Zum Tag der Deutschen: Wie wird man eigentlich deutsch?

Wie Maja Lasić Deutsche wurde. Foto Andrei Schnell
Wie Maja Lasić Deutsche wurde. Foto Andrei Schnell

Gastautorin Maja Lasić kam mit 14 Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland. Zwischen Ankunft und Ankommen liegen 15 Schritte. Der Text ist eine gekürzte Version ihrer Beschreibung vom 27. Februar 2013.

„Schritt 1:
Du reist mit 14 ein. Du sprichst kein Wort Deutsch außer „Halt“, „Achtung“ und was sonst noch in Partisanenfilmen vorkommt. Du fühlst Dich fremd und willst nur zurück in Deine Heimat.

Schritt 2:
Du sprichst Deutsch gut genug, um in eine reguläre Klasse zu wechseln. Dein Vater rennt zum Schulamt und verlangt „die beste Schule für seine Tochter“. Deine Mitschüler können mit Deinen Erfahrungen mit Kettenduldungen, in Flammen aufgehenden Heimaten und desillusionierten Eltern nichts anfangen. Dein Leben teilt sich in den deutschen Vormittag und den Flüchtlingsnachmittag, Verbindungen gibt es keine. Du stillst Deine Sehnsucht nach der Heimat mit Liedern, planst aber ein Studium in Deutschland.

Schritt 3:
Du studierst in einer neuen Stadt Biologie. Du verbringst auf einmal ganze Wochen nur unter Deutschen. Migranten studieren nicht Biologie, sondern Maschinenbau oder Wirtschaft. Du lernst die Musik von Tomte, Kettcar oder Boxhamsers kennen, du liest Max Goldt. Dein ganzer Biokurs singt „Fruchtfliegen, wir werden euch alle kriegen“ von Funny van Dannen. Im Wohnheim erklärst Du anderen Ausländern, die frisch in Deutschland sind, wie man sich an der Uni zurechtfindet. Das fühlt sich gut an.

Skulptur zu Wiedervereinigung in der Chausseestraße. Foto Andrei Schnell.
Skulptur zu Wiedervereinigung in der Chausseestraße. Foto Andrei Schnell.

Schritt 4:
Du machst Deinen Doktor in einer neuen Stadt. Dein Arbeitskreis besteht zu 80% aus Menschen, die nur wegen der Promotion nach Deutschland gekommen sind. Den ganzen Tag wird nur Englisch gesprochen. Du erwischst Dich dabei, wie Du gegenüber Deinem indischen Kollegen die deutschen Behörden verteidigst, die ihn an demselben Vormittag wahnsinnig gemacht haben.

Schritt 5:
Du ziehst für einen schicken Job in der Pharmaindustrie in eine neue Stadt. Du hast einen noch schickeren Firmenwagen, Dein Konto quillt über. Deine Chefin erklärt Dir, was für großartige Aufstiegschancen auf Dich warten.

Schritt 6:
Du sitzt im Zug und liest in der FAZ einen Artikel über eine neu zu gründende Bildungsinitiative namens „Teach First Deutschland“. Die Initiative schickt herausragende Uniabsolventen aller Fachrichtungen für zwei Jahre an Schulen in schwieriger Lage. Dort unterstützen die sogenannten „Fellows“ benachteiligte Schüler dabei, bessere Abschlüsse zu erreichen und nicht aus dem System zu fallen. Das Vorbild in Amerika ist schon 20 Jahre alt und sehr erfolgreich. Du steigst aus dem Zug und sagst „Das mache ich!“

Fenster einer Weddinger Schule. Foto: Andrei Schnell.
Fenster einer Weddinger Schule. Foto: Andrei Schnell.

Schritt 7:
Du arbeitest an einer Hauptschule im Wedding. Wenn Du allein mit einer Klasse bist, gibt es im Raum niemanden ohne Migrationshintergrund.

Schritt 8:
Du näherst Dich dem Ende Deines zweijährigen Schuleinsatzes und neben der Freude über die Erfolge Deiner Schüler empfindest Du immer mehr Trauer und vor allem Wut. Wut über unser (und ja, hier sagst Du das aller erste Mal UNSER) System, das benachteiligte Schüler systematisch ausgrenzt. Du realisierst, dass jeder Deiner Schüler viel erfolgreicher wäre, wenn er nur an eine andere Schule in einem anderen Stadtteil gehen dürfte.

Schritt 9:
Wenn Du in deiner Ursprungsheimat (mittlerweile reicht es Dir nicht, sie nur als Heimat zu bezeichnen) politische Gespräche führst, leitest Du Deine Beispiele mit „bei uns in Deutschland“ ein. Und dennoch bist Du nicht bereit den deutschen Pass anzunehmen, weil dies heißen würde, dass Du Deinen anderen Pass aufgeben müsstest.

Schritt 10-15:
Diese Schritte kennst Du noch nicht. Du wirst sie erst noch gehen … oder auch nicht. Du hast bis jetzt gelernt, Geduld mit Dir zu haben. Du versperrst Dich nicht dagegen, Dich in Deutschland immer mehr zu Hause zu fühlen, pflegst aber mit Freude noch die Verbundenheit zu der anderen Heimat.“

Der vollständige Text der Gastautorin Maja Lasić, die am 18. September für die SPD ins Abgeordnetenhaus gewählt wurde, ist zu finden auf: www.spd-fem.net.

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