„Ich bin aus dem Wedding“, sagt sie gleich am Anfang. Das ist für sie kein Herkunftsstempel, sondern mit Stolz verbunden. Geboren im Virchow-Klinikum, aufgewachsen in der Brunnenstraße nahe der Voltastraße, im Altbau, mit Hinterhof. „Wir haben da im Sandkasten jeden Tag gekickt – meine drei Brüder, die Nachbarskinder, ich mittendrin.“

„Papa, ich will auch spielen.“
Der Sport war immer ihr Lebensinhalt. In der Grundschule begann Derya mit Taekwondo. Bis zum schwarzen Gürtel dauerte es nicht lang. Dann belegte sie alle sportlichen Schul-AGs, Streetball, Basketball – und irgendwann Fußball. Der Moment, der alles auslöste, war ein Satz am Spielfeldrand der Hertha-Amateure, wo ihr Bruder spielte. Derya war zehn.
„Papa, ich will auch Fußball spielen“, sagte sie ihm. Ihre Mutter war strikt dagegen: „Mädchen brauchen das nicht.“ Ihr Vater aber blieb fest: „Wenn die Jungs das dürfen, hat Derya das gleiche Recht.“
Derya hält kurz inne, als sie das erzählt. „Dafür bin ich ihm für immer dankbar“, sagt sie leise.

Erstes Team, erstes Tor, erstes Staunen
Mit zehn fing sie bei Nord-Nordwest (NNW) an der Behmstraße an – unter lauter deutschen Spielerinnen. „Ich war die einzige mit kurdischem Hintergrund – ich dachte, ich muss doppelt so gut sein, damit niemand sagt: Die gehört hier nicht hin.“

Dann erzählt sie vom Osterturnier, und plötzlich leuchten ihre Augen. Finale. Gegner: der Verein Hürriyet aus dem Brunnenviertel – ihrem Kiez!
„Das war wie ein Länderspiel: Deutschland gegen die Türkei. Und dann schieße ich auch noch das entscheidende Tor!“ Ihr Vater strahlte, sagt sie. „Ich hab seinen Stolz richtig gespürt.“

Schon beim Turnier verhandelte Deryas Vater mit dem anderen Verein – und kurz darauf wechselte sie zu Hürriyet – obwohl sie selbst kaum daran glaubte. „Ich konnte eigentlich nur ein bisschen Straßen-Türkisch, zu Hause sprachen wir nur Kurdisch. Ich hatte echt Angst, ob ich da reinpasse.“
Dann lacht sie. „Es wurde die beste Zeit meines Lebens!“
Aus den Nachwuchskickerinnen wurde eine dominierende Mannschaft. „Wir haben Gegner abgefertigt – 17:1. Es gab niemanden auf Augenhöhe.“ Derya rückte in die Berliner Landesauswahl auf: „Eigentlich war ich Stürmerin, aber dort musste ich ins Mittelfeld. Ich musste kämpfen, um überhaupt in der Elf aufgestellt zu werden.“ Ihr Vorteil: „Ich bin Linksfüßerin – das macht dich automatisch interessant.“

Sie erzählt von den langen Fahrten zur Sportschule Wannsee, vom Training zwischen all den anderen Talenten. „Ich musste ständig aus der Schule raus. Irgendwann kam meine Lehrerin zu meinen Eltern und sagte: ‚So geht das nicht weiter.‘ Und dann war Schluss.“

