Die ganze Welt für 1 Euro

Foto: David Sandkaulen

Wenn die Finanzen klamm sind, ist manchmal selbst guter Rat noch zu teuer. Doch es gibt einen Ort, an dem werden deine Träume auch für einen schmalen Taler wahr: Der 1 Euro-Shop.

Wir wollen Kuchen backen, doch in der spärlich eingerichteten Küche lässt sich keine Schüssel zum Anrühren des Teigs finden. Auch Improvisation mit kreativen Alternativen ist unmöglich. Wir müssen wohl eine Schüssel kaufen. Keine Chance, mit unserem Budget etwas in einer ordentlichen Haushaltswarenabteilung zu finden. Wir grübeln, dann blicken wir uns an und werden im selben Moment erleuchtet: Der 1 Euro-Shop! Mehr muss nicht gesagt werden. Das Abenteuer kann beginnen.

Die Plastikschüssel aus dem 1-Euro-Shop. Foto: Sigrund Wetzel
Die Plastikschüssel aus dem 1 Euro-Shop. Foto: David Sandkaulen

Am Eingang des Shops versichern wir uns noch einmal gegenseitig unsere Mission: eine Rührschüssel. Ich will losstürmen, doch komme ich schon nach dem ersten Schritt ins Stocken. Es ist unmöglich im Vorbeigehen die Waren in den Regalen kurz abzuscannen und beim gesuchten Produkt stehen zu bleiben . Das Angebot ist einfach zu überwältigend. Dicht an dicht drängen sich hier die Waren. Ein Schritt vor, zwei zurück. Nur einmal die Wand mit systematischen Blick überfliegen reicht lange nicht aus, um alles zu sehen, was dort hängt. Sind inzwischen neue Dinge hinzugekommen? Auf den zweiten Blick werde ich unsicher. Wie konnte ich so viele Dinge vorher übersehen? Die Sinne werden bis zum Äußersten gereizt. Meine Augen suchen zwischen grellen Farben und wilden Mustern vergebens einen Ruhepunkt. Der Geruch nach frischem Plastik und Verpackungsmaterial steigt mir zu Kopf. Dazu der Lärmen und das Drängeln der Kunden… Ich bin dem 1 Euro-Rausch verfallen.

Gebacken in der neuen Schüssel. Foto: Sigrun Wetzel
Gebacken in der neuen Schüssel. Foto: David Sankaulen

Überall sehe ich plötzlich Dinge, von deren Existenz ich bislang nichts ahnte und doch weiß ich augenblicklich, dass ich sie schon immer sehnlichst vermisst habe. Alle Geburtstagsfeiern meines Lebens – totlangweilig ohne diese Konfettipistole. Kein Weihnachtsgeschenk wirklich persönlich ohne diese Geschenkanhänger mit Design-Weihnachtsmotiven. Düster und trist meine Abende auf dem Balkon ohne diese Solar-Balkonleuchte in Form einer Sonnenblume. Oh, ich brauche einfach alles, was ich hier entdecke. Was? Nur 1,99 Euro? Dann gleich zwei davon. Noch mehr… Nur noch… Und das auch!

Ich höre meinen Namen und das reißt mich kurz aus meinem Wahn. „Was machst du da?“ Ich seufze und lege all meine Schätze wieder zurück. Wir haben schließlich eine Mission. Schüsseln, Töpfe und Schalen finden wir über die gesamte Ladenfläche verteilt. Wir vergleichen, diskutieren, wägen ab und finden schließlich die perfekte Plastikschüssel in knallpink. Sie ist sogar so billig, dass wir noch einen Schneebesen drauflegen können, das gibt das Budget her. Der Kuchen ist gesichert.

Schätze aus dem 1-Euro-Shop. So wird Ostern noch schöner. Foto: Sigrun Wetzel
Schätze aus dem 1-Euro-Shop. So wird Ostern noch schöner. Foto: Sigrun Wetzel

Noch will ich aber nicht gehen. Mich zieht es in die Bastelecke des Ladens. Denn hier schlummern sagenhafte Vorräte an buntem Papier, bedrucktem Bastelkarton und Aufklebern. Natürlich will ich wieder alles auf einmal haben, schaffe es aber, mich gemäßigt für nur eine Sache zu entscheiden. Schwer genug. Stolz auf unsere Leistung gehen wir zur Kasse. Einen letzten Konsum-Kick gibt es noch in der Quengelzone und beim Blick in die Einkaufskörbe der anderen Kunden. Warum beschränken wir uns, wo wir doch hier die ganze Welt für nur 1 Euro versprochen bekommen? Mehr, mehr, noch ist es nicht zu spät, wir können noch zurück, wollen wir nicht noch kurz…

Foto: David Sandkaulen

Dann ist bezahlt. Wir treten aus dem 1 Euro-Shop hinaus und bleiben kurz stehen. Die Welt draußen ist farblos, stumm und reizarm. Wir kommen langsam runter vom Stimuli Overkill. Hilfe, war das eben anstrengend. Hilfe, war das eben fantastisch. Maßlosigkeit des Konsums; Sinnlosigkeit des Produkts. Und zwischen all der Unvernunft unsere billige pinke Schüssel, ohne die es heute keinen Kuchen mehr gäbe. Nicht zu vergessen meine bunten Bastelpapierbögen für eigene Osterkarten. Zu Hause bei einem Stück Kuchen lehne ich mich zufrieden zurück und betrachte wohlwollend unsere Ausbeute. Erst mal habe ich genug, aber ich finde sicher bald den nächsten Anlass für einen Besuch im 1 Euro-Shop.

Text: Sigrun Wetzel, Fotos: Sigrun Wetzel, David Sandkaulen

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