Stille Post

Keine Bange, die Soldiner Straße wird nicht umbenannt. Foto Andrei Schnell.
Keine Bange, die Soldiner Straße wird nicht umbenannt. Foto: Andrei Schnell

Das kann nicht ohne Kommentar seitens des Weddingweisers bleiben. „Paketdienst stellt im Wedding nicht mehr zu.“ Problemkiez, Gewaltkiez, No-go-Area in der Soldiner Straße beziehungsweise in der Prinzenallee. Diese Schlagzeilen wirft einem Google-News dieser Tage aus, wenn man nach Nachrichten mit dem Stichwort DHL sucht. Nicht nur die Berliner Medien überschlagen sich in Panikmache, sogar Chip titelt „DHL hat die Schnauze voll von Berlin“. Dabei sollte der Weddinger die Schnauze voll haben. Und zwar von dem irren Stille Post-Spiel, das da vor seinen Augen abgeht.

Stille Post, das ist das Spiel, bei dem einem von links jemand etwas ins Ohr nuschelt. Und obwohl man nur die Hälfte verstanden hat, reimt man sich den Rest zusammen, um die Nachricht nach rechts weiterzugeben. So funktioniert auch die Geschichte von der armen DHL, die den bösen Wedding nicht mehr beliefert, weil dieser angeblich zu gefährlich sei. In Wahrheit ist natürlich im Wedding fast überhaupt nichts gefährlich. Wenn man nur den eigenen Sinnen vertraut und nicht den Bildern im Kopf.

Strassenszene auf der Drontheimer Straße. Foto Andrei Schnell.
Strassenszene auf der Prinzenallee. Foto Andrei Schnell.

Aber die Leute – Leser wie Schreiber – haben eben so ihre Bilder im Kopf. Und das noch bevor die Nachricht überhaupt zu einer Nachricht wird. Oder wie es in dem Film „Who am I“ heißt: „Man sieht, woran man glaubt“. Im Film geht es um Social Hacking. Um Manipulation. Der Film führt dem Zuschauer vor, wie leicht er zu hacken ist, wenn nur die richtigen Stichworte fallen. Und leider denken bei Wedding eben alle an Großclans und keiner an den besten Cappuccino der Stadt (soviel zum Einfluss des Weddingweisers).

Aber man kann sich schützen vor Angriffen aufs eigene Gehirn. Schritt Eins des mentalen Anti-Virus-Programms ist immer: Öffne niemals Nachrichten, bei denen schon der Betreff deinen Puls beschleunigt. Jedenfalls nicht sofort.

Foto: weddingweiser
Foto: weddingweiser

Wer abgewartet hat, der hat nicht nur seinen Kreislauf geschont, sondern auch seinen Kopf geschützt. Denn siehe da, so wie beim Stille Post-Spiel am Ende aufgelöst wird, was wirklich gesagt wurde und sich alle scheckig lachen, genau so schrumpft auch die DHL-Story am Ende auf eine schlichte Erklärung zusammen. Die richtige Überschrift hätte von Anfang an lauten müssen: DHL beliefert nicht mehr Trickbetrüger. Und das nicht einmal exklusiv im Wedding. Zugegeben, das ist eine Nachricht, die nicht das Blut zum Kochen bringt. Aber mehr ist eben nicht passiert. Bis auf das, was im Kopf passiert.

Text: Andrei Schnell

4 comments

  1. Eva Müller-Boehm

    Bitte klärt doch mal auf, um welche Art von Betrügerei es hier geht. Denn anscheinend sind dabei ja Zusteller bedroht worden,oder?

    • planetwedding

      Es werden Waren unter fremdem Namen bestellt. Bei der Auslieferung an die Adresse lauert man dem Postboten auf und nimmt ihm die Pakete ab. Wenn er die nicht freiwillig rausrückt, hilft man nach.
      Dominique, Weddingweiser-Redaktion

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: