Weddinger Balkon-Szenen: eine Miniserie (Hoffentlich.)

Ausblick verpflichtet: ein Balkon, der einen Park überblickt, zwei rote Klappstühle und ganz viel Zeit. Grund genug, das Geschehen zu dokumentieren. Denn es gibt weiterhin viel zu sehen.

Binnen einer Woche ist es ruhig geworden in dem Park, wo sich sonst das ganze Spektrum der Nachbarschaft tummelt: Jugendgruppen, Omas, Picknicker, Feierabendbiertrinkerinnen. Die meisten von ihnen tun jetzt vermutlich alles andere als sich irgendwo zu tummeln. Plötzlich sitzen da nur noch vereinzelt Menschen in der Sonne, ein paar Hunde, viele Tauben. Irgendwie schön, irgendwie seltsam. Vom hohen Ross der Balkonbewohnerin betrachtet, wirkt der Wedding recht besonnen. Schubkarren voller Klopapier hat jedenfalls noch keiner vorbeigefahren. Wer sein Wochenende aber gerne damit verbringt, Kaffee zu trinken und das Treiben zu beobachten, muss sich aktuell an jede Auffälligkeit klammern. Und weil es nie genug zu lesen geben kann, seien hier mal die ersten beiden festgehalten. Für alle, die selbst gern beobachten – und versuchen, auch in schwierigen Zeiten das Besondere zu sehen.

Sonntag, 22.3., 11 Uhr

Upcycling

Dass zumindest die Umwelt von der aktuellen Situation profitiert, wurde in diesen Tagen für viele zum Smalltalk-Silberstreif am Horizont. Ganz nach dem Motto: Ist der Mensch im Haus, tanzt die Natur auf dem Tisch. Schon nach so kurzer Zeit erholt sich die Atmosphäre, die Luftverschmutzung ist an vielen Stellen zurückgegangen… oder wie die Medien sagen: „Schaut, Venedig!!!!“ Was durchaus verständlich ist. Denn wer gesehen hat, wie die tonnenschweren Traumschiffe und ihre fotografierende Fracht der Stadt zusetzen, kann beim Anblick von Delfinen und kristallklaren Kanälen nur fröhlich in seine Pasta mit Pesto schmunzeln. (Ist ja auch noch genug davon im Regal.)

Irgendwo im Internet steht, dass der Planet uns aufs Zimmer geschickt hat, um darüber nachzudenken, was wir falsch gemacht haben. Zum Glück kann ich diese Denkaufgabe vom Balkon aus bewältigen. Und wie Isaac Newton der Apfel trifft mich dabei ein Stück Plastik. Zugegeben, es segelt eher auf mich herab. Die Schwerkraft würde mir dadurch nicht in den Sinn kommen. Aber nach oben schaue ich trotzdem. Und dort wiederum schaut jemand nach unten. Ein Vogel, der sichtlich wenig begeistert ist, dass ihm das Nestbaumaterial flügge geworden ist. In diesem Moment verwandelt sich der Silberstreif am Horizont in einen durchsichtig-glänzenden Streifen Zigarettenverpackung. Und ich frage mich, ob man in Unverpackt-Läden nicht eh viel besser Nudeln hamstern kann.

Sonntag, 22.3., 14:15 Uhr

True Crime

Podcast-Empfehlungen geistern gerade durch alle meine WhatsApp-Gruppen. Dabei stellt sich heraus: Ein beträchtlicher Anteil der besten Menschen in meinem Leben schlummert selig ein, wenn ihnen jemand von grausigen Verbrechen, echten Morden und komplizierten Gerichtsverhandlungen erzählt. True Crime heißt das Ganze. Netflix ist voll davon, Romane dieser Art gibt es genügend und ehrlich gesagt ist das, was die ARD am Sonntagabend an Fake Crime serviert, ja wirklich keine Alternative.

Was dagegen sehr wohl eine Alternative ist, ist der Mann unter meinem Balkon. Er spaziert schon eine ganze Weile an den parkenden Autos entlang. Das ist prinzipiell ja kein Problem, Spazierengehen ist erlaubt, allein ist er auch. Aber ich habe zu viel Fake Crime gesehen, um dieses Verhalten nicht als verdächtig einzustufen. Ich sinke tiefer in meinen Klappsessel. (Aus Papas Keller, Baujahr 1980 von Ikea, der hält das aus.) Der Mann sinkt ebenfalls tiefer. Er gibt vor, seine Schuhbänder zu binden, tut das aber sehr nahe an dem Nummernschild eines kleinen blauen Autos. Als er sich an der zweiten Schraube versucht, huste ich. Vor Aufregung, vor Corona, wer weiß das schon. Aber ich komme aus einem kleinen Dorf in Österreich und wenn wir für eines berüchtigt sind, dann für unser unnachvollziehbar lautes Husten und Niesen. Das Geräusch schallt durch die leere Straße, erreicht den Verdächtigen mühelos. Ich bleibe in Deckung, beobachte aber triumphierend, wie er von dannen zieht. Wie Batman habe ich meine Stadt beschützt, erwarte quasi eine Welle des Applauses. Tatsächlich trifft mich nur ein entsetzter Blick der Nachbarin links oben. Ich habe vor lauter Verbrechensbekämpfung nicht in die Armbeuge gehustet. A true crime.

Fotos/Text: Alexandra Resch


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