Wedding-Jahresrückblick Oktober 2014: Reden ist Silber

Alle zwei Tage öffnet sich hier im Weddingweiser ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

OKTOBER 2014 

Reden ist Silber (von Paul Bokowski)

Obgleich 25 Jahre nach dem Mauerfall alle Spuren des ehemaligen innerdeutschen Grenzübergangs an der Bösebrücke städtebaulich längst beseitigt wurden, ist die Bezirksgrenze zwischen Prenzlauer Berg und Wedding zumindest akustisch noch hervorragend erfahrbar. „Isch geb‘ dir in die Fresse, du Hurensohn“, sagte die junge Dame mit Kinderwagen und Kleinkind an der Hand, als sie lautstark telefonierend die M13 betrat. Endlich hatte das Bestreben, die Geschlechtergleichstellung auch in der gesprochenen Sprache zu etablieren die bildungsfernen Schichten der Bevölkerung erreicht: „Isch fick dein Leben, du beschissene Arschfotze!“

So vermochte ich, als vehementer Gegner von Gentrifizierung, ein aufkommendes Gefühl der Sympathie und Dankbarkeit kaum zu unterdrücken, als besagte junge Dame an der Bornholmer Strasse zu uns in den Waggon stieg und durch ihr lautstarkes Telefonat das dänische Touristenpärchen schräg hinter mir dazu ermutigte, sich aus Kontext und Gesprächsverlauf heraus gegenseitig den Begriff „Arschfotze“ zu erschließen.

„Excuse me.“ sprachen mich die hippen Dänen ein paar Augenblick später an. „Is this the streetcar to Schönhauser Allee?“

„No.“ sagte ich. „It’s really not.“

„Arschfotze!“ sagten die Dänen freundlich und sprangen an der Grüntaler Strasse aus dem Waggon.


Vom 11.12. bis 10.1. des neuen Jahres präsentieren die Herren Paul Bokowski, Robert Rescue, Volker Surmann, Frank Sorge und Heiko Werning außerdem an über 20 Terminen ihre traditionelle Jahresbilanz „Auf Nimmerwiedersehen 2014“ im Comedyclub Kookaburra (Schönhauser Allee 184). Schauen Sie auch dort hinein und helfen den Weddinger Vorlesern dabei, den Prenzlauer Berg zu „degentrifizieren“.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: