Ein Besuch im AWO-Refugium

Eine Not-Flüchtlingsunterkunft

Lange Zeit war das „Horrorhaus“ im Afrikanischen Viertel  im Mittelpunkt des Medieninteresses. Nach der Räumung vor einem Jahr ist es still geworden um das Haus. Aber was ist eigentlich aus den ehemaligen Bewohnern geworden? Wir haben ihre Notunterkunft in der Gotenburger Straße im Soldiner Kiez besucht.

Die Vorgeschichte

Das Haus Lüderitzstr./Kameruner Str.

Auf massiven Druck von außen – durch Politik und Medien – hatte der Eigentümer Santosh A. im Juli 2017 die Mietverträge gekündigt. Er beteuerte immer wieder, dass die Mietverträge nicht mit ihm abgeschlossen worden sein, sondern von einer Hausverwaltung, welche im April 2017 plötzlich verschwunden war. Damalige Hausbewohner berichteten Medien, dass willkürliche Mietpreise von bis zu 700 Euro für ein kleines Zimmer verlangt wurden. Dazu kamen Ratten, Müllberge im gesamten Objekt, extreme hygienische Missstände, Schimmel, kein Strom, Beschwerden der Anwohner und regelmäßige Polizei- und Krankenwageneinsätze.

Im Oktober 2017 mussten laut Medienberichten 82 Bewohner das Eckhaus wegen „Gefährdung des Kinderwohls“ verlassen. Die richtige Zahl hätte eigentlich 93 lauten müssen, wovon 45 Kinder waren, das bestätigte uns Michael Grunewald  – seit 2015 Leiter der Notunterkunft AWO-Refugium. Er empfängt uns in der ehemaligen Schule in der Gotenburger Str. 7- 9. „Bis Juni 2014 war dieser Ort eine reguläre Schule“, so Grunewald. Danach wurde das Objekt durch die Migrationsbewegung zur Not-Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert und heißt seit September 2014 AWO-Refugium.

Am 13.10.2017 bekam dessen Leiter plötzlich einen Anruf vom Jugendamt Mitte und wurde darüber informiert, dass noch am selben Tag 112 EU-Bürger/innen aus Bulgarien in die Gotenburger Str. „vorübergehend“ verlegt werden sollen. Die Verwunderung war groß und stellte das Team, von jetzt auf gleich, vor riesige Probleme – bis heute. Aus einer „Notlösung“ von zwei Wochen wurden vier Wochen, aus wenigen Monaten mittlerweile mehr als ein Jahr – Zukunft ungewiss. Falsche Namen in den bulgarischen Pässen und Personen, die sich einfach „untergeschummelt“ haben, waren da nur der Anfang. Die Zahl der Bewohner sank schnell auf 93 – davon 45 Kinder.

Während unseres Aufenthaltes sind wir eigentlich ständig von Kindern umgeben oder hören, wie sie spielen und Spaß haben. Kinder bilden hier im Refugium den absoluten Mittelpunkt und sind auch die Zukunft – da sind sich alle einig. Alle haben die kleinen Energiebündel ins Herz geschlossen. Der Umgang mit ihnen ist immer respektvoll, herzlich und man nimmt sich stets viel Zeit. Das bringt aber auch viele dauerhafte Schwierigkeiten mit sich, da es das Team unglaublich viel Kraft kostet, die Kinder zu betreuen. Zur Freude aller Beteiligten sind aber alle Kinder in Schulen untergebracht und haben Unterricht. Nach der Schule haben die Kleinen aber noch viel Energie, und da ist das gesamte Team gefragt. Das Aufwachsen der Kinder in einer Obdachloseneinrichtung prägt sie in ihrer Entwicklung. Aber sie fragen nicht, woher kommst Du? Denen ist es egal, ob man aus Bulgarien, Syrien oder Rumänien kommt. Sie sind unvoreingenommen und wollen nur gemeinsam spielen, entdecken und lernen.

Seit Anfang 2017 kooperiert die Mobile Dance e.V. – Sitz in den Uferstudios – mit der Einrichtung in der Gotenburger Straße und veranstalten im Refugium jeden Mittwoch einen Kindertanzkurs. Zudem lädt die Mobile Dance e.V. regelmäßig die Familien zu einer Tanz-Party ein. Hier können alle Kinder ihre Dance-Moves präsentieren, sich austauschen und die Mitglieder des Vereins sorgen für das Catering.

Das Team

Wer sind eigentlich die Menschen, die sich seitdem um die vielen Schicksale und Belange der Flüchtlinge kümmern? An der Seite von Objektleiter Michael Grunewald steht da einmal Maria Feibig, welche die Stellvertretung – von Herr Grunewald – und gleichzeitig die Sozialarbeiterin ist. Ein tolles Team bilden zudem Sozialbetreuer/innen Renata Venus und Mohammed Kanaan im Bereich Beratung. Die Mitarbeiterinnen Afifa Mohmoud und Leyla Mirzai – aus dem Kinder- und Jugendbereich – betreuen zudem die aktuell 82 Kinder und Jugendliche. Wir sprechen tatsächlich von 82 Kindern und Jugendlichen bei inzwischen 140 Bewohnern – unglaublich. Ergänzt wird das Team noch durch die Mitarbeiter/innen der Hauswirtschaft und des Haushandwerkes.

