im Wedding, mit 230 Sitzplätzen. Es wurde 2003 von Constanze Behrends und Oliver Tautorat gegründet. Seit 2015 leitet Tautorat das Theater allein.
Um die Zuschauer nach Corona zurück zu gewinnen, gab er dem Theater 2024 das Motto „In-Echt-Flix“.

Foto (c) Marcel Nakoinz

Ich treffe mich mit Tautorat an einem Montag zur Mittagszeit. Wir wollen über die aktuelle Kulturpolitik des Berliner Senats sprechen und die Kürzungen auf diesem Gebiet. Wir setzen uns an einen Tisch im Theatercafé RAZ, wo die Zeit scheinbar stillsteht. Vor neun Jahren war ich zum ersten Mal hier mit meinen Eltern … und heute bin ich ein bisschen stolz, mit ihm zu sprechen.


Oliver, du hast in den vergangenen zwanzig Jahren zwei Berufsleben parallel geführt: Schauspieler und Unternehmer. Wohin zieht es dein Herz heute stärker?
Wow, das ist eine krasse Frage. Die hat mir wirklich noch niemand gestellt.
Beides. Das lässt sich für mich nicht trennen. Ich bin kein Künstler, der sagt: Ich mache nur Kunst. Ich sehe immer das Ganze: das Unternehmen, die Mitarbeiter, den Kiez. Um das alles über so viele Jahre zu stemmen, braucht es auch eine unternehmerische Sicht. Am Anfang bin ich da reingerutscht, später – vor allem nach der Insolvenz 2019 – musste ich es lernen. Tomislav Bucec hat mich damals unternehmerisch geschult. Heute habe ich beides in mir.


Wie hat sich die Balance zwischen Schauspiel und Intendanz über die Jahre verändert?
Mit der Verantwortung, definitiv. Aber die Leidenschaft fürs Theatermachen ist gleich geblieben. Die war immer da. Menschen zu erreichen, ihnen Humor zu schenken, der sie einmal durchatmen lässt. Das Unternehmerische wurde irgendwann Pflicht und ist inzwischen fast ein Lebenswerk. Ich bin über 50 und mache das hier seit dem Großteil meines Berufslebens. Dass das weitergeht, fühlt sich gut an. Und wenn du sagst, dass du mit 14 hier warst und wir heute immer noch da sind. Das ist auch Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und dem Kiez.

Gab es Momente, in denen du dachtest: Ich mache nur noch eines von beidem?
Ja. Aber das ist eine Illusion. Schauspieler und Intendant zu sein, das gehört zusammen, wenn man es ernst meint und langfristig machen will.

Angesichts immer neuer wirtschaftlicher Unsicherheiten: Gibt es Tage, an denen du dir wünschst, einfach auf einer Bühne zu stehen, die nicht dir gehört?
(lacht) Deine Fragen! Nein. Für mich gehört das alles zusammen. Ich habe das Theater gegründet. Es gehört mir heute nicht mehr, aber die künstlerischen Entscheidungen treffe ich weiterhin. Und seit die wirtschaftliche Verantwortung nicht mehr allein auf meinen Schultern liegt, ist vieles leichter. Diese tägliche Grätsche, tagsüber Zahlen prüfen, abends auftreten, das war heftig. Jetzt ist es ruhiger, aber die Verantwortung für das, was ich erschaffen habe, bleibt.


Ist der Wechsel zwischen Kunst und Alltag schwierig?
Manchmal, klar. Aber nur Schauspieler zu sein, wäre nichts für mich. Mir würde etwas fehlen. Ich hätte Lust, einmal einen Film zu drehen, eine schöne Komödie. Aber dafür müsste erstmal die richtige Rolle entstehen. Ich arbeite intuitiv, aus dem Bauch heraus. Und gerade deutsche Komödien zu finden, die wirklich passen, ist nicht einfach.

Berlin kürzt aktuell massiv im Kulturbereich. Wie trifft euch das? Wir haben Glück, bisher trifft es uns kaum. Der Doppelhaushalt wird im Dezember beschlossen, aber die Signale sind: etwas weniger, aber nicht viel. Bei großen Häusern finde ich es in Ordnung, genauer hinzuschauen. Manche haben über Jahrzehnte hinweg eine teure Verwaltung aufgebaut. Aber bei kleinen Initiativen hoffe ich auf Augenmaß: Das Gefängnistheater, Rambazamba, solche Orte sind Schätze. Wir rechnen mit 10 bis 15 Prozent Kürzungen, und das ist einkalkuliert. Wenn es mehr wird, müssen wir andere Einnahmen generieren, etwa über Sponsoren.


Wie würde sich der Kiez verändern, wenn Förderungen wegfallen?
Ich weiß nicht, welche Projekte konkret gefährdet sind. Aber dort, wo Kultur niedrigschwellige Angebote schafft, für Kinder, Jugendliche, Familien, Menschen mit Migrationsgeschichte, darf man nicht kürzen. Kultur kann Hoffnung sein, Zusammenhalt schaffen und Alltag erträglicher machen. Wenn man da spart, trifft es die Schwächsten.

Was macht dir am meisten Sorge?
Was mir wirklich Sorge macht, ist, dass nicht mit Augenmaß entschieden wird, sondern nach Klientelpolitik.
Also: Die, die am lautesten schreien, meistens die großen Häuser mit riesiger Lobby, werden am wenigsten getroffen. Und das ist nicht fair. Ich lebe in einer Patchworkfamilie mit sechs Kindern. Da bekommt auch nicht
der das meiste, der am lautesten schreit. Genauso sollte Kulturförderung funktionieren.

Warum wurde der Wedding zu deinem Theaterzuhause?
Meine Exfrau, Constanze Behrends, und ich haben damals hier gelebt. Wir wollten kurze Wege und Theater vor Ort machen. Außerdem passieren hier Geschichten: echte, rohe, besondere Geschichten. Wedding und Neukölln sind Kieze voller Konflikte und Potenzial. Geglättete, gentrifizierte Kieze sind oft langweilig. Und der Wedding hat, trotz allem, ein Herz am richtigen Fleck.

Ihr zeigt, wie viel kreative Energie in unterschätzten Kiezen steckt. Welche Rolle spielt das Prime Time Theater heute im Wedding – Wohnzimmer, Sprachrohr oder Brennglas?
Mein Bauch sagt Wohnzimmer. Wir beobachten nicht von außen, wir leben mitten drin. Die Geschichten passieren um uns herum und finden dann ihren Weg auf die Bühne.
Hätte das Konzept auch in einem anderen Kiez funktioniert?
Vielleicht in Neukölln. Aber sonst kaum. Diese Mischung hier, die Energie, der Clash der Kulturen, den gibt es so nur im Wedding.
Kulturarbeit im Wedding heißt auch Arbeit mit Migration und Vielfalt. Wie zeigt sich das in euren Produktionen?
Wir bringen alle Kulturen auf die Bühne, mit Augenzwinkern. Ob Kalle und Ahmed, die Missverständnisse zwischen Kieztypen, Hipstern oder Expats. Wir machen aber kein Migrantentheater, sondern wir zeigen das, was hier wirklich passiert und was erzählerisch funktioniert.

Warum ist Kultur gerade in Krisenzeiten unverzichtbar?
Weil sie Menschen zusammenbringt. Weil Humor Dinge leichter macht, ohne sie zu verharmlosen. Lachen hilft, Alltagssituationen mit mehr Gelassenheit zu sehen. Und gerade jetzt ist das wichtig. Ich rede nicht von platten Comedians, ich meine Humor mit Herz und Haltung. Mit ’nem Augenzwinkern. Am Ende sind wir allet nur Menschen.

Ist es heute schwerer, Menschen zum Lachen zu bringen?
Ja. Es prasselt viel auf uns ein, Umweltkrise, soziale Ungleichheit, steigende Mieten. Das macht etwas mit den Menschen. Dazu kommen Diskussionen um politische Korrektheit und kulturelle Aneignung. Ich spiele seit 20 Jahren die türkische Mutter Hülya. Es gab Momente, wo es heikel wurde. Aber wenn man eine Figur liebevoll spielt, fühlt sich niemand verraten. Schülerinnen mit Kopftuch feiern Hülya, weil sie sagen: „Das ist genau meine Mama.“ Es ist schwieriger geworden, aber umso wichtiger.

Kultur im Wedding in drei Worten – welche?
Kiezig. Bodenständig. Rotzig.

Welches Stück liegt dir besonders am Herzen?

Natürlich unsere Serie Gutes Wedding, Schlechtes Wedding, bald 140 Folgen voller verrückter Situationen. Und die Sommerkomödie „Schwimm langsam – jetzt erst recht”. Sie spielt im Strandbad Plötzensee, ist leicht,
warmherzig und macht einfach Spaß. Ein Stück, das sich wahnsinnig schön spielen lässt.

Welchen Rat gibst du jungen Menschen, die, wie du, zwischen Kunst und Unternehmertum ihren Weg finden wollen?
Ehrlich zu sich sein. Auch dann, wenn etwas nicht funktioniert. Berlin ist voller Künstler, die hier das große Glück suchen. Fast schon wie Big Apple, New York, aber halt Berlin. Machen, ja, aber auch erkennen, wann man
loslassen muss. Das Wichtigste: dein eigenes „Lied“ finden, etwas, das dich einzigartig macht. Und das Publikum nicht vergessen. Kunst ist für die Menschen, nicht für das eigene Ego. Und: Kunst ist auch ein Wirtschaftsmodell. Wenn du von ihr leben willst, musst du deine Miete verdienen können.

Wie sieht das Prime Time Theater in zehn Jahren aus?
Immer noch verrückt. Vielleicht vielfältiger. Wir starten im Januar ein neues Stück: Swipe Me If You Can. Eine romantische Komödie über Dating in Berlin, über Oberflächlichkeit und Tiefe. Wir öffnen uns neuen Emotionen, probieren mehr aus. Und gleichzeitig bleibt der Kern: neue
Schauspielerinnen, neue Autorinnen, neue Inspirationen. Es wächst weiter, bunt, aber dem Ursprung treu.

Welches Ziel treibt dich dabei am meisten an?
Dass wir wirtschaftlich stabil bleiben und gut bezahlen können. Und dass die nächste Generation ihren Platz findet. Gäste kommen seit Jahren, ihre Kinder wachsen mit dem Theater auf. Für viele gehört diese Oase des
Humors einfach zum Kiez dazu. Mein Wunsch ist, dass sie noch viele Jahre bleibt. Vielleicht werde ich irgendwann etwas weniger machen, aber der Spirit soll bleiben.

Die letzte Frage kommt nicht von mir, sondern von dir selbst: Welche Frage über dich oder dein Theater wolltest du immer schon einmal beantworten, die dir aber noch nie gestellt wurde?
„Hast du mit dem Theater eigentlich alles erreicht, was du beruflich erreichen wolltest?“, die hat mir noch keiner gestellt. Und die Antwort ist: nein. Ich habe noch Visionen. Zum Beispiel ein europäisches Volkstheaterfestival: vier Wochen lang Komödien aus ganz Europa, in verschiedenen Sprachen, für die Menschen hier im Kiez.
Und am Ende ein Stück, in dem jede Szene in einer anderen Sprache gespielt wird mit Untertiteln. Ein Beweis dafür, dass Humor universell ist.
Das ist eine große Vision. Aber eine schöne.

Vielen Dank für das Gespräch, Oliver!

Text: Greta Fischer

Website des Theaters mit Spielplan

Gastautor

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2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Leider sind die Eintrittspreise (für mich) inzwischen viel zu hoch.
    Durch die festen Sitzplätze und die Verpachtung der Gastronomie ist auch sehr viel Flair verloren gegangen.
    Früher hat man eine Stunde vorher angestanden, um gute Plätze zu bekommen und hat dann noch einen Drink (und vielleicht auch noch einen in der Pause) konsumiert und das Theater genossen.
    Heute geht man pünktlich zu Beginn hin und haut danach direkt wieder ab. Die Story von GWSW entwickelt sich auch kaum noch und viele Witze sind einfach auserzählt.

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