Ein Beispiel für Vereinskultur im Wedding

Berlin - Wedding - Muellerstrasse (c) Foto von Susanne Haun
Foto Susanne Haun

Aus der Fülle an noch bestehenden Vereinen des Weddings greifen wir den Verein StandortGemeinschaft Müllerstraße .V. heraus und beleuchten ihn näher. Der Verein wurde 2013 gegründet und bietet seither seinen Mitgliedern zahlreiche Netzwerk- und Bildungsaktivitäten an. Unter dem Motto „Besonderheiten, und Interessantes der Müllerstraße herauszustellen oder zu entwickeln“ sind die Vereinsmitglieder im Umfeld von Waren oder Dienstleistungen in verschiedenen Branchen zu finden, wie im Bereich Wohnungen, Gewerbe- oder Ladenflächen, Ausüben eines Handwerks, Kunst und Kultur.

Das Händlerfrühstück

Das Händlerfrühstück der StandortGemeinschaft Müllerstraße im Himmelbeet. Foto: Susanne Haun
Das Händlerfrühstück im Himmelbeet. Foto: Susanne Haun

Im Februar fand das 87. Händlerfrühstück statt. Seit Dezember 2011 trafen sich die Mitglieder des Vereins regelmäßig jeden 1. Mittwoch im Monat um 7:30 Uhr an wechselnden Standorten zum Frühstück, tranken gemeinsam Kaffee, lernten die Gastgeberin bzw. den Gastgeber kennen, die/der das Frühstück ausrichtete und sprachen über aktuelles auf der Müllerstraße. Wo wird als nächstes gebaut? Wer übernimmt den leeren Laden an der nächsten Ecke? Wie weit ist die Gentrifizierung vorangeschritten? Diese und ähnliche Fragen wurden gemeinsam diskutiert, aber es wurden auch Aktivitäten geplant, wie die Kunstaktion „Mein Wedding“ bei der Weddinger und Nicht-Weddinger Kunstwerke wie Collagen, Fotos oder Gemälde einreichen können, die dann ganz groß auf Plakaten auf dem Mittelstreifen der Müllerstraße gezeigt werden. Dieses Jahr dürfte diese inzwischen etablierte Ausstellung auf der Müllerstrasse das 6. Mal stattfinden.

Mitgliederzahlen

Der Verein hat um die 40 Mitglieder, mal mehr, mal weniger. Dieses Jahr ist es notwendig, einen neuen Vorstand zu wählen. Hanna Dobslaw, die Vorsitzende des Vereins und Managerin des Cineplex Alhambra Kinos See- Ecke Müllerstraße muss aus persönlichen Gründen ihr Amt abgeben. Natürlich wurde beim monatlichen Frühstück darüber gesprochen, wer den Vorsitz übernehmen könnte und vor allem, wer bereit wäre, diese ehrenamtliche Tätigkeit auszuüben. Dabei wurde allen klar, dass es nicht so einfach ist, eine neue Vorsitzende oder Vorsitzenden zu finden.

Haben Vereine generell noch eine Zukunft?

Ein Plakat der Ausstellung "mein wedding 4" auf der Müllerstraße mit einem Motiv von Susanne Haun. Foto: Hensel
Ein Plakat der Ausstellung „mein wedding 4“ auf der Müllerstraße mit einem Motiv von Susanne Haun. Foto: Hensel

Nicht nur im Verein der StandortGemeinschaft Müllerstraße e.V. ist es schwierig, neue (aktive) Mitglieder zu finden. Allerorten werden Vereine aufgelöst und es werden weniger gegründet. So geht es zum Beispiel auch dem Förderverein der Graphothek in Reinickendorf, der nach einem Todesfall in der Vereinsspitze kurz vor der Auflösung steht. Besonders im Bereich der 20- bis 30-Jährigen lassen sich schwer neue Mitglieder akquirieren. Woran mag das liegen? Sind immer weniger Menschen bereit, ehrenamtlich zu arbeiten? Liegt es an den sozialen Medien? Es ist viel einfacher, bequemer zuhause vom Sofa aus über Facebook, WhatsApp oder Instagram zu kommunizieren, als zu regelmäßigen Treffen zu gehen. Gerade junge Menschen kennen Vereine fasst nur im Zusammenhang mit sportlichen Aktivitäten.

