Eine eigene Finca im Wedding

Gartenzwerg in der Kolonie Sandkrug. Foto: Andreas Oertel
Gartenzwerg in der Kolonie Sandkrug. Foto: Andreas Oertel

Es ist Samstagvormittag. Ich öffne die Tür, laufe an den Brombeersträuchern vorbei und setzte mich mit einem Kaffee auf die Terrasse. Nun würde man vermuten, die Szenerie spielt sich in einer Einfamilienhaus-Siedlung in Heiligensee oder im Villenviertel Grunewalds statt. Aber nein – ich befinde mich zwischen der Bornholmer Brücke und dem Gesundbrunnencenter – mitten im Wedding. Willkommen in der Kolonie Sandkrug!

Spießig – na und!

In der Kolonie Sandkrug, eingetragener Verein seit 1925, ist die Welt noch in Ordnung. Die Wege sind sauber und die Hecken sind entsprechend der Gartenordnung gestutzt. Einmal im Jahr findet eine Begehung statt und wenn der Kirschbaum mal zu weit über den Zaun ragt, kann schon mal eine schriftliche Ermahnung im Briefkasten liegen. Es gibt feste Müllzeiten und Mittagsruhe ist von 13 bis 15 Uhr. Was sich jetzt unheimlich spießig anhört, ist eine Notwendigkeit, um das Leben von ca. 350 Parzellenbesitzern unter einen Hut zu kriegen. Und ganz ehrlich: So regelhörig sind die Laubenpieper auch nicht. Da drückt der Nachbar schon mal ein Auge zu, wenn es bei der Geburtstagsfeier etwas lauter wird.

Suche Rentnerin, die meinen Hund ausführt

Über kleine Wege kommt man zu den Parzellen. Hier und da wehen Fahnen. Foto: Andreas Oertel
Über kleine Wege kommt man zu den Parzellen. Hier und da wehen Fahnen. Foto: Andreas Oertel

Nachbarschaftshilfe wird in der Gemeinschaft großgeschrieben. Bevor ich wegen einer fehlenden Schraube extra in den Baumarkt fahren muss, gewährt mir mein Nachbar einen Blick in seine Krabbelkiste. In der einen Woche gibt es Erdbeeren von Familie Tetzlaff und als das Bier beim Barbecue ausging, sprang Herr Kaminski in die Bresche. Frische Eier gibt es vom kauzigen Rentner in der Karlstraße. Dafür sage ich auch nichts, wenn der Hahn mal um vier Uhr kräht. Die Anteilnahme geht weit über eine florierende Warenwirtschaft hinaus. Als mein Vater starb, machten die Nachbarn die Hälfte der Trauergesellschaft aus. Jedes Jahr Silvester hängt ein kleines Fläschchen Piccolo an meiner Gartentür und der Busfahrer von gegenüber fegt im Winter auch schon mal den Schnee vor meinem Garten weg. Mitunter bilden sich auch Zweckgemeinschaften. So hält sich eine Rentnerin fit, indem sie meine Labrador-Hündin Gassi führt, wenn ich auf Arbeit bin. Da soll nochmal jemand sagen, es sei anonym in der Stadt zu leben!

Über sibirische Kleinfichten und Heckenabstände

Eingang zu den Parzellen des Kleingartenvereins Sandkrug. Foto: Hensel
Eingang zu den Parzellen des Kleingartenvereins Sandkrug. Foto: Hensel

Klar ist nicht alles Friede, Freude, Sonnenschein. Als Teil der Schlichtungskommission rücke ich regelmäßig aus, um hitzige Gemüter zu beruhigen. Stein des Anstoßes diesmal: eine sibirische Kleinfichte, die mit fünf Metern nicht mehr so klein ist und über die Grundstücksgrenze herausragt. Das letzte Mal war es der neue Sichtschutz, der nicht den nötigen Abstand zum Zaun hatte. Die meisten Streitigkeiten lassen sich mit der Gartenordnung und dem Bundeskleingartengesetz schlichten. Was sich nicht ausräumen lässt ist der Nasenfaktor. Wenn mir die Nasenspitze des Nachbarn nicht gefällt, dann können sich jahrelange Feindschaften entwickeln – so wie auch in jedem Mietshaus.

Deutsche Flaggen überall

Die Kolonie Sandkrug, Lageplan. Foto: Hensel
Die Kolonie Sandkrug, Lageplan. Foto: Hensel

Auch wenn der Schrebergarten eine urdeutsche Erfindung ist – Namensgeber ist der Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber – so erfreuen sich auch andere Nationalitäten an der eigenen Scholle. Polen, Franzosen und Türken leben in der Kolonie Sandkrug genauso wie Libanesen, Chinesen oder Dänen. Grundvoraussetzung ist ein deutscher Pass, damit der Vorstand in Konfliktsituationen nicht mit unterschiedlichen Gerichtsständen kämpfen muss. Auch homosexuelle Pärchen haben sich in der eher gediegenen Atmosphäre niedergelassen und leben im Einklang mit jungen Familien, Taubenzüchtern und Katzenliebhabern. Einmal im Jahr kommen dann alle zum Sommerfest zusammen und zelebrieren Toleranz und Völkerverständigung. Eine Unart, die sich seit der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Lande eingeschlichen hat, sind die deutschen Flaggen. Gefühlt hisst jeder fünfte Laubenpieper die Farben Schwarz, Rot, Gold. Zum Glück gibt es Hasan, der mit seinem Mondstern für etwas Abwechslung sorgt. Auch wenn es den einen oder anderen rechtsgerichteten Nachbarn gibt kann ich aber nicht bestätigen, dass es überdurchschnittlich viele Rechtsgesinnte gibt.

Kann man da denn das ganze Jahr leben? 

Füße hoch. Foto: Andreas Oertel
Füße hoch! Foto: Andreas Oertel

Wenn ich Leuten erzähle, ich lebe in einer Kolonie im Wedding das ganze Jahr, so lautet die meist gestellte Frage: „Kann man denn das?“ – Ja, das kann man. Die Kolonie Sandkrug verfügt über einen Sonderstatus als Verein kleiner Grundeigentümer. Gut die Hälfte der Laubenkolonisten macht von dem ganzjährigen Wohnrecht Gebrauch. Um der zweithäufigsten Frage zuvorzukommen: „Ja, es gibt auch fließendes Wasser, einen Anschluss an die Kanalisation und WLAN.“ Wer Lust auf das Vereinsleben bekommen hat, dem sei ein Gang in die Sonderburger Straße 10 zum Vereinshaus ans Herz gelegt. Am Schwarzen Brett stehen hier in unregelmäßigen Abständen Grundstücke zum Verkauf. Wer nicht gleich kaufen will, kann auch eine Finca pachten. Egal ob Pacht oder Eigentum – wer dem Unkraut jäten etwas Meditatives abgewinnen kann, wird sich hier wohlfühlen.

Text: Andreas Oertel, Fotos: Andreas Oertel, Dominique Hensel


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