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Über den Blumenladen auf dem Weddinger Domfriedhof II:
Von Blumen und Eichhörnchen:  Der Friedhofsblumenladen

Blumen gehören zum Leben und zum Sterben! Sträuße, Kränze und Gebinde begleiten uns. Und wo gibt es noch einen Friedhof mit Blumenladen? Ja, am Domfriedhof II, der zum Berliner Dom gehört und bereits 1870 im Wedding an der Müllerstraße 72/73 angelegt wurde.

So ein Blumenladen wie Gorilla Gartenbau auf einem Friedhof, zumal so prominent und mit Ehrengräbern von Berliner Persönlichkeiten wie K. R. Lepsius, dem Sprachforscher, dem Schriftsteller A. E. Brachvogel und Paul Gurk, dem Schriftsteller und Maler, ist ein kommunikativer Ort.

Der Blumenladen am Eingang des Friedhofs, am Anfang des Hauptweges des Domfriedhofs – Foto Renate Straetling

Als ich mit der langjährigen Inhaberin des Blumenladens, Frau Hübener, spreche, kommen etwa alle Viertelstunde nette Besucherinnen und Besucher vorbei, grüßen freundlich durch die Regale mit den Blumentöpfen zu uns herüber und marschieren die lange Hauptallee, wo ein großes Steinkreuz platziert ist, hinunter. Die Fassade der Kapelle direk an der Müllerstraße ist vielen Weddingern und Autofahrern bekannt, denn sie ist auffallend.

Wann haben Sie den Blumenladen gegründet? Was waren Ihre Motive?

Frau Hübener Ich kam 1969 nach Berlin, heiratete, und mein Mann und ich standen im Beruf. Leider habe ich eine Kälteallergie bekommen, musste mich in der Charité behandeln lassen und konnte durch eine Kur im Ausland geheilt werden.

Die Ärzte rieten mir zu einer Tätigkeit, die mir Freude bereitet. Nach vielen weiteren beruflichen Stationen gab es einen glücklichen Zufall, den ich nutzte: Ich traf eine Bekannte im Garten, die ihren Blumenladen, also unseren heutigen Laden, schließen musste. Also kam mir aufgrund meiner Leidenschaft für Blumen, die ich bereits seit meiner Kindheit habe, die Idee, es mit dem Laden zu versuchen.

Zur selben Zeit fuhr mein Sohn Manfred als LKW-Fahrer Blumen für ein Unternehmen aus. Und alles weitere ergab sich. Das Blumenbinden habe ich dann bei befreundeten Floristen gelernt. Im Jahr 2005 wurde dann mein Geschäft an der Müllerstraße 72 eröffnet.

Was hat sich im Laufe der Zeit auf dem Friedhof und im Blumengeschäft geändert?

Die Friedhofsgesellschaft wird kleiner und die Leute können oder wollen keine großen Gräber mehr. Der Friedhof wird generell weniger besucht und alte Traditionen gehen stark zurück. 

Somit wird weniger Grabpflege genutzt und auch die Bepflanzungen gehen zurück. Auch Gestecke als Grabschmuck für die Winterzeit werden weniger gekauft. 

Wie wichtig ist den Trauernden und den Hinterbliebenen heute die Trauerfloristik für die Gräber?

Gestecke zur Beerdigung sind relativ gleich wichtig geblieben. Nur der Verlauf der Grabpflege ist eher geringfügiger. Häufig ist auch das Finanzielle ein Grund für weniger Ausstattung. Wir versuchen aber einen Ausgleich zu finden, so dass niemand leer ausgeht und die Wünsche des Hinterbliebenen erfüllt sind.

Bei uns können die Kunden, die Besucher der Grabstätten, alles erhalten, was nötig ist, um ein Grab schön zu pflegen. Schippe, Hacke und solche Kleingeräte leihen wir kostenlos aus. Ab und an gibt es auch mal einen Kaffee und ein gutes Gespräch. 

Von links nach re.: Die Friedhofskapelle (Wikimedia: Dirk Ingo Franke), das große Kreuz (Wikimedia: Bärbel Miemietz), die Stele für die Domprediger (Wikimedia: Lukas Beck).

Was bieten Sie für Erdgräber und für Urnengräber an? Gehört auch Grabpflege dazu?

Wir bepflanzen und können gern auch mal das Gießen übernehmen, wenn jemand erkrankt oder im Urlaub ist. Die Grabpflege muss man bei der Friedhofsverwaltung bestellen. 

Was ist verboten auf dem Friedhof? Wie arbeiten Sie mit der Friedhofsgärtnerei und der Verwaltung zusammen?

Auf dem Friedhof gibt es keine Verbote für Blumen oder klein bleibende Pflanzen. Verständlicherweise sollten keine Bäume oder giftige Pflanzen eingesetzt werden. 

Es ist aber verboten, mit dem Fahrrad oder Roller zu fahren. Oder den Friedhof als Hundespielplatz zu benutzen. Es wurde sogar mal gegrillt, auch das ist selbstverständlich verboten.

Fast immer gibt es eher das große Einvernehmen, denn wir alle sind eine Familie auf dem Friedhof und helfen uns gegenseitig aus. 

Wie wird sich der Friedhof weiterentwickeln?

Dazu können wir nicht viel sagen. Es werden generell weniger Erdbestattungen auf den Berliner Friedhöfen gebucht. Die Masse der Angehörigen und Hinterbliebenen will es pflegeleicht und günstig; sprich eine anonyme Bestattung, also ein Sonderbeet, eine kleine Fläche.

