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Städtebau im Wedding:
Gebaut, geteilt, saniert: das Brunnenviertel (1)

Sonntagsserie (Teil 1): Wie ddas Brunnenviertel an den Rand rückte

Nach dem Krieg sollte im Wedding alles heller, luftiger und moderner werden. Doch der Mauerbau machte aus der nördlichen Rosenthaler Vorstadt plötzlich eine Randlage mitten in der Stadt. Teil 1 unserer Serie erzählt, wie Wiederaufbau, Grenzhandel und Mauer das Viertel veränderten.

Heute liegt das Brunnenviertel genannte Gebiet sehr zentral in der Innenstadt zwischen Gesundbrunnen, Bernauer Straße, Humboldthain und Mauerpark. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg fühlte sich diese Lage aber anders an. Aus dem dicht bebauten Arbeiter- und Industriequartier wurde erst ein Experimentierfeld für Totalabriss und modernen Wiederaufbau – und nach dem Mauerbau eine West-Berliner Randlage mitten in der Stadt.

Nach 1945 war der Wedding schwer getroffen. Viele Häuser waren beschädigt oder überbelegt, es fehlte an Kohle, Lebensmitteln, Baumaterial und funktionierender Infrastruktur. In den alten Mietshäusern lebten oft viel zu viele Menschen auf engem Raum. Hinterhöfe, Seitenflügel und Quergebäude galten Stadtplanern als Inbegriff der ungesunden „Mietskasernenstadt“. Im heutigen Brunnenviertel lagen besonders viele negative Beispiele für Wohnungen, die den Ansprüchen in keinster Weise mehr genügten.

Foto links: Bert Sass

Die Antwort darauf hieß in der Nachkriegszeit: Licht, Luft und Sonne. Wohnungen sollten heller, hygienischer und moderner werden. Statt enger Höfe wünschte man sich frei stehende Wohnhäuser in Zeilenbauweise, begrünte Zwischenräume und breite Abstände zwischen den Häusern. Die zerstörte Stadt erschien vielen Planern nicht nur als Katastrophe, sondern auch als Chance, die alte von Wohnungen und Arbeitsplätzen durchmischte Stadt radikal zu entflechten.

Ein frühes Symbol dieses Denkens entstand zwischen Acker- und Gartenstraße: die Ernst-Reuter-Siedlung. Sie wurde in den 1950er Jahren als moderne Anlage des sozialen Wohnungsbaus errichtet. Mit gestaffelten Zeilenbauten, Grünräumen, Balkonen und einem Punkthochhaus zeigte sie, wie sich West-Berlin die Zukunft vorstellte. Zugleich war sie politisches Schaufenster. Nur wenige Schritte von der Sektorengrenze entfernt sollte sie beweisen: Auch der Westen kann bauen: neu, sozial, modern.

Fotos: Theresa Rüster

Vor dem Mauerbau profitierte die Gegend rund um den Bahnhof Gesundbrunnen sogar von ihrer Grenzlage. Wer aus Ost-Berlin oder der DDR kam, erreichte über den Bahnhof schnell westliche Einkaufsstraßen. Brunnenstraße, Badstraße und Behmstraße waren voller Geschäfte, Buden, Kinos und Wechselstuben. Auch einen riesigen Schwarzmarkt gab es dort. Das Viertel war kein Außenposten, sondern ein Übergangsraum, darüber hinaus auch eine Einkaufs- und Vergnügungsgegend. Hier begegneten sich zwei Stadthälften – weil die Grenze offen war.

Das änderte sich in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961. Mit dem Bau der Mauer wurde aus Nähe plötzlich Abgeschnittensein. Straßen endeten abrupt, Wege ins alte Zentrum waren blockiert, Kundschaft blieb aus. Ganze Familien wurden auseinandergerissen. Besonders die äußere Rosenthaler Vorstadt, das heutige Brunnenviertel, geriet in eine eigenartige Insellage: im Süden die Mauer an der Bernauer Straße, im Osten Grenzanlagen und Bahnflächen, im Norden Ringbahn und Nordbahn.

Die Folgen waren deutlich zu spüren. Geschäfte und Kinos verloren Kundschaft, die Brunnenstraße büßte an Bedeutung ein, Handel und öffentliches Leben verlagerten sich stärker zur Müllerstraße. Viele Menschen zogen fort, nach Westdeutschland oder in andere Berliner Wohnlagen. Auch Industriebetriebe litten unter der Insellage West-Berlins und dem Verlust alter Verbindungen.

Gerade diese Schwäche machte das Brunnenviertel zum idealen Kandidaten für eine besonders radikale Stadterneuerung. 1963 wurde das Gebiet Wedding-Brunnenstraße als Sanierungsgebiet ausgewiesen. Was damals „Sanierung“ hieß, meinte meist nicht vorsichtiges Reparieren, sondern Entmieten, Abreißen und neu Bauen. Das Brunnenviertel wurde damit zu einem der größten städtebaulichen Experimente der Bundesrepublik. Es ging zunächst um bessere Wohnungen – aber auch um die Frage, ob man eine gewachsene Stadt einfach durch eine geplante neue ersetzen kann.

In Teil 2 erklären wir die Kehrtwende: Warum Stadtplaner plötzlich nicht mehr alles abreißen wollten – und wie aus der großen Flächensanierung langsam die behutsame Stadterneuerung wurde.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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