Unverblümt Kulturexpedition #17

Das Plakat für die unverblümt-Kulturexpedition#17. Grafik: georg+georg
Das Plakat für die unverblümt-Kulturexpedition#17. Grafik: georg+georg

Die Sommerpause ist zu Ende und am Freitag, den 25. August um 17.30 Uhr startet die nächste unverblümt Kulturexpedition durch den Wedding!

Tropez. Foto: Christian Werner
In diesem Kiosk ist der Projektraum Tropez. Foto: Christian Werner

Los geht’s im Sommerbad Humboldthain. Seit Anfang Juli befindet sich im Schwimmbad-Kiosk der temporäre Projektraum „Tropez“. Mit dem Kunstraum hat sich die Initiatorin und Organisatorin Nele Heinevetter, Kunsthistorikerin und Mitbegründerin der multidisziplinären Kulturagentur niche, einen langgehegten Wunsch erfüllt. Seit vielen Jahren schon kommt sie jeden Sommer zum Schwimmen in das „schönste Freibad Berlins“. Als sie hörte, dass ein neuer Betreiber für den Kiosk gesucht wurde, griff sie zu.

Mit der Kunst zieht eine andere Welt in das malerisch im Park gelegene Bad ein. Wie in Saint-Tropez, Herz der Côte d’Azur und Abziehbild eines Südeuropa-Küstentraums, Ort der Träume, Fantasien, Sehnsüchte, prallen hier zwei Welten aufeinander. Der (oftmals) schöne Schein der Kunstwelt trifft auf den Weddinger (Schwimmbad)Alltag, die ungeschminkte Wirklichkeit. Künstler, Performer, Musiker, Autoren und Kuratoren mischen sich unter die Badegäste und versuchen sie für Kunst zu begeistern. Im Kiosk, der laut Harper’s Bazar aussieht „als hätte Wes Anderson sich ein Café im Wedding ausgedacht“, gibt es natürlich auch Pommes, Capri-Eis und Fanta. Denn auch hier gilt: Freibadbesuch ohne Pommes? Undenkbar!

Shacke One. Foto': Denis Grabe Photography
Der Rapper Shacke One. Foto: Denis Grabe Photography

Mit Kindheitserinnerungen in Kopf und Bauch geht es weiter zur zweiten Station, den Liesenbrücken. Die beiden unter Denkmalschutz stehenden und seit Jahrzehnten stillgelegten Eisenbahnbrücken aus dem späten 19. Jahrhundert überspannen den Kreisverkehr zwischen Liesen-, Garten- und Scheringstraße, parallel zur S-Bahn zwischen Nordbahnhof und Humboldthain. Sie erinnern an längst vergessene Zeiten, an ein Berlin vor Krieg und Mauerbau. Der Weddinger Rapper Shacke One wird hier aufreten.

„Versteckt die Töchter“ sang er 2014 zusammen mit seinem Kumpel MC Bomber. Und das gilt auch heute noch. Sein kompromissloser „BerlinBoomBapBattleRap“ erinnert an die goldenen Zeiten des West-Berliner Underground. Es existiert noch, das andere Berlin. Das „schnoddrige, verschlagene, anarchische, Regeln und Institutionen misstrauende Paradies für männliche wie weiblich Atzen.“ Und kaum jemand verkörpert es besser als Shacke One. Der „Boss der Panke“ singt über das Leben „zwischen Zugdepot und Kneipe“, aber vor allem über seine Hood: „Nordberlin! Betret’ den Kosmos und begreife, […] Es gibt viele schöne Orte, doch ich fühl’ mich nur im Wedding wohl“.

Choreografier dich Pfad. Foto: Annette van Zwoll
Choreografier dich Pfad. Foto: Annette van Zwoll

Shackes humorvoll-rotzige Texte noch im Ohr und den geschichtsträchtigen Ort inklusive Mauerresten im Blick, steht der nächste Programmpunkt an: eine interaktive Performance. Der Weg von den Liesenbrücken über den „Friedhof der Zirkusdirektoren“ zur letzten unverblümt-Station am Nettelbeckplatz wird zum Schauplatz einer Partitur, die die Besucher der Kulturexpedition dazu auffordert, eine Choreographie zu kreieren, in der sie gleichzeitig auch Tänzer sind. Die Künstlerin Sonja Augart entwirft eine begehbare choreographische Installation und gibt mit dem „Choreographier dich Pfad“ eine Anleitung jedermann und -frau. Die Teilnehmer sollen sich die Stadt auf ihre Art und Weise aneignen und die sonst eher zweckgebundenen und funktionalen Orte in ein Kunstwerk transformieren und sie so nachhaltig zu verändern.

