Weddinger Freiheiten: Als die Kirche besetzt war

Auf den Stellwänden geht es um die Geschichte im Wedding und um soziales Engagement. Fotos: Andrei Schnell
Auf den Stellwänden geht es um die Geschichte im Wedding. Fotos: Andrei Schnell

Ja, das waren noch Zeiten! Als ein paar lautstarke Außenseiter verkündeten, die Stephanuskirche sei jetzt besetzt. Wobei sie mit Besetzung meinten, das Kirchenhaus gehöre jetzt ihnen und nicht mehr der amtlichen Kirche. Aus heutiger Sicht ist das unvorstellbar. Und noch viel erstaunlicher wirkt heute, dass damals nicht als erstes nach dem Sicherheitsdienst gerufen wurde. Nachzulesen ist diese Episode der Kirchenbesetzung auf einer von zwölf Stellwänden der Wanderausstellung „Weddinger Freiheiten“, die derzeit in der St.- Paul-Kirche in der Badstraße 50 zu sehen ist.

Die Ausstellung zeigt zahlreiche Fotos und Dokumente zur Geschichte des Weddings vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Dabei rahmt die große, umfassende deutsche Geschichte die kleine Kiezgeschichte ein. Und sie zoomt noch weiter hinein bis auf die Ebene von Personen. So werden einzelne Pfarrer der Kirchen im ehemaligen Arbeiterbezirk vorgestellt. Die zentrale Frage ist dabei stets: Wie haben diese in den großen Strömungen ihrer Zeit mögliche Freiräume für soziales Engagement genutzt?

St.-Paul-Kirche in der der Badstraße 50. Foto: Andrei Schnell
Derzeit ist die Wanderausstellung in der St.-Paul-Kirche in der der Badstraße 50 zu sehen. Foto: Andrei Schnell

Auch der Soldiner Kiez kommt in der Ausstellung vor. Zum einen bei der oben erwähnten Besetzung der Stephanuskirche. Pfarrer Ahrnke blieb dabei damals cool. Offenbar fand er, dass die sozial engagierten jungen Menschen, die seine Kirche symbolisch besetzten, mit ihrem Anliegen recht hatten. Außerdem wird der Glaskasten in der Prinzenallee erwähnt. Während der Nazizeit wurden hier – in einem ehemaligen Arbeiterlokal – Regimegegner misshandelt. Zur Ausstellung gehört auch ein Film von Lena Reich. Die Journalistin, die im Soldiner Kiez wohnt und auch regelmäßige Autorin des Kiezmagazins Soldiner ist, fragte mehrere Nachbarn, was sie heute unter Freiheit verstehen. Gleich zu Beginn des Videos ist zum Beispiel Kulturmanager Stefan Höppe zu hören, der im Kiez viele Musikveranstaltungen mitorganisiert hat.

Derzeit ist die Ausstellung „Weddinger Freiheiten“ bis zum 31. Oktober in der St. Paul-Kirche in der Badstraße 50 zu sehen. Geöffnet ist sonntags von 11 bis 13 Uhr und mittwochs von 15 bis 18 Uhr. Es gibt auch ein Begleitprogramm. Gleich im Anschluss wandern die „Weddinger Freiheiten“ in die Kapernaumkirche in der Seestraße 35. Vom 5. bis 26. November wird sie dort zu sehen sein. Die zwölf Stellwände plus vier Zusatzwände werden im nächsten Jahr auch in die Stephanuskirche in der Prinzenallee wandern. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Erstellt hat die Ausstellung die evangelische Landeskirche.

Der Text wurde zuerst im Kiezmagazin Soldiner, Ausgabe Oktober 2017 veröffentlicht. Text und Fotos stammen von Andrei Schnell. Mehr über das Kiezmagazin und die Bürgerredaktion, die es herstellt: www.dersoldiner.wordpress.com

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