Wedding, Gerichtstraße. Samstagnachmittag. Ich hocke auf einem quietschenden Hocker zwischen einem riesigen Kristallchandelier, einem Lost-Wax-Schmuck-Schmiedetisch und einer Vintage-Vase in Omas-Toffee-Farbe. Es riecht nach Wachs, Kreativität und feministischem Manifest.


Foto rechts: Maeva Tordo
Vor mir: Anna Niestroj, die Gründerin von BlinkBlink. Eine Frau wie ein fein geschliffener Splitter aus Glitzer und Punk; Designstudium, Trendforschung und Kindheit im polnischen Oppeln.
„Ich habe das Studio gegründet, weil ich hier experimentieren und Dinge selbst herausfinden wollte, ohne mich erklären zu müssen oder um Erlaubnis zu fragen.“ Zack. Satz sitzt. Ihre Augen blitzen dabei, changieren zwischen Ironie und Ernst, ein bisschen wie ihre Auslage: Vintagejacken neben Kitsch neben handgeformten Kerzenhaltern in Open-Mouth-Form, von Vision Ceramics. Produkte also literally mit Haltung und zudem lokal erzeugt.


Früher floss hier Bier, jetzt sprühen hier Ideen
Hier ist vieles queer, fast alles handmade, nichts davon langweilig. Es ist ein bisschen Laden, ein bisschen Atelier, ein bisschen Utopie mit Werkbank. Die Regale: gerahmte Prints, selbstgegossene Silberringe, Postkarten mit Mustern und Slogans wie aus einem Frühstücksbuffet für Stilhungrige. Und dazwischen: handgeschöpftes Papier, upcycled Glitzertaschen, Omas Sonntagsteller. Präsent versteckt lugen elegante Kerzen der Marke „Bequem“ durch die Regalreihen. „Die macht ein Mädel aus der Ukraine, seit 2017 lebt sie in Berlin. Weil überall, wo sie eine Kerze anzünde Heimat sei“, so die Idee dahinter. „Und da ist es bestenfalls immer bequem.”
Der Raum ist weiblich, mit Absicht? Nein. Männer waren da, aber es hat nicht funktioniert. „Es geht hier nicht um Ausschluss, sondern um Zugehörigkeit. Um Ruhe. Um dieses Eine, das passiert, wenn Frauen unbeobachtet Dinge tun — um den Safe Space.“ Sie sagt das leise. Und mir fällt auf: Auch meine Stimme ist eine Oktave höher als draußen. Der Ort ist ein Safe Space – organisch gewachsen, nicht verkündet. Praktikant*innen? Ausschließlich Frauen bewerben sich hier, schon lange bevor die Wände rosa waren. Das Studio ist kein Dogma, sondern ein Ergebnis. Oder eine Erkenntnis. Seit 6 Jahren unterrichtet Anna an einer ISS in sogenannter „schwieriger Lage“ Kunst und Mathematik. Umso mehr Wert gewann das Studio für sie als Ausgleich zur teilweise rauen Realität Berlins. Zurzeit arbeitet auch Mareen Ledebur hier, die mit ihrem Label Mijita eigene Schmuckstücke aus Messing und Silber anfertigt und viele Workshops anbietet. Außerdem Nicole Marra, queer-feministische Illustratorin aus Brasilien, die viele KundInnen schon vom Weddingmarkt kennen.


Weit vor meiner Zeit im Wedding, erzählt Anna, war hier eine Kneipe. An der Eingangstür hing damals noch ein Schild mit “Bärenbierwerbung”, drinnen wurden Karten gedroschen und der Alltag für kurze Zeit ausgeblendet. Heute klöppelt man hier Ringe, klebt Collagen, formt Gipsmasken mit Namen wie Olga oder Kosmosbaby. Es gibt Risographie-Workshops, Schmuckkurse mit Flamme und Feile.
Das Studio lebt nicht nur vom Ort, sondern von der Bewegung. Polen, Schweiz, Frohnau, Japan im Geiste, BesucherInnen aus aller Welt. Klanginstallationen, handgeklöppelte Radiosendungen aus der Y2K-Epoche, Skizzenbücher mit Salzwasserflecken. Ihre Arbeiten sind wie das Studio selbst: laut flüsternd, fragil frech, mutig queer.


Krach, Komfort & Kohlestaub — der ungeschminkte Wedding
Der Wedding, sagt sie, sei kein einfacher Ort. Aber ein ehrlicher. Die Leute kommen aus der Nachbarschaft, seltener Touris. „Aber alle, die reinkommen, bleiben meistens länger als gedacht. Und kaufen Postkarten. Oder Tassen. Oder gar nichts – und gehen mit einer Idee wieder raus. Sie bedanken sich, dass wir da sind.“
“Nach dem Abi war ich zum ersten Mal im Wedding, in einer Bude im Soldiner Kiez, wo wir Ofenheizung hatten.“, erzählt sie. ”Ich aß da zum ersten Mal Falafel — und weil hier die Wohnungen noch mit Kohle geheizt wurden, wie bei uns in Polen, hatte ich ein wahnsinniges Kindheits-Flashback.“
Sozusagen ein kurzer AugenBlink und dann: Boom.
Zugegeben: Kunstdrucke verkaufen sich hier schlechter als in Mitte. Aber hier funktioniert anderes. Austausch. Wärme. Die Dynamik des Ladens, der stetige Wechsel, die Coziness, die nicht alle anzieht, aber bestenfalls die Richtigen. In der Ecke steht ein Regal mit thrifted Objekten, überall ein bisschen Ironie: Porzellanplastik trifft Punkanhänger trifft Seifenblasen und Glitzer-Wonderland.
“Als ich 2013 hier angefangen habe, saß ich immer auf der kleinen Treppe vor dem Laden und kannte quasi die ganze Straße. Die Nachbarn kamen vorbei, waren interessiert, hatten Zeit für Gespräche. Heute sind die Leute zurückhaltender, vorbeihuschender, alle in Eile — wie schade oder?”


Und der Rest ist schwer in Worte zu fassen
Draußen hupen Autos. Drinnen klingelt jemand mit einem Schlüsselanhänger, den eine Ukrainerin gefertigt hat, die jetzt in London lebt. Ich denke: Das ist BlinkBlink. Kein Laden. Kein Museum. Eher wie eine gute Radiosendung. Wild sortiert, weiblich getaktet, schwer in Worte zu fassen. Vielleicht so:
Zwischen Wedding und Welt blüht dieses Kleinod in der Gerichtstraße, grenzenlos, innovativ und sicher umhüllt von einer Wolke aus Glitzer und Verve.
Studio Blink Blink, Gerichtstr. 25,
geöffnet Mittwoch bis Freitag von 13:00 bis 18:00 Uhr und Samstag von 12:00 bis 16:00 Uhr
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Website des Autors der-wortling.com



Was mir – mit einem Leben voller täglicher Wortlastigkeiten – eben beim Lesen auffiel ist, dass es endlich Mal einen Laden mit schönen Sachen zum Anschauen gibt: ohne Wörter, Schriftzüge, Zutatenlisten in Minischrift und ohne Kleingedrucktes. So wunderbar…..