Klaut nicht die Bücher aus den Bücherboxen!

Eine der Bücherboxen - in der Osloer Straße. Foto: Sulamith Sallmann
Bücherbox in der Osloer Straße. Foto: Sulamith Sallmann

Das Prinzip ist einfach: stell ein Buch rein, nimm ein Buch raus. So funktionieren Bücherboxen. Ist es nicht ein Wunder, dass das einfach so klappt? Schließlich steht niemand in der Box, der diese ungeschriebenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) überwacht. Wie sind sie eigentlich organisiert, die Weddinger Bücherboxen – und wer verjagt die Bücherdiebe? Eine Bestandsaufnahme.

Standort: Osloer Straße, Fabrik Osloer Straße

Neulich waren die Regale in der umgebauten Telefonzelle in der Osloer Straße 12 leer. Die Bücher wurden geklaut. Anna Asfandiar von der Freiwilligenagentur Osloer Straße ist ratlos: „Besonders im Winter verschwinden die Bücher oft komplett aus den Regalen“. Ob da ein Händler alle Bücher einsackt oder ob jemand gar mit den Büchern heizt? Anna Asfandiar weiß es nicht. Die Freiwilligenagentur, die die Box 2012 vor dem Labyrinth Kindermuseum in der Fabrik Osloer Straße aufgestellt hat, kann wenig tun. Die Bücher sind ja zum Mitnehmen da. „Das ist aber eigentlich nicht der Sinn des Projekts, dass einer alle Bücher mitnimmt“, sagt Anna Asfandiar.

Die Kümmerer in der Osloer Straße

Cornelia betreut die Bücherbox ehrenamtlich. Foto: Freiwilligenagentur
Cornelia betreut die Bücherbox ehrenamtlich. Foto: Freiwilligenagentur

Die Hausmeister der Fabrik Osloer Straße schauen immer wieder nach der Bücherboxx, sprechen Nutzer an, weisen auf die AGB hin. Eine Ehrenamtliche kommt zusätzlich ein Mal pro Woche und kümmert sich um das Buchtauschprojekt. „Wir registrieren die Bücher bei Bookcrossing und machen sie damit als Tauschobjekt sichtbar. Damit sind sie eigentlich unverkäuflich“, sagt Anna Asfandiar. Trotzdem gibt es immer wieder Phasen, in denen die komplette Bücherboxx ausgeräumt wird. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Offenbar mögen und nutzen viele die Bücherboxx, es gibt unsichtbare Helfer. Neulich hat Anna Asfandiar von einer dieser Helferinnen auf dem Weddingweiser erfahren. Im Artikel über die Bücherboxx Osloer Straße war zu lesen: „So fühle ich mich auch mit verantwortlich für den Erhalt dieser gelben Zauberbox, lüfte, wenn es drinnen stinkt, sortiere die Bücher: langweilige Groschenromane nach oben, Bilderbücher für die Kleinen nach unten, Zeitschriften auf einen Stapel.“

Standort: Müllerstraße, Centre Francais

Eine der Bücherboxen im Wedding - in der Müllerstraße. Foto: Hensel
Die Bücherbox in der Müllerstraße mit Solardach. Foto: Hensel

Die Bücherbox in der Müllerstraße hat es da besser. „Eigentlich ist Bücherklau bei uns nicht das Problem“, sagt Florian Fangmann vom Centre Francais de Berlin. Vor zwei Jahren sei die umgebaute Telefonzelle, die vor fünf Jahren mit einem Austauschprojekt aus Paris in die Müllerstraße kam, einmal komplett ausgeräumt worden. „Seitdem gibt es keine Probleme, auch keinen Vandalismus“, freut sich Florian Fangmann. Auch am Solardach gab es bisher zum Glück keine Schäden. „Wir sind selbst überrascht“, lautet das positive Fazit des Projekts.

Die Kümmerer in der Müllerstraße

Wer steckt hinter der Box am Centre Francais? „Es gab am Anfang eine kleine Kümmerergruppe. Jetzt läuft das alleine. Wir machen da höchstens mal sauber“, sagt Florian Fangmann. Die selbstorganisierte und sich selbst regulierende Bücherbox, die gibt es also. Sie steht im Wedding, in der Müllerstraße! Florian Fangmann glaubt, dass der Grund dafür auch eine Art soziale Kontrolle durch die Nutzer ist. Die Box werde extrem stark genutzt. Ein Dieb müsste stets damit rechnen, gestört und ertappt zu werden. Zudem befinde sie sich an einer viel befahrenen Hauptstraße.

Standort: Hussitenstraße, nahe Usedomer Straße

Bücherbox in der Hussitenstraße. Foto: Schnell
Bücherbox in der Hussitenstraße. Foto: Schnell

Die Bücherbox in der Hussitenstraße steht in einem Durchgang zur Ackerstraße, direkt neben einem Hochhaus. Das Quartiersmanagement Ackerstraße unterstützte das Projekt anfangs ebenso wie die Wohnungsbaugesellschaft Degewo, auf deren Grundstück sie auch steht. Wer die Box, die Anfang 2015 aufgestellt wurde, öfter besucht, findet sie immer wieder in sehr verschiedenem Zustand vor. Mal ist sie gut gefüllt, mal komplett ausgeräumt, mal voller Müll, mal sauber. Gelegentlich kommen Fahrradfahrer mit großen Taschen und nehmen alle Bücher mit. Einmal wurden sogar die Regale geklaut. Ende 2015 wurde die alte Telefonzelle in der Hussitenstraße beschädigt, eine Scheibe ging zu Bruch. Am Ende bezahlte die Degewo eine neue Scheibe. Im Kiez wird seit einiger Zeit über den Standort diskutiert. Würde die Box nicht am Olof-Palme-Zentrum, am Edeka in der Ackerstraße oder am Familienzentrum Wattstraße besser stehen?

Die Kümmerer in der Hussitenstraße

Die Bücherbox in der Hussitenstraße wird genutzt! Foto: Schnell
Die Bücherbox wird genutzt! Foto: Schnell

Auch bei dieser Bücherbox gibt es eine kleine Gruppe, die sich verantwortlich fühlt. Sie betreibt sogar eine Facebook-Seite für die Box, auf der sie sporadisch postet. Dort wurde nach dem Diebstahl des Regals auch eine Botschaft an die Diebin veröffentlicht: „Liebe Diebin! Ein Junge hat dich dabei gesehen, wie du das Regal entwendet hast. Schade, dass du als erwachsene Frau öffentliches Eigentum so schamlos zerstörst. Das Geld kommt aus dem Programm ‚Soziale Stadt‘ und hat den Zweck, Projekte für die Gemeinschaft zu fördern. Dank dir hat man keine Lust mehr, im öffentlichen Raum für etwas mehr Schönheit und Belebung zu sorgen. Eine Anzeige wurde heute bei der Polizei erstattet. Ich gehe stark davon aus, dass du dir das Regal auch hättest im Baumarkt kaufen können. Dort kostet es nämlich nur 20 Euro. Inklusive des weiteren Befestigungsmaterials für die Montage in der Telefonzelle fehlen dem Projekt jetzt 40 Euro. Möge das Regal bei dir zu Hause zusammenbrechen! Deine Bücherbox“. Wer diese Bücherbox mal anschauen möchte: das Quartiersmanagement hat einen kleinen Film über die Bücherbox gemacht.

Standort: Koloniestraße, Café La Tortuga

Der Bücherbaum in der Koloniestraße. Foto: Hensel
Der Bücherbaum in der Koloniestraße. Foto: Hensel

Neben dem Café La Tortuga steht seit 2010 ein Bücherbaum. Er steht nicht nur beim Café, auch die Bewohner des Seniorendomizils an der Panke im selben Haus gehen quasi täglich am Bücherbaum vorbei. Das sind gute Voraussetzungen für ein solches Projekt. Nicht so viele Bücher haben hier Platz, dafür ist der Baum optisch sehr ansprechend. Aber auch hier gibt es manchmal Probleme. Vor kurzem klebte ein Zettel an der Box. Darin wurde ein Bücherdieb direkt angesprochen. Denn der Dieb wurde erkannt, er stammte aus dem Kiez. Später, so war im Café zu hören, wurde die betreffende Person noch persönlich angesprochen. Nun kommt sie nicht mehr und es kann wieder getauscht werden in der Koloniestraße.

Die Kümmerer in der Koloniestraße

Das Team des La Tortuga hat den Bücherbaum immer im Blick. Foto: Hensel
Das Team des La Tortuga hat den Bücherbaum immer im Blick. Foto: Hensel

Der Bücherbaum wurde vom Seniorendomizil eingerichtet. Chefin Clarissa Meier hatte die Idee dazu. Heute kümmern sich besonders die Mitarbeiterinnen des Cafés La Tortuga um den Baum. Das liegt einfach auf der Hand, steht der Baum doch genau neben dem Fenster am Tresen. Meist reicht es, wenn eine Mitarbeiterin einfach gegen die Scheibe klopft, wenn jemand offenbar alle Bücher mitnehmen will.

Text: Dominique Hensel


3 Kommentare
  1. Liebe Bücherboxxer,
    in den letzten Monaten habe ich viele Bücher aussortiert und in die Bücherbox an der Pankower Allee getragen. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn meine Bücher ein neues Zuhause gefunden haben und dort hoffentlich jemandem Freude machen. Ohne Gegenleistung.
    Gestern trug ich eine Tasche zur Box am Kindermuseum und entdeckte erst danach den schäbigen Zettel, auf dem stand, man dürfe nur tauschen. Gerade in einem Bezirk wie Gesundbrunnen mit vielen armen Rentnern und bildungsfernen Jugendlichen kann man doch nur froh sein, wenn ausrangierte Bücher einen neuen Besitzer beglücken. Brandmarkt Menschen, die gerade nichts tauschen können, nicht als Diebe! Und die Flachzangen, die die Bücher komplett ausräumen, schreckt ihr mit diesem spießigen kleinen Zettel nicht ab. Seid großherzig, schenkt Bücher und verrammelt euer Kharma nicht mit kleingeistiger AGB-Reiterei. In diesem Sinne: Alles Gute!

    Jan

  2. Die Bookcrosser treffen sich monatlich am 10. Das sind Leute, die praktisch alle Bücherboxen und sonstige Büchertauschorte in Berlin kennen und zuweilen pflegen. Dieses monatliche Treffen findet am 10. Juni ab 10 Uhr in der Bibliothek am Luisenbad statt. Das ist auch eine Gelegenheit zu Erfahrungsaustausch, wie Bücherboxen an ganz anderen Orten in Berlin so laufen. Für den Termin am 10.6. läuft bisher keine große Werbung, weil er ja etwas längerfristiger ist, aber er ist so gedacht, dass sich insbesondere Weddinger über Bücherboxen informieren können. Es wird ein Mitbring-Brunch.

  3. Hatte ich tatsächlich bei der Bücherboxx am centre Francais. Wegen meines Umzugs habe ich vor 2 Jahren Teile meines Bücherschranks in die Bücherboxx verräumt, in 3 Gängen. Bei jedem Gang (1 Stunde dazwischen) waren die neuen Bücher komplett weg. Dass sich jemand die gesammelten Harry-Potter-Bände nimmt, hätte ich ja noch verstanden. Aber da muss wohl jemand mit unglaublich versatilen Interessen und großen Taschen angetreten sein… Gut, wenn sich das geändert hat.

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