Nach 21 Jahren Blumengeschäft haben wir selbst einige Kunden begleitet, die ihre geliebten Menschen verloren hatten, selbst einsam verstarben und die wir dann zu ihrer letzten Ruhestätte begleiteten.

Gibt es besondere oder typische Erlebnisse mit den Besuchern des Friedhofs? Was fragt man Sie alles, wenn Sie vorn am Grundstück beschäftigt im Laden so direkt erreichbar sind?

Besondere Erlebnisse gibt es immer wieder einmal. Häufig erzählen Besucherinnen und Besucher von ihren Verstorbenen. Manchmal kommt es auch zu Ruhestörung. So letztlich einmal – gleich auch mit Polizeieinsatz und Verhaftung – wurde die Jesusstatue, die vorne am Mitttelweg platziert war. von einem psychiatrisch auffälligen Besucher zerstört. 

Aber gefragt wird eigentlich alles, am häufigsten nach einer Toilette. Wo sonst gibt es schließlich noch einen Blumenladen und eine Toilette mit Warmwasser auf einem Friedhof?

Was sind Blumentrends für die Bestattungen?

Das ist sehr individuell; ein richtiger moderner Trend ist bei unserer Kundschaft nicht zu verspüren. Aber auf dem Urnenfeld gibt es viele persönliche Utensilien, die dort bei den Steinen hinterlassen werden.

Auf dem Friedhof der evangelischen Domgemeinde im Wedding – Fotos: Renate Straetling

Während wir uns unterhalten, kommt ihr Sohn Manfred dazu; er hatte eben die Rabatten vom Zuweg zur Kapelle frisch bepflanzt. Er ist der Profi vor Ort und erzählt schöne Geschichten von der lebendigen Tierwelt, die sich auf dem Friedhof im Grünen vergnügt. Da geht es um etliche agile Eichhörnchen wie Rambo, Rocky und Apollo, die stets um ihre Walnüsse wissen und das auch abfordern, indem sie dann und wann morgens nahe dem Laden zusammen mit Meisen und Tauben warten. Als Rambo im höheren Alter verstarb und eine kleine Beerdigung erhielt, waren mehr Trauergäste anwesend als bei so mancher anonymen Bestattung.

Außerdem sind da Ringeltauben, kleine Vögel und ab und an eine Maus. Ein Habicht und ein Kauz sind allerdings gefährliche Beutemacher, und dann und wann liegt ein Waschbär ausgestreckt in der Astgabel über dem Laden und hat die ganze Sache im Blick. Auch die Amsel Hurrican Holger und Rotkehlchen Barbara gestalten das bunte Treiben der einheimischen Tiere gern mit – und singen schön.

Natürlich kommen auch Katzen vorbei, und Krähenschwärme sind aktiv. Auch der ein oder andere Hund der Besucher wird im Laden abgegeben, mit Wasser und Futter im Hundenapf versorgt und gehütet. Besser so, als es Streit unter den Tieren in der Stille der Gräberfelder gibt.

Der Sohn erzählt, dass in der Nachbarschaft des Friedhofs etliche freundliche Bekanntschaften entstanden, aber viele der bei Gründung des Ladens damals 70-Jährigen heute schon verstorben oder Pflegefälle sind.

Wie lange im Jahr ist der Friedhof geöffnet?

Herr Hübener Wie haben stets Betriebsferien vom 24. Dezember bis zum 1. März des Folgejahres. Dann ist der Domfriedhof geschlossen und es gibt euch kaum Vorkommnisse. Viermal im Jahr gibt es Anlässe für Trauerschmuck, und mit dem Volkstrauertag (ein Sonntag vor dem Totensonntag) und dem Totensonntag, dem letzten Sonntag vor dem Beginn des Advent, geht unser Arbeitsjahr dann zu Ende.

Wie und an wen möchten Sie den Laden übergeben?

Frau Hübener Wir sind jetzt schon ein Vier-Generationen-Betrieb. Wir wohnen im Soldiner Kiez, also nicht so weit entfernt. Es wird sich mit der Zeit zeigen; angedacht ist, den Laden an die Kinder weiterzugeben. Mein Sohn arbeitet mit, und meine Enkel und ihre Kinder helfen dann und wann aus.

Welcher Wunsch liegt Ihnen aufgrund Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit den Trauertraditionen und dem Friedhofsgeschehen am Herzen?

Wir wünschen uns, dass die Leute wieder offener für das Friedhofswesen werden. Und das Klischee, wir kaufen doch keine Blumen für andere Anlässe auf dem Friedhof, von Bord werfen, denn die Blumen bleiben die gleichen. Zudem bieten wir neben der Trauerbegleitung auf dem Friedhof und Grabbepflanzung auch weitere Dienste an.

Das Gespräch führte Renate Straetling

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Links und Hinweise

Blumenladen „Gorilla Gartenbau“ auf dem Domfriedhof II Mitte,

Müllerstraße 72, Tel. 030 45024044

Ev.-Friedhof Domfriedhof II Mitte

https://www.berlinerdom.de/gottesdienst-glaube/gottesdienste/domfriedhoefe

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den wundervollen Bericht. Ich als Enkelin von Frau Hübener bin begeistert von ihrer Berichterstattung . Sie haben alles was Oma sich von der Seele gesprochen hat niedergeschrieben. Schön das sie ihr Gehör verschafft haben.

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