Manche Dinge sollen sich aber auch gar nicht verändern, sondern als Konstante erhalten bleiben. So zum Beispiel die altehrwürdige Berliner Eckkneipe, inklusive Hotte und Wolle, die schon lange nicht mehr zeitgemäß ist und zunehmend aus dem Stadtbild verschwindet. Auch Neue Musik gehört nicht gerade zur Populärkultur. Theodor W. Adorno beschrieb die Musik von Arnold Schönberg als Flaschenpost, die ungehört und ohne Echo verhallt. Neue Musik gilt als etwas für Intellektuelle, Nichteingeweihten scheint der Zugang versperrt zu sein. Die im Wedding lebenden Komponisten Susanne Kabalan, Lucien Danzeisen, Malte Giesen und Milos Tadic wollen nun beides zusammenbringen und die Hand zum Dialog gegen das Spurenverschwinden ausstrecken. In einem kompakten 45-minütigen und teils interaktiven Programm werden sie in vier noch „lebenden“ Eckkneipen auftreten, um so den Provokationsgrad zu verringern und in Diskurs mit den Stammgästen zu treten. Letzte Station: Magendoktor.

Flaschenpost. Foto: Geopoeten
Hier kann man eine Flaschenpost füllen. Foto: Geopoeten

Die gesamte Tour begleiten werden die beiden Weddinger Künstler Lilla von Puttkamer und Albrecht Fersch aka „die Geopoeten“ mit ihrem Flaschenpost-Projekt „Gib weiter. Die Flaschenpost, in vergangenen Zeiten oft ein Hilferuf von Schiffbrüchigen, wird ihres Elementes beraubt und an Land gebracht. 1000 leere Flaschen wurden von Lilla und Albrecht mit einer Gebrauchsanweisung und einer Nachricht gefüllt, mit einem Korken verschlossen und etikettiert. Diese „Gib-Weiter-Flaschen“ werden von den Künstlern zum Beispiel in Cafés oder auf Märkten an Passanten verteilt, Freunden oder Bekannten überreicht, in ausgewählte Haushalte in Wedding oder Moabit gebracht.

Der Empfänger der Flaschenpost kann die Nachricht entnehmen, selbst wieder eine Nachricht reingeben und diese Flasche jemand anderem übergeben. Die Flaschenpost ist so etwas wie ein Staffelstab. Allerdings hat es nichts mit Sport zu tun, eher mit Kindheit und Überraschung. Gleichzeitig hat es auch etwas Archaisches: Die Kontrolle wird abgegeben und man vertraut darauf, dass etwas spontan in die Welt Geschicktes auch ankommen kann. So kann die Flaschenpost, immer mit neuen Nachrichten gefüllt, um die ganze Welt reisen. Die Menschen sind das Meer und ausgehend vom Wedding gehen die Flaschen weltweit auf Wanderschaft. Der Fluss der Benachrichtigungen kann und soll sich so unbegrenzt ausbreiten. Und alle unverblümten Besucher können und sollen dazu beitragen!

Zeitplan: 

17.30 Uhr Ausstellung „Pool“  und Begleitprogramm, Projektraum „Tropez“ Sommerbad Humboldthain (Wiesenstraße 1, 13357 Berlin)
(Achtung: Zugang zur Ausstellung nur über Freibad möglich, Eintritt ab 17.30 Uhr 3,50 Euro)

18.45 Uhr Shacke One, Liesenbrücken (Liesen-/Gartenstraße)

19.45 Uhr Choreografier dich Pfad, Liesenbrücken bis Panke

21.00 Uhr Neue Musik in Eckkneipen, Magendoktor (Nettelbeckplatz, Reinickendorfer Straße 111)

17.30 Uhr bis 21.00 Uhr Gib weiter (Flaschenpost) / Geopoeten

Weitere Infos auf der unverblümt-Facebook-Seite.

Text: georg+georg


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