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Tegeler Stadtheide:
Wo der Wind statt der Triebwerke rauscht

Ein Fuchs auf Mäusejagd, Schafe auf der Weide und dazwischen eine alte Landebahn: Auf einem Teil des Geländes des ehemaligen Flughafens Tegel entsteht mit dem Landschaftspark der Tegeler Stadtheide ein Freiraum, den viele noch gar nicht kennen.

Was sich hier entwickelt, ist ein urbaner Landschaftspark, der Naturerlebnis, Freizeit und Erholung sowie Forschung verbindet – und lohnt schon jetzt einen genaueren Blick.

Wo früher Flugzeugmotoren aufheulten, die bis in den Wedding schallten, hört man jetzt das Rauschen des Windes, unterbrochen vom Gesang der Feldlerche. Die offene Landschaft des stillgelegten Flughafens Tegels ist eine Einladung für Tiere und Pflanzen – aber auch für gestresste Großstädter. Was viele kennen, ist die geplante Nutzung des Terminalgebäudes für die Berliner Hochschule für Technik, die im Wedding aus allen Nähten platzt. Der Industriepark direkt davor ist als Urban Tech Republic bekannt. Auch das Projekt Schumacher Quartier mit 5.000 Wohnungen auf der Ostspitze des Geländes ist vielen ein Begriff, zumal hier mit Holzbauweise im großen Stil Architekturgeschichte geschrieben werden soll.

Was aber nur wenigen geläufig ist: der Nordwesten des weitläufigen Flughafengeländes wird als Ausgleichsmaßnahme für die nahen Baumaßnahmen zu einem großräumigen Landschaftspark entwickelt – der Tegeler Stadtheide. Im Gegensatz zur Urban Tech Republic und dem Schumacher Quartier steckt dieses Projekt schon mitten in der Umsetzung. Bei öffentlichen Führungen durch die Grün Berlin lässt sich diese Landschaft und ihre Entwicklung schon heute erleben.

Seit im November 2020 die letzte Maschine auf dem zivilen Teil des Flughafens Tegel abgehoben ist, blieb das etwa 190 Hektar große Gelände des zukünftigen Landschaftsparks keineswegs sich selbst überlassen. Ab Januar 2022 erfolgten intensive Kampfmittelräumungen auf dem früher als Schießplatz und Testgelände für Raketentechnik genutzten Land. Eine Flakstellung am Ende des Zweiten Weltkriegs war eine weitere Ursache für zahlreiche Munitionsfunde, deren Räumung etwa drei Jahre in Anspruch nahm.

Während der Kampfmittelräumung waren Landschaftsplaner:innen damit beschäftigt, ein Freiraumkonzept zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines Erholungsraums, der Freizeit, Naturerlebnis und ökologische Qualitäten miteinander verbindet. Vorhandene Biotope werden gesichert und weiterentwickelt, schützenswerte Arten wie Feldlerche, Zauneidechse und Heidenelke gezielt gefördert und durch neue Trockenrasen- und Sandheideflächen ergänzt.  Anders als beim Tempelhofer Feld ist in der Stadtheide von vornherein für einzelne Bereiche auch eine extensive Beweidung eingeplant. Denn viele Magerrasen, Heiden und Sandhabitate sind überhaupt erst durch die extensive Beweidung ziehender Schafherden entstanden.  Rund um die landwirtschaftliche Infrastruktur gibt es zahlreiche moderne landwirtschaftliche Geräte wie Striegel und Sämaschinen. Das Saatgut wird auf dem Gelände selbst geerntet, denn die eigenen Samen vom Tegeler Biotop sind für die Flächen besser geeignet als fremdes Saatgut.

Übrigens ist die Stadtheide schon heute, dadurch, dass sie jahrzehntelang nicht zugänglich war, ein Ort von höchstem Wert für Stadtnatur, die Lebensraum für viele Tierarten bietet. Bei unserer Besichtigung konnten die Gäste minutenlang einem Fuchs bei der Mäusejagd auf offener Feldflur zusehen. Als sehr windexponierte Kaltluftschneise hat die offene Landschaft auch eine wichtige klimatische Funktion für Berlin.

Was erwartet die Besucher:innen, wenn die Stadtheide in wenigen Jahren eröffnet? Ein Umweltbildungszentrum, verschiedene Aufenthalts- und Spielbereiche für Groß und Klein und hochwertige Trockenrasen und Heidebiotope in einer weitläufigen Kulturlandschaft, der Aussichtspunkt Heideblick, rund 90 Biotope, ein Heidesteg und nicht zuletzt eine neue Heimat für etwa 60 gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Das klingt schön, aber was erinnert dann noch an den Flugbetrieb? Keine Sorge: Die zentrale Landebahn und einige Taxiways bleiben erhalten. Ein historisches Flugzeug, das das Technik-Museum zur Verfügung gestellt hat, befindet sich im westlichen Gelände. Historische Relikte wie Schilder und Positionsleuchten aus den Zeiten des Flugbetriebs, Wetterstationen und manche rot-weiß-karierten Gebäude bieten auf dem Gelände, das einen unerwarteten Fernblick bietet, Orientierungspunkte fürs Auge. Auch der unverstellte Blick auf das Terminal, den Tower und die Hangars machen den Reiz dieser offenen Wiesenlandschaft aus.

Anders als beim Tempelhofer Feld wird hier aber nicht alles einfach so bleiben, wie man es nach Aufgabe des Flugbetriebs vorgefunden hat. Pflege, gezielte landschaftliche Eingriffe, neue architektonische Elemente und klar für die Freizeitnutzung von Erholungssuchenden bestimmte Bereiche machen aus der Stadtheide nicht nur ein aufgegebenes Flughafengelände, sondern einen modernen Erholungsraum, der zugleich auch ein sorgsam bewirtschaftetes und wissenschaftlich begleitetes Biotop darstellt. Die landeseigene Grün Berlin GmbH hat hier die Chance, ein einzigartiges Stück Stadtnatur für die Berliner:innen weiterzuentwickeln.

Info: Regelmäßig bietet der Campus Stadt Natur geführte Elektrocar-Touren über die Stadtheide an. Treffpunkt ist die Bushaltestelle des 109ers „Urban Tech Republic“. Die nächsten Termine findet ihr hier.

Diashow

Fotos: Andaras Hahn

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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