Kurzer Blick in eine Notübernachtung der Kältehilfe

Obdachlose warten vor der Notübernachtung in der Seestraße. Foto: Andrei Schnell

„Herzlich willkommen“ steht auf einem A4-Blatt hinter einer Glasscheibe. Ich wäre beinahe an der Tür vorbeigegangen. Es ist 18.55 Uhr. Ich lese: „Wir öffnen um 19 Uhr“. Nach fünf Minuten Warten ist mir kalt, ich ziehe meinen Presseausweis und klopfe an. Vorbei an den Obdachlosen, die weiter geduldig warten, werde ich ins warme Haus hineingelassen. Es ist der 4. Januar und für den Standort Seestraße in diesem Winter die erste Kältehilfe-Nacht. An diesem Abend und in diesem ehemaligen Bürogebäude begegnen sich verschiedene Menschen. Die engagierte Studentin trifft auf den Sozialorganisator. Und auch die Obdachlosen sind beinache unsichtbar anwesend. Was ist das eigentlich: Kältehilfe?

Die Obdachlosen

Zuerst übersehe ich sie. Vor einer Haustür steht eine Gruppe von Leuten. Dann erst merke ich, ja, hier ist es. Ich habe sie übersehen. Ich habe nur nach der Hausnummer Ausschau gehalten.

„Es herrscht ja schon am ersten Tag ein reger Andrang“, wundert sich Stadtrat Ephraim Gothe (SPD), im Bezirk unter anderem für Soziales und Gesundheit zuständig. Er hat Journalisten eingeladen, beim ersten Tag der Kältehilfe in der Seestraße dabei zu sein. Es ist eine zusätzliche Notübernachtung, die in diesem Winter erst spät öffnet. Unter den Obdachlosen hat sich der Termin bereits herumgesprochen. „In der Szene herrscht ein reger Austausch“, sagt Ingo Bullermann, Geschäftsführer der Neuen Chance gGmbH, die diese Notübernachtung betreibt.

Taschenkontrolle in der Notunterkunft. Foto: Andrei Schnell

Die Obdachlosen, die an diesem Abend auf Einlass warten, sind etwa 15 Männer unbestimmbaren Alters. Sie schwatzen, sie lachen. Aus irgend einem Grund irritiert mich, dass sie lachen. Vielleicht weil ich nach fünf Minuten warten bereits schlechte Laune bekommen habe? Worüber beim Warten geredet wird, kann ich nicht verstehen, die Männer sprechen eine osteuropäische Sprache. Und wenn ich zu dicht herangehe, dann riechen sie unangenehm.

Den Wartenden ist der Ablauf, den ich zum ersten Mal miterlebe, vertraut. Sie werden nacheinander eingelassen. Immer zwei von ihnen. Als erstes werden sie durchsucht. Die Hausordnung verbietet Alkohol, Drogen und spitze Gegenstände. Die Mitarbeiter tragen weiße OP-Handschuhe. Vor dem Geruch der Männer können sie sich nicht schützen. Aber sie lassen sich nichts anmerken. Sie sagen freundlich: „Wollen Sie den Rucksack mit nach oben nehmen oder hier unten abstellen?“ Die „Nutzerinnen und Nutzer“, wie die Presseeinladung des Stadtrats höflich formulierte, schreiben noch einen Namen in eine Liste. Ein Ausweis ist dafür nicht nötig. Die Obdachlosen wählen meist deutsche Vornamen. Dann erhalten sie Bettzeug und verschwinden in die oberen Etagen, wo sich die Zimmer mit den Bettgestellen befinden.

Ausweise werden nicht kontrolliert. Name wird dennoch notiert. Foto: Andrei Schnell

Während dieser Prozedur sagen sie plötzlich nur das Nötigste, geben knappe Antworten. Sind sie überrascht von den vielen Leute mit großen Fotoapparaten? Sind sie still, weil sie einzeln und nicht mehr in einer Gruppe sind?

Im Erdgeschoss gibt es einen Raum, der von innen verschließbar ist. Er ist für bis zu sechs Frauen vorgesehen. „Diese sechs Plätze für Frauen sind meist nicht voll belegt“, sagt Ingo Bullermann. Obdachlos seien vor allem Männer. Wegen der Gewalt auf der Straße, wie mehrere Mitarbeiter sagen. Damit stehen in der Seestraße sechs Betten für Frauen gleich 53 Betten für Männer gegenüber. Sie können kostenlos genutzt werden. Morgens um 8 Uhr müssen alle wieder auf der Straße sein. Bis dahin haben sie es warm. Die letzten Obdachlosen sind noch nicht eingelassen, da kommen die ersten bereits wieder die Treppe herunter, um sich in den weiß getünchten Aufenthaltsraum zu setzen. Dort warten sie auf Tee und Suppe. Ebenfalls kostenlos. Manche der Obdachlosen sagen Bescheid, dass sie abends wiederkehren werden.

Die Helferinnen

Ausgabe von Bettwäsche für eine warme Nacht. Foto: Andrei Schnell

Beim Empfang, in der Küche, in der Wäschekammer sind dagegen die Frauen in der Überzahl. Studentinnen sind es zumeist, die den Laden schmeißen, wie man so sagt. Einlasszeit ist Stoßzeit. Es gibt zwei fest angestellte Mitarbeiterinnen und zwanzig bis dreißig Studenten, die regelmäßig oder unregelmäßig helfen. Sie bekommen eine kleine Aufwandsentschädigung. Ich komme ins Gespräch und spüre, viele von ihnen helfen hier, um etwas Gutes zu tun. „Den Satz, in Deutschland muss niemand auf der Straße leben, finde ich so assi“, sagt eine Studentin aufgebracht. Sie holt einen Stoß frischer Wäsche aus der Kammer und legt ihn auf einer Bank für einen davor wartenden Obdachlosen ab. „Es kann doch jeden treffen. Auch wenn wir es hier vor allem mit gestrandenten Arbeitsmigranten aus Osteuropa zu tun haben.“

In der Küche steht eine andere junge Helferin und öffnet gerade eine 5-Liter-Dose mit Linsensuppe. Es ist auch ihr erster Tag hier und sie orientiert sich noch. „Abends nur Tee, morgens auch Kaffee“, wird ihr erklärt. Auch sie freut sich, etwas Gutes zu tun. Aus dem Aufenthaltsraum dringen gedämpfte Geräusche von Gesprächen herüber.

