Das Wedding-Fotobuch: neu, wichtig, interessant

Wedding Fotobuch
Berlin – Wedding. Das Fotobuch. Herausgegeben von Axel Völcker und Julia Boeck. Grafik: Kerber Verlag

Und plötzlich die Meldung: Die Herausgeber der Magazinreihe „Der Wedding“ haben nunmehr ein Buch gestaltet. Axel Völcker und Julia Boeck haben dieses Mal ein Fotobuch zusammengestellt. Die Fotos stammen von Fotografen Agentur Ostkreuz aus Weißensee. An dieser Stelle werden die 236 Buchseiten besprochen. Die Buchkritik folgt allerdings nicht den Fragen eines Kunstkritikers, sondern den drei typischen Fragen eines Nachrichtenmachers.

Rentner tanzen
Aus der Serie Last Days of Disco. Foto: Annette Hausschild

Der Kunstverständige formt wunderbare Sätze, ob er nun eine Apfelsine beschreibt oder die Mona Lisa. Für den Nachrichtenmacher dagegen zählen – nur kurz zur Erinnerung – vor allem drei Fragen: 1. Bringt die Meldung etwas, das neu ist? 2. Das wichtig ist? 3. Das interessant ist? Im Fall des im Juli im Kerber Verlag erschienenen Buches „Berlin – Wedding“ lautet die Antwort auf diese drei Fragen: ja.

Neu

Black Wedding
Ein Foto der Serie Black Wedding im Fotobuch. Foto: Espen Eichhöfer

Aktuell ist an dem Buch allein schon der formale Fakt, dass es vor wenigen Wochen am 30. Juni in der Galerie Wedding in der Müllerstraße erstmals vorgestellt wurde. Aktuell in einem übertragenen Sinne ist: Die afrikanische Community lebt nicht nur im afrikanischen Viertel. Da lässt man sich gern verführen wegen der Namensgleichheit: Rund um die afrikanische Straße leben tatsächlich viele Menschen aus Afrika. Fotograf Espen Eichhörer zeigt, dass dies zu kurz gedacht ist. Tatsächlich leben auch im Soldiner Kiez Leute, die als Herkunft Kamerun angeben. Und der oft verwendete euphemistische Begriff Community trifft hier tatsächlich zu. Der Fotograf zeigt sonntägliche Treffen der Gemeinde „in der Evangelischen Freikirchlichen Gemeinde, einem Flachbau zwischen Kleingärten und und Garagen.“ (Ist hier die „Jesus Miracle Harvest Church“ in der Koloniestraße 29 gemeint?)

Wichtig

Bezirksbürgermeister von Dassel
Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel in seinem Büro. Foto: Andrei Schnell

Relevant ist das Fotobuch, weil es den Bürgermeister zeigt. Wobei die Relevanz nicht daraus folgt, dass mit Stephan von Dassel ein Prominenter im Fotobuch abgelichtet ist. Relevant sind diese Fotos von Maurice Weiss in der Mitte des Buches, weil in ruhigen schwarz-weißen Bildern der Politiker wieder in einen Menschen zurückverwandelt wird. Dass Politiker auch nur Menschen sind, ist zwar ein Binsenweisheit. In Zeiten wie diesen aber eine wichtige. Und angesichts dieser Aussage ist es dann gar nicht mehr relevant, dass Stephan von Dassel gar kein Weddinger ist.

Erheblich sind auch die Fotos von Julius Matuschik. Er besuchte Weddinger Moscheen und deren Imame. Verblüffend, wie viel im Alltag doch über Moscheen geredet wird, obwohl nur die Wenigsten eine von innen gesehen haben.

Interessant

Familie Dumkow
Wolfgang und Anna Dumkow von der Wiesenburg. Foto: Ina Schönenburg

Interessant bedeutet im Alltagsdeutsch des Lesers: Was geht mich das alles an? Es ist eben interessant zu hören, dass irgendwo in der Ferne ein Weddinger am Mount Everest abgestürzt ist. Uninteressant ist: Dass am höchsten Berg der Welt in den letzten Jahrzehnten mittlerweile über 200 Bergsteiger gestorben sind.

Uninteressant sind Klischees. Wenn Fotos vom Boxstudio abgedruckt sind, da blättert es sich wie von allein weiter, da bleibt man nicht hängen. Der Weddingweiser hat bereits andernorts gegen das Klischee vom Wedding als Boxring angeschrieben. Auch Jobcenter und Ku´damm des Nordens oder Panke, das sind Kapitel, an denen man nicht hängen bleibt.

Doch die interessanten Kapitel überwiegen im Fotobuch. Berührend sind die Fotos von Dorothee Deiss. Deiss fotografiert in einer Weddinger Arztpraxis, in einem mobilen Ministudio Mütter mit ihren Kindern. Unter den Fotos sind die Wünsche von Mutter und Kind notiert. Ina Schoenenburg besucht Weddinger Wohnzimmer. So blickt man ihr über ihre Schulter und schaut zum Beispiel in das Wohnzimmer von Wolfgang und Anna Dumkow. Die beiden verwalteten jahrelang die Wiesenburg. Und Linn Schröder hat einen Nachbarsjungen auf mehreren Fotos festgehalten. Ihr sind Porträts gelungen, die man sich dann immer wieder ansehen mag.

Hintergrundwissen

Axel Völcker
Axel Völcker hat das Fotobuch „Der Wedding“ mti Julia Boeck herausgegeben. Foto: Andrei Schnell

Also alle drei Fragen (neu? wichtig? interessant?) erhalten ein Ja. Das Buch ist eine Besprechung wert.

Zu sagen ist noch, dass die Herausgeber Axel Völcker und Julia Boeck seit vielen Jahren das Magazin „Der Wedding“ herausgeben haben. In den Heften ging es um Alltagskultur, Texte und überraschende Einsichten. Im Fotobuch „Der Wedding“ finden sich zwei kurze Texte, die aber nicht viel Neues aussagen.

Offizieller Verkaufsstart war der 15. Juli. Vorab konnte das Buch bereits zum Beispiel in der Buchhandlung Belle et Triste in der Amsterdamer Straße 27 und im Antiquariat Mackensen in der Malplaquetstraße 13 gekauft werden. Dort und überall gibt es das Buch auch natürlich jetzt noch. Es kostet 40 Euro.

Weitere Infos:

Webseite des Magazin Der Wedding

Offizielle Beschreibung des Fotobuches „Der Wedding“ auf der Webseite des Kerber Verlags

Text und Fotos (außer Covergrafik): Andrei Schnell

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