Round not Square: Lesen und weiterrollen

Buchrollen aus dem Verlag. Foto: A. Oertel
Buchrollen aus dem Verlag. Foto: A. Oertel

Sie sind angetreten um nichts Geringeres zu tun, als die Schriftrolle neu zu erfinden. Antonia und Ioan betreiben seit vier Jahren den weltweit ersten Verlag, der Buchrollen aus Handarbeit verlegt – Round not Square. Als Standort für ihr kleines Imperium haben sie sich den Eulerkiez im Wedding ausgesucht. Von hier aus erzählen sie Geschichten, die nicht durch das lästige Umblättern unterbrochen werden – die Buchrolle wird einfach ein bisschen weitergerollt.

Viele lokale und internationale Schriftsteller, Comiczeichner oder Fotografen haben sich von dem haptischen Erlebnis in den Bann ziehen lassen und realisieren ihre Projekte zusammen mit dem Verlag Round Not Square. Und dies mitunter so günstig, dass sich auch der Ottonormalverbraucher die kleinen Schmuckstücke leisten kann.

Wie alles begann …

Antonia und Johann vom Verlag Round not Square in der Eulerstraße. Foto: A. Oertel
Antonia und Ioan vom Verlag Round not Square in der Eulerstraße. Foto: A. Oertel

Seit vier Jahren lebt das Pärchen Antonia und Ioan in der Eulerstraße 21 und bewohnt zusammen mit ihren zwei Kindern eine Altbauwohnung über den Verlagsräumlichkeiten. Kennengelernt haben sich die Stuttgarterin und der Franzose in einer Münchener Unternehmensberatung. Damals änderte sich das Internetdesign hin zu Seiten, die lediglich heruntergescrollt werden. Die beiden Künstler besannen sich auf die Zeit, als Menschen ihre Gedanken noch auf Papierrollen niederschrieben. Die Idee eines Verlages, der hochwertige Buchrollen produziert, war geboren. Der Zufall wollte es, dass der Gas- und Wasserinstallateur Biedermann seine Geschäftsräume im gleichen Haus aufgab, um nach Japan auszuwandern. Nach aufwendigen Sanierungsarbeiten war nun Platz für die Produktions- und Ladenfläche. Doch woher die 11.000 Euro für die notwendige Druckmaschine nehmen, wenn nicht stehlen?

Starthilfe durch Schwarmfinanzierung

Eine Arbeit des amerikanischen Künstlers Larry Yust, gedruckt im Wedding. Foto: A. Oertel
Eine Arbeit des amerikanischen Künstlers Larry Yust, gedruckt im Wedding. Foto: A. Oertel

Über eine Crowdfunding-Kampagne sammelten Antonia und Ioan 14.341 Euro ein. Bei dieser Form der Finanzierung wird ein bestimmtes Projekt erst realisiert, wenn genug Unterstützer gefunden werden. Insgesamt konnten sich 184 Internetnutzer für das Werk „Street Colors, Catching the Eye“ von Larry Yust begeistern. Eine kongeniale Verbindung, da die langen Panoramabilder des amerikanischen Autors und Fotografen durch das Rollenformat endlich über eine Seitenlänge hinaus abgedruckt werden konnten. Der bekannte Künstler verschaffte sich dann auch vor Ort einen Eindruck vom Rollen-Verlag und war sehr beeindruckt vom Stadtteil Wedding. Ein Spaziergang führte den 1930 geborenen Fotografen auf das ehemalige Fabrikgelände der AEG in der Voltastraße. Dort entdeckte er einen Turmaufgang, der von einem französischen Street Art-Künstler gestaltet wurde und machte diesen wiederum zum Teil seiner Kunst.

