Tanzen gegen das Warten

JUNCTION ist ein Tanzprojekt für geflüchtete Menschen mit internationalem Modellcharakter. Alle reden über geflüchtete Menschen, aber nur wenige sehen genauer hin. Der Alltag vieler Geflüchteter ist bestimmt durch Behördengänge, das Aushalten von Barrieren und Willkür, Eintönigkeit und vor allen Dingen warten. Warten auf eine ungewisse Zukunft.

Die Choreografin Jo Parkes und die Heilpädagogin Barbara Weidner haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Alltag von geflüchteten Menschen ein wenig zu erleichtern. Seit 2014 bietet das von Ihnen entwickelte Projekt JUNCTION als Teil von Mobile Dance e.V. wöchentliche Tanzworkshops in fünf Unterkünften  an. Zudem gibt es in jedem Quartal für alle eine große Tanzparty in den Uferstudios.

Wann und wie?

Der wöchentliche Tanzworkshop beginnt mit einem offenen Körpertraining, an dem alle Kinder und Jugendlichen der jeweiligen Unterkunft teilnehmen können. Der Fokus liegt auf der Aktivierung innerer Ressourcen, den Aufbau von Durchhaltevermögen und den Abbau von Stress durch Atmen und Berührung. Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt in der Improvisation. Bei allen Übungen und Angeboten steht im Mittelpunkt, den Teilnehmenden zu helfen – im Hier und Jetzt anzukommen. Nach der Trainingsphase geht die Gruppe in die Phase der Choreografie. Dieser Teil des Workshops ist nicht mehr offen für alle, sondern richtet sich nur an Teilnehmende ab sieben Jahren, die bei der Tanzparty auftreten möchten.

Ankommen und angenommen werden

Die Teilnehmenden  verweilen häufig seit Monaten oder Jahren hier. Nach der Zeit des Ankommens, der Neuorientierung in einem fremden Land und der Hoffnung auf  Sicherheit zeichnet sich ab, dass diese Zeit des Übergangs und des Ausharrens viel länger andauert als erwartet. Das Warten wird zum Dauerzustand und die Familien müssen sich nun in einer Phase des provisorischen Lebens mittelfristig einrichten. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung nach möglichst zügiger „Integration“ und schneller Anpassung einerseits sowie die Erfahrung von alltäglichem Rassismus, von den Hindernissen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen andererseits,  frustrieren vor allem die Kinder und Jugendlichen. Das Projekt bezieht immer auch ihre Familien mit ein.

Die Tanzparty in den Uferstudios

Die veränderte bzw. stagnierende Lebenssituation der geflüchteten Personen verändert auch die Schwerpunkte der Arbeit. Um das Warten auszuhalten, brauchen Kinder und Familien „Höhepunkte”, die den Alltag unterbrechen. Die längst etablierte berlinweite Tanzparty in den Uferstudios im Wedding ist deshalb besonders wichtig. Sie ist die zentrale Veranstaltung für alle Aktiven im Projekt, für deren Familien und interessierten Berliner am Ende eines jeden Quartals. Alle kommen zusammen, um die Tanzperformances und musikalischen Performances zu sehen bzw. zu hören und anschließend beim „Danceoke“ (Karakoke ohne Singen, aber mit Tanzen) selbst aktiv zu werden und miteinander zu tanzen. Die nächste Tanzparty findet am 17. Dezember im Studio 14 der Uferstudios (Eingänge: Uferstraße 8/23 und Badstraße 41a, 13357 Berlin) statt.

Kunst als Unterstützer, Unterstützung durch Kunst

Die Tanzparty wird von Nada Aswadma geleitet. Sie hat selbst am Projekt JUNCTION teilgenommen, während sie in einer Unterkunft wohnte.  Insgesamt 18 Künstlerinnen und Künstler aus 11 unterschiedlichen Ländern geben die Workshops. Fünf von ihnen sind einst selbst geflüchtet. Alle werden vor Projektbeginn in trauma- und diversitätssensibler Praxis fortgebildet und treffen sich regelmäßig zu einem gemeinsamen Austausch. Die Teams werden zudem regelmäßig heilpädagogisch von Barbara Weidner und tanzpädagogisch von Jo Parkes begleitet.

Neben den Tanzkünstlern gehört zu jedem Team auch eine Assistenz. Diese Rolle ermöglicht praktische Erfahrungen für Künstlern, die in dem Bereich arbeiten wollen. Die Assistenten sind HZT-Studierende, die im Rahmen ihres Studiums Credit-Points erwerben können, aber auch ehemalige Teilnehmer und interessierte Tanzkünstler. Die Assistenten nehmen an Fortbildungen und den Sitzungen zur Prozessbegleitung teil.

Wer mehr über das Projekt JUNCTION und den Mobile Dance e.V. wissen möchte, kann sich unter www.mobile-dance.com oder auf Facebook unter https://www.facebook.com/MobileDanceCompany/ informieren.

Text: Klaudia Kelleh


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