Warum ein Verein?

Susanne Haun ist seit knapp zwei Jahren Mitglied des Vereins StandortGemeinschaft Müllerstraße e.V. Was für Erwartungen hatte die aktiv in den sozialen Medien netzwerkende Künstlerin beim Eintritt in den Verein?

Susanne Haun: „Tag für Tag sitze ich mindestens eine Stunde vor meinem Computer (Smartphone/Tablet) und kommuniziere über meinen Blog sowie Facebook, Instagram und Twitter mit anderen Kunstinteressierten. Sicher, ich lerne dadurch viele interessante Persönlichkeiten aus aller Welt kennen, aber mir fehlte als selbständig tätige Künstlerin der Kontakt zu anderen realen Menschen, mit denen ich einfach nur plauschen und in der Mittagspause eine Tasse Kaffee trinken kann. Was für andere selbstverständlich ist, die Mittagspause mit anderen Kolleginnen und Kollegen zu verbringen, ist für Selbstständige eine Seltenheit. Durch den Verein habe ich viele Gleichgesinnte kennengelernt. Wenn ich jetzt eine Pause machen möchte und der gewollten Einsamkeit meines Ateliers entfliehen möchte, gehe ich eine Runde drehen, dabei kann es sein, dass ich mit Marie vom atelier nuno oder mit Dzintra vom Café Motte einen Kaffee trinke. Samstags besuche ich oft Manuela Pagenhardt, die ihren Schmuck in ihrem Laden im Rathaus Wedding anbietet. Bei den gemeinsamen Aktionen des Vereins erfahre ich unter anderem, wieviele Casinos in einer Straße sein dürfen und was man gegen Lärmbelästigungen unternehmen kann. Es ist schön, in seinem Kiez spazieren zu gehen und viele Menschen „Hallo“ sagen zu können. Es gibt mir ein Gefühl der Geborgenheit und ein Gefühl von Heimat. Des Weiteren bin ich sehr neugierig und freue mich immer wieder, wenn ich neue Geschäfte und Geschäftsideen im Wedding kennenlerne. Es ist manchmal einfacher, mit etwas wie Steuern, Miete und Krankenkassenbeiträgen umzugehen, wenn man weiß, dass man von Gleichgesinnten umgeben ist, bei denen man sich auskotzen oder auch mal um einen Ratschlag bitten kann.“

Aktuelles aus dem Verein

Am 11. April um 19.00 Uhr findet im Café Motte, Nazarethkirchstraße 40, 13347 Berlin ein Netzwerk- und Kennenlern-Treffen statt. Ihr seid alle herzlich dazu eingeladen.

Die Autorin freut sich über Kommentare zur Vereinskultur im Wedding.

Informationen

StandortGemeinschaft Müllerstraße e.V.
Ansprechpartner: Dorothee Böttges-Papendorf
Geschäftsstelle:
Müllerstraße 138B, 13353 Berlin
Tel.: (030) 288 76 99 – 0
Fax: (030) 288 76 99 – 20
[email protected]

Autorenfoto Susanne Haun

Ich habe viele Menschen rund um die Müllerstraße durch den Verein getroffen, will aber gerechterweise sagen, dass ich durch den Weddingweiser auch in den anderen Vierteln des Weddings viele Menschen kennengelernt habe.

Susanne Haun studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Seit 2002 ist sie als Bildende Künstlerin und Autorin in Berlin aktiv. Von 1993-2005 arbeitete sie als Systemanalytikerin und Entwicklerin für verschiedene ARD Sendeanstalten. Als Autorin veröffentlicht sie seit März 2009 täglich Beiträge zur eigenen Kunst und Kunstgeschichte in ihrem Blog www.susannehaun.com und interagiert dort sowie auf weiteren Social Media Plattformen mit über 12.000 Follower. Zudem unterhält Susanne Haun einen Kunstsalon in ihrem Atelier. Hier werden regelmäßig aktuelle Themen zur Kunst von geladenen Gästen referiert und diskutiert.

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