Als Lehrerin im Home-Office

Das Schultor bleibt zu

Bisher berichteten Eltern von ihren Erfahrungen mit dem Homeschooling. Da wurde es Zeit, einmal die andere Perspektive einzunehmen. Daher kommt diesmal eine Lehrerin zu Wort. Sie arbeitet an einem Weddinger Gymnasium und ist Mutter zweier Kitakinder. Hier berichtet sie über ihre Erkenntnisse als Lehrerin im Home-Office.

Der Ruf nach Freiheit

Zunächst muss ich sagen, dass ich wirklich gerne Lehrerin bin. Eigentlich erlebe ich an jedem Tag wirklich schöne Momente mit meinen Schülern. Und in jeder Woche lerne ich auf allen Ebenen Neues, das ist toll. Aber natürlich gibt es auch Tage, wo ich abends vor Erschöpfung einfach nicht mehr kann, wo mir zwischendurch der Magen vor Hunger knurrt, aber einfach keine Zeit zum Essen bleibt, wo mich Einzelne schlichtweg nerven. Und daher muss ich zugeben, dass der Gedanke des Hometeaching auch etwas Reizvolles hatte. Meine Schule ist digital wirklich fit, der Lernraum gehört zur täglichen Arbeit, ebenso wie diverse digitale Programme im Unterricht. Aber jetzt habe ich endlich mal Zeit, Neues auszuprobieren und kennenzulernen, ohne straff durchorganisierten Alltag und Stundenrythmus, so viel Freiheit!

Willkommen in der Realität!

Arbeitsplatz einer Lehrerin im Home-Office
Home-Office

Oh nein, auch die Kita ist geschlossen! Nun muss ich also während der Mittagsschlafzeit alles schaffen. Abends bin ich nach dem ganzen Tag mit den Kids dazu kaum in der Lage. Das bedeutet Selbstdisziplin und Organisation, dahin ist die zeitliche Freiheit.

Aber mir bleibt die inhaltliche Freiheit. Schnell wurde mir klar, dass es in erster Linie nicht darum geht, das Stundenpensum laut Rahmenlehrplan zu schaffen. Es geht darum, meinen Schülern, und auch den armen Eltern im Homeschooling, Strukturen zu geben, um sich in dieser wirren Zeit nicht zu verlieren. Es geht darum, im sozialen Austausch zu bleiben, um die Isolation erträglicher zu machen. Und es geht darum, den Oberstufenschülern die Angst vor kommenden Prüfungen zu nehmen durch die weitere inhaltliche Betreuung.

Die erste Erkenntnis

Mit einer gewissen Flexibilität sind viele Unterrichtsinhalte durchaus für das Hometeaching geeignet. Die eine Lerngruppe hat Zeit, sich mit geleiteten Arbeitsblättern und einem Video in einem spannenden Projekt zu vertiefen. Eine andere Klasse bekommt Wochenaufgaben zur derzeitigen Lektüre. Der Oberstufenkurs erhält gezielt Übungsmaterialien für die bevorstehende Klausur und die Möglichkeit, Fragen im Videochat zu stellen. Für das konkrete Schreiben bleibt im Unterricht meist zu wenig Zeit. Am meisten Angst hatte ich vor der digitalen Sexualbildung. Aber auch das ist kein Problem, ohne Scham und Kichern kann sich jeder Schüler materialgeleitet mit den sehr persönlichen Themen auseinandersetzen. Austauschintensive Themen werden einfach auf das Wiedersehen verschoben.

Keine Panik bei technischen Hürden

Liebe Eltern und Schüler, auch wir Lehrer haben mit den technischen Hürden wegen Überlastung der Server zu kämpfen und vollstes Verständnis, wenn etwas später eingereicht wird. Auch die Probleme bei der Notengebung sind uns bewusst. Daher vollziehen wir diese wohlüberlegt, in erster Linie geht es um zuverlässiges und erfolgreiches Engagement beim digitalen Lernen. 

Die zweite Erkenntnis

Irgendwie in Kontakt bleiben

Nach einer Woche im Hometeaching merke ich, wie sehr mir meine Schüler fehlen. Ich möchte wissen, wie es ihnen geht, was sie den ganzen Tag so machen, mache mir Sorgen, wenn die Eltern sich nicht kümmern können. Also schreibe ich meinen Klassen im Lernraum, stelle genau diese Fragen, suche den persönlichen Kontakt. Und ich erhalte Antworten, vom Austausch von Serientipps bis hin zu rührenden Worten der Dankbarkeit, einmal auch als albanisches Sprichwort von dem Schriftsteller Naim Frashëri: „Punë, Punë natë e dite që të shohim pakëz dritë!“ (Arbeit, Arbeit Tag und Nacht, nur um ein bisschen Licht zu sehen!).

Und ich bin sehr stolz auf meine Kollegen. Ein Klassenlehrer sendet jeden Morgen sein „morning briefing“, das auch schon mal in Form eines Podcasts ausfallen kann. Eine Klassenlehrerin sammelt die Aufgaben aller Kollegen für eine digitale To-Do-Liste mit erkennbaren Fortschrittsbalken für die Schüler. Es gibt so viel mehr Beispiele engagierter Lehrer.

Die dritte Erkenntnis

Digitales Teaching kriege ich hin. Aber ich brauche den persönlichen Austausch mit meinen Schülern. Ich freue mich, wenn wir uns im Alltag wiedersehen, mit all seinen positiven und negativen Facetten! Kommt alle gesund wieder, und lasst uns bis dahin in Kontakt bleiben!

Uns interessiert, wie es Schülern, Eltern und Lehrern in dieser Situation geht. Schreibt uns gern! Mail an: redaktion@weddingweiser.de

Rahmenlehrpläne Berlin


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