Derya schaut auf ihre Hände. „Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hab zehn Jahre keinen Ball mehr angefasst. Nicht mal im Fernsehen Fußball geguckt. Die Wunde ist bis heute da.“
Der Ball findet sie wieder
Erst viel später, zufällig, beim Abholen des Bruders einer Freundin vom Fußballplatz an der Grenzallee in Neukölln, rührte sich etwas. „Ich hab ein bisschen rumgekickt. Und jemand sah mich und fragte: Willst du nicht eine Frauenmannschaft gründen?“
Sie stellte Bedingungen: „Respekt für die Frauen. Gleichbehandlung. Und ich entscheide mit.“ Der Verein akzeptierte.
Derya rief frühere Mitspielerinnen an. „Wir wollten eigentlich nur Spaß. Kein Druck, keine Liga.“ Doch der Verband hörte von ihnen. „Die sagten: Kommt zurück in die Liga. Ihr seid zu gut.“
Sie stiegen auf, gewannen, dominierten. „Wir mussten uns den Respekt der Männer hart erkämpfen. Am Anfang haben sie uns nicht mal gegrüßt.“
Sie grinst. „Als sie uns dann spielen sahen, ging das ganz schnell.“
Als der Verein ein versprochenes Final-Reisegeschenk nicht einlöste, reichte es ihr. „Ich hab gesagt: Das mache ich nicht mehr mit. Und ich habe die Mannschaft aufgelöst.“ Verreist sind sie trotzdem. „Aus Prinzip“, sagt sie. Und lacht.


„Die Mädchen heute haben mehr Freiheit. Und ich will, dass sie die nutzen.“
Heute trainiert sie Mädchen beim Träger „Outreach“, im Mädchenladen Clara in der Nazarethkirchstraße. „Das ist ein geschützter Ort. Da müssen sich die Mädchen keine blöden Sprüche von den Jungs anhören.“ Auf dem Käfig auf dem Maxplatz ist das anders. „Wenn wir trainieren, müssen die Jungs runter. Dann gibt’s schon mal Gemecker. Aber ich sage den Mädels: Wir ziehen unser Training in jedem Fall durch.“
Dass Mädchen etwas für ihr Selbstbewusstsein tun, ist in ihren Elternhäusern nicht immer selbstverständlich. „In meiner Kultur weiß ich natürlich, wie ich als Frau auftrete. Mit der Hilfe meines Vaters habe ich gelernt, wie ich in Deutschland klar komme. Das gebe ich den Mädchen weiter.“

„Macht eure Töchter nicht traurig.“
Zum Abschied sagt sie einen Satz, der hängen bleibt:„Macht eure Töchter nicht traurig. Lasst die Mädchen den gleichen Sport treiben wie die Jungs.“ Und zu den Mädchen: „Traut euch. Holt euch Hilfe. Fußball macht euch stark.“
Derya sitzt mir gegenüber, ruhig, aufrecht, entschlossen. Diese Frau hat gekämpft, verloren, neu angefangen – und so viel gewonnen. Der Frauenfußball im Wedding wäre ohne sie nicht derselbe.



Hallo in die Runde
mein erster Kommentar für das neue Jahr…. und gleich zu so einem für den Weddingweiser ungewöhnlich ernstem Thema.
Ja ich kann das sehr gut nach empfinden, nur das mein Vater (und auch die Mutter) das Gegenteil von Derya’s Papa war.
Hätte ich ein guter Fussballer weden können oder ein erfolgreicher Judoka . eventuell auch ein guter Boxer?? Nun das werd ich wohl nicht mehr erfahren, da all diese Wünsche sich nie erfüllt haben. Der Vater hat das alles mit dem Satz …. das ist nichts für Dich … abgelehnt. Woher wußte er das eingentlich ??
Als ich es mir dann mit 11/12 Jahren erkämpft hatte in einen Leichtatletikverein gehen zu dürfen , tja da war es dann auch ohne Interesse wenn ich Urkunden und Medallien bekam . Was mich dann später echt Wütend gemacht hat, war,das mein Bruder auf Händen getragen wurde, als er ein mittelmäßiger Schwimmer war!!
Es war gut das ich mit 19 von zuhause weg bin – wer weiß was alles hätte passieren können……
Darum sage ich euch Väter und Mütter …. macht eure Kinder nicht traurig, lasst sie machen … das wird schon – die entwickeln sich schon
in diesem Sinne
Hallo Reinhard, ja, die Unterstützung der Eltern ist so wichtig! Und wenn sie fehlt, kommen Lehrern und Erziehern ebenfalls in Frage, Kinder zu unterstützen und zu motivieren.
Tolles Mädchen, respektvoll und mutig. Toller Vater, alles richtig gemacht. viel Erfolg für die Zukunft.