Mit Regeln, aber auch viel Herz

Der tägliche Kraftakt des AWO-Teams wird durch viele zeitintensive Zusatzaufgaben erschwert. Weil Behörden und Beratungsstellen teilweise völlig überlastet sind, hilft man hier auch bei Behördengängen, Antragstellungen, Krankenversicherungsfragen und vermittelt, so gut es geht, in alle Richtungen. Kurzum, man kümmert sich um alles – von der Geburt bis hin zum Tod. „Das Jugendamt Mitte und das Bezirksamt Mitte haben zudem einen super Job gemacht und sind auch weiterhin eine große Hilfe“, sagt der 55-jährige Objektleiter und erzählte auch vom Wachschutz, deren Mitarbeiter von Anfang an die Null-Toleranz-Strategie hinsichtlich Alkohol, Drogen und jeglicher Gewalt im Haus mit durchgesetzt haben.
Mit Regeln aber auch viel Herz wurde sich schnell Respekt erarbeitet.
Die Bewohner brachten auch viele Besucher mit sich – bis zu 120 bis 150 pro Tag. „Es war viel los in den ersten Monaten“, aber es musste selten die Polizei gerufen werden, wobei es etliche Hausverbote hagelte.
Von Beginn an ist bei Fragen und Problemen der Kontaktbereichsbeamte Herr Burgfeldt (Polizeidirektion 3 – Abschnitt 36) ein starker Partner. Er unterstützt fortwährend in Sachen Prävention (Alkohol, Drogen und Gewalt) und bei Sicherheitsfragen, wofür Objektleiter Michael Grunewald bis heute sehr dankbar ist.

Was gut läuft und was nicht

Seit einem Jahr ist es viel ruhiger geworden und man kann von einem „Normalzustand“ reden, wenn man die vielen aktuellen Baustellen ausblendet. Als uns Maria Feibig im Haus herumführt, fällt schnell die Trostlosigkeit auf. Das Lachen der spielenden Kinder im Hof verhallt in den langen Fluren. Trotz der farbigen Wandgestaltung im gesamten Haus sind die Flure und viele Teile des Objektes verwaist.
Ab und an dringen Gesprächsfetzen verschiedener Sprachen durch die einzelnen Türen. Die Gemeinschaftsküche ist ausreichend mit Herden als auch Spül- und Arbeitstischen ausgestattet. Auch der Waschmaschinenraum im Keller ist mit genügend Waschmaschinen und Trocknern versehen. Das Kinderzimmer – hier werden tagsüber die Kleinen betreut – ist ein heller und freundlicher Raum. Bunter Spielteppich, kindergerechte Stühle und Tische als auch Spiel- und Bastelsachen findet man hier vor. Gleichzeitig nutzen die Mitarbeiter/innen am Nachmittag die dazugehörige Sporthalle für Sport- und Spielaktivitäten. Im Haus gibt es auch eine Kleiderkammer. Hier kümmern sich jeden Mittwoch (16-18 Uhr) sieben Damen und Herren ehrenamtlich um die Verteilung verschiedenster Dinge. „Die unverzichtbaren Damen“, wie Michael Grunewald sie nennt, sind die letzten ihrer Zunft. Einst waren es über 40 ehrenamtliche Helfer – durch „Wedding hilft!“ organisiert.
Auch heute noch versuchen die verbliebenen Ehrenamtlichen von „Wedding hilft“ zu bestimmten Anlässen – z.B an Ostern und Weihnachten – zu unterstützen. Zu den Öffnungszeiten können sich nicht nur die Bewohner des Hauses mit Kleidung und anderen Dingen eindecken, sondern auch andere Bedürftige bzw. geflüchtete Menschen. Spenden werden ständig gebraucht und da kommen wir zum nächsten Problem. Rege Nachfrage herrscht allgemein bei Baby- und Kindersachen, Männerjacken und -schuhen, Spielsachen aller Art, Alltagsgegenständen (Bestecke, Töpfe etc.) und Hygieneartikeln (Windel, Cremes, Shampoo, Zahnpasta und -bürsten usw.). Viele der Bewohner haben keinerlei Leistungsbezug und somit auch keine Möglickeiten, sich solch banale Sachen zu kaufen. Frauenbekleidung und vor allem Plüschtiere werden allerdings nicht gebraucht – davon gibt es viel zu viel. Spenden können jederzeit abgegeben werden!
Auch werden dringend ehrenamtliche Helfer für die Wochenenden und Feiertage (16 -17 Uhr) gesucht, um das Personal zu entlasten. Viele Ehrenamtliche haben nach der großen Flüchtlingswelle aus den verschiedensten Gründen ihr Engagement zurückgefahren oder eingestellt.

Ehrenamtliche Arbeit mit Kindern nötig

Rückblickend war das Team des AWO-Refugiums von „viel krasseren Vorstellungen ausgegangen“, und auch die vermuteten Probleme unter den verschiedenen Kulturen bestätigten sich nicht. Man ist im Allgemeinen aber sehr dankbar über die Unterstützung der verschiedenen Stellen und hofft auf mehr beständigeren ehrenamtlichen Zulauf, gerade was die Betreuung der Kinder angeht. Da es auf dem Gelände eine Sporthalle gibt und die Kids verrückt nach Fußball sind, Jungs wie Mädchen, wäre eine regelmäßige sportliche Betreuung das Größte. Es sind aber auch ehrenamtliche Helfer für die Gestaltung des Innenhofes willkommen, die mit den Kindern Beete anlegen, die Grünanlage pflegen oder auch Koch- / Backkurse gestalten.

Wer wirklich helfen möchte, sollte sich im Vorfeld ein wenig mit den Thema auseinandersetzen und auch seine Kraftreserven kennen. Dafür wird man mit viel Freude und Dankbarkeit bei den vielen Kindern im AWO-Refugium belohnt. Eine regelmäßige sportliche und kreative Betreung wäre für alle – gerade für die Kids – das Größte.

Website des AWO-Refugiums


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