Ein Abend im Späti: Zwischen Feinwaschmittel und Seelsorge



Späti, so nennen gerade die Berliner liebevoll die Anlaufstelle Nummer Eins, wenn die Sonne untergegangen ist.
 Egal ob morgens oder nachts, der Spätkauf ist nirgendwo mehr wegzudenken.
 Schon lange ist es nicht mehr einfach nur ein kleiner Laden, um auf die Schnelle Bier, Zigaretten oder Knabberkram zu kaufen. Vielmehr ist es über die Jahre eine Mischung aus Mini-Supermarkt, Internetcafe, Copyshop, Treffpunkt und Infobörse geworden.


Einer für Alles: Versorger, Vermittler, Freund

Es ist Samstagabend, die helle LED-Reklame an der Außenfassade ist von weiter Ferne zu sehen und zieht Anwohner, Arbeiter, Partygänger, Rastlose und Touristen an wie Motten das Licht.
 Tuncay steht seit 17 Uhr hinterm Verkaufstresen im Spätkauf in der Kameruner Straße im Wedding und bedient bei bester Laune die Kundschaft. 
Die elektronische Türklinge ertönt in Dauerschleife und vermischt sich mit dem Sound aus dem Radio und dem Stimmengewirr im Laden.
 Es geht zu wie im Taubenschlag. Einige Kunden hasten herein, greifen zielsicher in „ihre Fächer“, bestellen bereits im Vorbeigehen ihre Zigaretten, bezahlen und stürzen wieder raus. Andere verweilen im oder vor dem Laden und tauschen sich über Gott und die Welt aus.

20 Uhr, die Stimmung ist gut und die meisten kennen sich seit vielen Jahren.
 So wie Hasan und Jens, die seit nunmehr vier Jahren sich jeden Samstag hier treffen und beim Bierchen plauschen.

 „Der Treffpunkt hier ist für uns seit vielen Jahren Tradition.“

 70 Prozent der Kunden sind Stammkunden, sagt Tuncay, und sie kommen teilweise mehrmals täglich rein. Morgens ist es meist der Coffee-to-go, die Tageszeitung und was Süßes als Nervennahrung für die Arbeit, dazwischen die Prepaidkarte für Handy und am Abend das Feierabendbier oder Tabak.
 Eine Gruppe Studenten kommt gut gelaunt rein. Einer von ihnen hat bei winterlichen Temperaturen nur ein T-Shirt und eine kurze Hose an, ist sichtbar angetrunken und hält ein halbvolles mitgebrachtes Weizenglas hoch als wäre es der DFB-Pokal. Sie kaufen eine große Menge Bier, Wein und Tabak für eine Party um die Ecke, wo die Vorräte langsam zu Neige gehen.

 „Ohne den Späti wären wir jetzt echt aufgeschmissen.“

So bunt wie die Auslage, die vielerorts locker mit einem Supermarkt mithalten kann, ist auch die Kundschaft. Vom Hartz-4-Empfänger, über Studenten, Arbeiter bis hin zum Arzt ist alles vertreten. 
22 Uhr, es ist etwas ruhiger geworden und Tuncay nutzt die Zeit, um schnell was zu essen, bevor die Nachtschwärmer und Berufstätigen reinkommen.
 Er erzählt, dass er vorher als Erzieher gearbeitet hat, schon immer den Umgang mit Menschen sehr mag, und das kommt ihm hier zugute. 

„Als Verkäufer bist Du manchmal eine Mischung aus Freund, Vermittler und Seelsorger.“

 Meist ist es der Smalltalk nebenbei, aber wenn es die Zeit zulässt, redet man über Privates, die Arbeit, Sport, Politik und natürlich den Kiez.
 Hier erfährt man schnell die Neuigkeiten, denn die Nachbarschaft ist immer im Wandel.

 Das Angebot ändert sich auch ständig und wächst stetig, weil der Kunde es so wünscht.
 Von diversen Lebensmitteln, über Feinwaschmittel, Hygieneartikel bis hin zum Champagner bietet der Spätkauf mittlerweile an vielen Ecken alles an, was man zum täglichen Gebrauch benötigt.
 Man müsse mit der Zeit gehen und die Leute bei Laune halten.

Gute Nacht, zweites Wohnzimmer!

Es ist bereits nach Mitternacht, als Tuncay, etwas geschafft aber glücklich, den Laden auf Vordermann bringt. Der vertraute Ton der Türklingel erklingt zwischendurch immer wieder und so wechselt er mehrmals in seine Schicht die Positionen und ist irgendwas zwischen Regaleinräumer, Lagerist und Verkäufer. Am Wochenende geht viel über die Theke und muss dementsprechend wieder aufgefüllt werden. Das Auffüllen gehört genauso dazu wie die Hygiene oder das Aufgeben von Bestellungen für die nächsten Tage. Das liegt nicht jedem und verlässliches Personal ist oftmals schwer zu bekommen. Allrounder, die sich schnell zurecht finden, sind Mangelware und schwer finden.

3 Uhr, die Nacht ist ruhig geworden, der letzte Kunde hat bezahlt, man verabschiedet sich freundschaftlich und wünscht sich eine gute Nacht. 

„Een, zwee Fusspils und Fluppen gehen immer“ sagt der junge Mann und verschwindet in die Weddinger Nacht.
 Endlich Feierabend.
 Noch schnell die Werbeaufsteller reinbringen, Tageszeitungen abhängen und abschließen. 
In wenigen Stunden geht alles wieder von vorne los, denn die Leute lieben und brauchen ihr zweites Wohnzimmer, ihren Späti.


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