Spuren von Hugenotten rund um den Wedding

Bücherbox vor dem Centre Francais in einer französischen TelefonzelleHugenotten siedelten sich in allen größeren Städten und Dörfern der Mark Brandenburg an. Sie waren die ersten Franzosen, die der Gegend ihren Stempel aufgedrückt haben. Gerade in und um den Wedding, der von 1945 – 1990 zum französischen Sektor gehört hat, sind noch einige Spuren zu finden. Der Name Hugenotten könnte einst eine Verballhornung des Begriffs „Eidgenossen“ in der französischen Sprache gewesen sein. Heute hat das Wort insbesondere in Berlin und Brandenburg einen sehr positiven Klang. Zwar waren die 20 000 Hugenotten im Vergleich zu einer Million Einwohnern in ganz Brandenburg-Preußen eine verschwindend kleine Minderheit, jedoch haben sie durch ihre Kunstfertigkeit in Handwerk und Landwirtschaft das rückständige Land innerhalb kurzer Zeit wesentlich vorangebracht.

Wie kam es dazu? Am 29.10.1685, nur elf Tage nach dem Widerruf des Edikts von Nantes durch König Ludwig XIV. von Frankreich, verkündete der Große Kurfürst (Friedrich Wilhelm I.) das Edikt von Potsdam. Garantierte das Edikt von Nantes den französischen Protestanten bis dahin in ihrem Land zumindest Glaubensfreiheit, waren diese plötzlich Franzosen zweiter Klasse und der Verfolgung ausgesetzt. In dieser Situation ordnete der brandenburgische Kurfürst seine Behörden an, den Hugenotten bei der Flucht aus Frankreich jede nur erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen. In Brandenburg angekommen, erhielten die Flüchtlinge Häuser und Höfe geschenkt und es wurde ihnen sechs Jahre Steuerfreiheit gewährt. Davon wussten die Flüchtlinge bereits in Frankreich, denn die versprochenen Privilegien kursierten als Flugblätter in französischer Sprache.

Französische Friedhöfe

An der Wollankstr. 50 liegt fast unmittelbar an der Panke der dritte Friedhof der Französisch-reformierten Gemeinde aus dem Jahr 1865. Heute lassen sich nur noch einige wenige Grabsteine mit den Namen französischer Gemeindemitglieder finden.

Historisch bedeutsamer sind der erste und der zweite Friedhof dieser Gemeinde an der Chausseestr. 127 bzw. an der Liesenstr. 7. Die wohl bekannteste Grabstelle dürfte die von Theodor Fontane sein (Friedhof Liesenstr.). Weitere berühmte Berliner und Brandenburger, die von Hugenotten abstammten, waren Daniel Chodowiecki und Friedrich de la Motte Fouqué.

Friedrich-Wilhelm-Stadt

Dieser von der Südpanke durchflossene Teil Alt-Berlins wurde erst ab dem 18. Jahrhundert als Siedlungsgebiet erschlossen. Hugenotten haben hier dadurch viele Spuren hinterlassen, dass sich zahlreiche Unternehmen hugenottischer Flüchtlinge hier angesiedelt haben. Gegenüber des heutigen Friedrichstadtpalasts, an der Claire-Waldoff-Straße, lag das Französische Viertel (Friedrichstr. 129). Der Zweite Weltkrieg hat dieses Viertel nicht überstanden. Nur noch ein Flügel des Hospitals der Französisch-Reformierten Gemeinde und ein 300 Jahre alter Maulbeerbaum sind erhalten geblieben.

Bernau

1699 zogen die ersten Hugenotten in die Bierbrauerstadt, die vom Dreißigjährigen Krieg stark gebeutelt war. Bald lebten schon 25 hugenottische Familien in Bernau, die größtenteils Handwerker waren, aber auch ein Richter und ein Pfarrer waren dabei. Die französisch-reformierte Kirchengemeinde vereinigte sich 1825 mit der pankeabwärts gelegenen Gemeinde von Französisch-Buchholz.

Eine der traditionsreichen Familien waren die de Martincourts, deren Linie erst 1992 erlosch. In der Bürgermeisterstraße und in der Brüderstraße wohnten zahlreiche Hugenotten, während sich das Gemeindehaus in der Hohesteinstr. 19 befand. Dort wurde auch zeitweise der französisch-reformierte Gottesdienst abgehalten.

Französisch-Buchholz

Die Kirche von Französisch-BuchholzErste Glaubensflüchtlinge siedelten sich ab 1687 in dem kleinen Straßendorf nordöstlich von Berlin an. Das Dorf Buchholz war um diese Zeit bereits einige hundert Jahre alt. Der Name Buchholz deutet auf den Buchenwald hin, der sich zwischen dem Dorf und der Panke erstreckte. Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gab es auch in Buchholz Brände, Plünderungen und einen starken Rückgang des Landbaus. Als Folge waren viele Höfe verlassen und lagen zahlreiche Felder brach. Bei den ersten Hugenotten handelte es sich um zehn Bauern- und sechs Gärtnerfamilien, die Pflanzen anbauten, die in Brandenburg bis dahin unbekannt waren, so zum Beispiel Blumenkohl, Spargel und Rosenkohl. In der Dorfkirche, die man bequem mit der Straßenbahn erreichen kann, wirkten 29 Prediger der französisch-reformierten Gemeinde. Die Kirche selbst stammt aus dem 13. Jahrhundert und wurde im Laufe der Jahrhunderte durch Anbauten erweitert, zuletzt 1886 um den Turm. Zeichen der Toleranz, die in Brandenburg herrschte, war auch der Gebrauch der französischen Sprache, die in der Kirche bis 1826 gepredigt wurde. Die eigene Hugenottenschule wurde erst 1857 mit der deutschen Schule vereinigt. Die Hugenotten verfügten außerdem um zahlreiche Privilegien. So wurden sie nicht zum Wehrdienst eingezogen.

Wie bedeutend die Hugenotten für die Geschichte dieses Berliner Ortsteils waren, kann man an den Straßennamen ablesen. Schon der Vorplatz der Kirche ist nach Pfarrer Hurtienne benannt, der hier ab 1910 wirkte. Fast alle Straßen im Neubaugebiet Buchholz-West tragen die Namen der bedeutendsten Hugenotten-Familien des Ortes. Das Dorf Buchholz hat außerdem von 1813 – 1913 und wieder seit 1999 den Zusatz „Französisch“ getragen.

Pankow

Das Kavalierhaus in der Breiten Straße in PankowIm Dorf Pankow lebten wesentlich weniger Hugenottenfamilien als in Französisch-Buchholz, so dass es dort auch nie eine eigene französisch-reformierte Gemeinde gegeben hat. Einer der wenigen noch sichtbaren Zeugen des hugenottischen Einflusses ist das historische Kavalierhaus in der Breiten Straße 45 aus dem Jahr 1770. Das Grundstück hatte einst einer Hugenottenfamilie gehört und wechselte einige Male den (hugenottischen) Besitzer, bis es 1866 von dem Berliner Konditor Hildebrandt erworben wurde.

Auch das Schloss Schönhausen hat einige Bezüge zu den Hugenotten. So wie es sich dem Betrachter heute präsentiert, geht das 1763/64 zerstörte Schloss auf den Wiederaufbau durch den Nachkommen von Hugenotten Johann Boumann zurück. 1807-11 war Theodor Fontanes Großvater Kastellan des Schlosses.

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