102. Stockwerke auf einer Seite

Das Werk eines französischen Streetart-Künstlers auf dem ehemaligen AEG-Gelände, gedruckt in der Eulerstraße. Foto: A. Oertel
Das Werk eines französischen Streetart-Künstlers auf dem ehemaligen AEG-Gelände, gedruckt in der Eulerstraße. Foto: A. Oertel

Doch nicht nur amerikanische Künstler wie der in Hollywood lebende Larry Yust verlegen ihre Geschichten im Round Not Square –Verlag. Die Dresdner Comiczeichnerin Luisa Stenzel erzählt in einer einzigen Illustration ihre Version des Rotkäppchen-Märchens. In „Wilma und der Wolf“ trifft die kleine Heldin auf einen unschuldigen Backpacker-Wolf, der sich so gerne an die Menschenwelt anpassen möchte. Die Handarbeit ist bereits für 25 Euro im Online-Shop des Verlages oder für Selbstabholer erhältlich. Auch die Berlinerin Katharina Greve setzt auf das Rollenformat und lässt ihr mit dem Max und Moritz-Preis ausgezeichnetes „Hochhaus“ im Round Not Square-Verlag produzieren. Vom Keller bis zum Dachgeschoß umfasst der Comic 102. Stockwerke und konnte nur in Form einer Buchrolle auf einer einzigen langen Seite verewigt werden. Die Linolschnitte des Künstlers Herbert E. Wiegand richten sich eher an die Erwachsenenwelt. Auf einer Länge von 20 Metern entfaltet sich ein Panorama der norwegischen Küstenlandschaft, wie es nur auf einer Schriftrolle möglich ist.

Für die Badewanne geeignet?

Eine Buchrolle, gedruckt in der Eulerstraße. Foto: A. Oertel
Eine Buchrolle, gedruckt in der Eulerstraße. Foto: A. Oertel

Antonia und Ioan sehr gerne im Wedding. Ihre Kinder können auf dem benachbarten Euler-Spielplatz ihre Energie freisetzen und für Antonia hat der Stadtteil genau das richtige Tempo: „Wir schätzen, dass sich im Kiez stetig etwas verändert, allerdings nie zu viel.“ Wir kommen kurz auf Weddinger Schulen zu sprechen, weil diese Frage die jungen Eltern umtreibt. Sie möchten der Rudolf-Wissel-Grundschule in der Ellerbeker Straße trotz ihres vermeintlich schlechten Rufs eine Chance geben. Schließlich kenne man sie ja nur vom Hörensagen. Antonia und Ioan sind im Wedding angekommen und haben sich hier ein soziales Netzwerk aufgebaut. Sie freuen sich über jeden Kiezbesucher und deren Fragen wie beispielsweise: „Kann ich die Buchrolle auch mit in die Badewanne nehmen?“ Wen die Antwort interessiert erhält sie direkt in der Eulerstraße 21.

Zukunft der Buchrolle gesichert

Eine Buchrolle aus dem Verlag. Foto: A. Oertel
Eine Buchrolle aus dem Verlag. Foto: A. Oertel

Gefragt nach zukünftigen Wunschprojekten fällt Antonia spontan die jüdische Torarolle ein, die die fünf Bücher Moses zum Inhalt haben. Auch wenn es bereits einen Kontakt zum Jüdischen Museum gibt, ist eine Umsetzung ungewiss. Schließlich wird die hebräische Bibel von Hand geschrieben und unterliegt gewissen Koscher-Vorschriften. Ich bin gespannt, was sich das kreative Pärchen einfallen lässt. Auch über eine Koran-Version haben Antonia und Ioan bereits nachgedacht.

Die beiden erzählen mir von einer florierenden Comic-Szene im Kiez, die mir selbst als Ur-Weddinger bis dato entgangen ist: der Reprodukt Verlag in der Gottschedstraße oder ein Pärchen, dass ihre Strichzeichnungen aus der Laböerstraße heraus verlegt. Mir wird bewusst, dass es hier eine gut vernetzte Künstlerszene gibt, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist und die in nächster Zeit sicher noch wachsen wird. Mir fällt der Bauch von Antonia auf. Er könnte ein Fettnäpfchen sein, da es ja auch Frauen gibt mit eher weiblichen Rundungen. Ich traue mich zu fragen und erfahre: Die Buchrollen-Szene erhält noch in diesem Jahr Nachwuchs, so dass die Zukunft dieses erhaltenswürdigen Handwerks gesichert ist.

Round Not Square – Verlag für Buchrollen, Eulerstraße 21, Montag bis Freitag, 10–12 Uhr und 13–17 Uhr geöffnet, E-Mail: i[email protected],  Telefon: (030) 52 28 68 22

Autorenbild Andreas Oertel

 

Als sein Gas-/Wasserinstallateur nicht mehr da war, fragte Andreas Oertel sich, was da für ein komischer Verlag eingezogen ist.


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