Es sind sehr viele Helferinnen und wenige Helfer da. In den Nächten werden vier Studenten, darunter auch immer männliche Kommilitonen, Wache halten. Auf den zwei Etagen im Haus mit den vielen, kleineren Zimmern ist der Wachdienst schwerer als in den meist üblichen Sälen mit bis zu 40 Betten, heißt es.

Die Organisatoren

Ingo Bullermann ist Geschäftsführer der Neue Chance gGmbH. Foto: Andrei Schnell

Beim Pressetermin ist auch Ingo Bullermann dabei. Er ist studierter Sozialarbeiter und hat eine Weiterbildung im Sozialmanagement gemacht. Er ist der Geschäftsführer der Neue Chance gGmbH. Er trägt Jeans und spricht ohne Umschweife. Er sagt: „Die Studenten bekommen eine Aufwandsentschädigung – Übungsleiterpauschale.“ Die Pauschale erlaubt es unter bestimmten Bedingungen, nebenberuflich bis zu 2.400 Euro steuerfrei zu verdienen. Ingo Bullermann trägt Jeans und ist ein Typ, dem man ohne weiteres glauben würde, wenn er sagen würde, er steht jeden Mittwoch selbst in der Küche, um Suppe zu erwärmen.

Aber wahrscheinlicher ist, dass sein Arbeitsstuhl vor einem Computer steht. Der Begriff Sozialmanager kommt mir passend vor. Er beschreibt, wie ein Mann wie Ingo Bullermann etwas Gutes tun will, aber darüber die Zahlen nicht verdrängen darf. Pro Nacht und Obdachlosen berechnet er dem Bezirksamt 16,95 Euro. Damit kann er in der Seestraße zwei hauptamtliche Stellen – „mit je einer Nullkommasiebenfünf  Stelle“ – finanzieren. Stadtrat Ephraim Gothe sagt dazu: „Das ist nicht viel Geld.“ 215 Plätze werden im Bezirk Mitte insgesamt bezahlt. Spendenfinanzierte Plätze kommen hinzu. Gleich drei Notübernachtungen befinden sich im Wedding, in Alt-Mitte und in Moabit gibt es nur jeweils eine. Die meisten Plätze im Bezirk befinden sich in der Notübernachtung der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße.

„Das meiste Geld, das wir bekommen, geht für die Mietkosten ab“, sagt Ingo Bullermann. Das Gebäude in der Seestraße, das vom 4. Januar bis Ende März für die Kältehilfe öffnet, gehört dem Land Berlin. Vermieter ist die GSE gGmbH, der Gesellschaft für Stadtentwicklung. Vertreter der GSE sind ebenfalls anwesend. Sie tragen Anzüge. Sie wollen in dem ehemaligen Bürohaus in der Seestraße Ateliers für Künstler errichten. Bezahlt aus dem Fördertopf „Atelierprogramm“. Weil der Bescheid für den Umbau nicht rechtzeitig vorlag, vermietet die GSE nun (zum zweiten Mal) zur Ausnahme an die Neue Chance gGmbH. 59 Menschen erhalten durch diesen Zufall warme Winternächte. Und im nächsten Jahr? Stadtrat Ephraim Gothe denkt darüber nach, Backpacker-Hostels zu gewinnen. „Die haben ihre Saison im Sommer und sind im Winter nicht ausgelastet“, überlegt er laut.

Herzlich Willkommen in der Notübernachtung Seestraße.

Auch eine Ärztin ist zum Termin gekommen. Sie sagt, wenn mal jemand hustet, dann muss an Tuberkulose gedacht werden. Wir stehen in einem sauberen, leeren Raum im zweiten Stock. Jemand sagt, es sei nicht leicht, die Obdachlosen dazu zu bewegen, weite Wege zu einem Arzt zu gehen. In dem weißen Raum sind die Obdachlosen gefühlt plötzlich weit weg. Dabei warten sie bloß im Erdgeschoss auf die Suppe.

Unsichtbar

Ich bin wieder draußen. Nur kurz bin ich in der kalten Abendluft. Das Auto parkt nicht weit und der Weg nach Hause ist schnell zurückgelegt. Ich habe es warm. Schon allein deshalb kann ich mir das Leben eines Obdachlosen in Wahrheit nicht vorstellen. Den Alltag eines Menschen, „denen das Leben viel abverlangt hat, die sich aber auch durchschlagen können“, wie Ingo Bullermann sagt. Auch bei diesem Termin, wo es doch hauptsächlich um sie ging, habe ich sie nicht kennen gelernt. Sie blieben für mich auf eine merkwürdige Weise unsichtbar.

Text und Fotos: Andrei Schnell

3 comments

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  2. Dirk

    Interessantes Foto vom GF der Betreiberfirma… Und wenn du gewollt hättest, Andrei, hättest du auch bei diesem Termin jeden Obdachlosen kennenlernen können. Sie waren da. Sie waren nicht unsichtbar….

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: