Wedding-Jahresrückblick September 2014: Wunsch und Wahn

Alle zwei Tage öffnet sich hier im Weddingweiser ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

SEPTEMBER 2014 

Wunsch und Wahn (von Robert Rescue)

Gespräch im ALDI

»Wenn du geboren wirst, bist du automatisch in der AOK.«
»Echt? Ich bin aber bei der BARMER.«
»Dann ist da was schiefgelaufen. Vielleicht bist du unehelich geboren und so Leute kommen zu der BARMER.«
Achselzucken.

Ken gewünscht, Jochen bekommen

Ich wollte Ken haben, habe aber Jochen bekommen. Bei Ken hatte mich seine filigrane Form angesprochen, während Jochen einfach nur klobig wirkte. Ich trug meinen vermeintlichen Schatz auf Händen nach Hause, was mir einige Mühe bereitete. Dort machte ich mich über ihn her und als ich fertig mit ihm war, merkte ich, dass mir der Verkäufer den falschen verkauft hatte. Ich war aber zu erschöpft, um den Weg auf mich zu nehmen und einen Umtausch zu verlangen.
Also sitze ich jetzt auf Jochen am Schreibtisch, ärgere mich über seine massige Form und wünsche mir immer öfter, ich hätte darauf geachtet, dass auch wirklich Ken zu mir nach Hause kommt.

Schlimme Zeiten im Wedding

An der Ecke waren sie über mich hergefallen und hatten mich in ihren Laden gezerrt. Dann setzten sie mich in eine der Kabinen und zwangen mich mit einer Pistole, am Computer zu surfen. Ich gehorchte und besuchte die Seiten, die ich sonst aufgerufen hätte, wenn ich ohne Zwischenfall nach Hause gekommen wäre. Ich besaß DSL und hatte ihre Dienstleistung nicht nötig, aber das zählte für die nicht. Sie waren Weddinger Geschäftsleute und in der Anpreisung ihrer Dienstleistung unerbittlich.
„So, eine Stunde ist rum. Das kostet ein Euro“, sagte der Chef des Ladens später und nahm die Pistole von meiner Schläfe. „Du bist guter Kunde. Nächstes Mal gerne wieder.“
Ich zahlte, verdammte sie innerlich und suchte das Weite.
Draußen kramte ich einen Euro hervor und bereitete mich vor.
An der Ecke lauerte das nächste, das konkurrierende Internet-Café.
Wie so oft würde es eine lange Nacht werden, bis ich endlich nach Hause fand.
Den Computer würde ich dann nicht mehr anschalten.
Eigentlich brauchte ich ihn auch gar nicht mehr …

(Die Brauseboys wünschen  frohe Weihnachten und schöne Feiertage)


Vom 11.12. bis 10.1. des neuen Jahres präsentieren die Herren Paul Bokowski, Robert Rescue, Volker Surmann, Frank Sorge und Heiko Werning außerdem an über 20 Terminen ihre traditionelle Jahresbilanz „Auf Nimmerwiedersehen 2014“ im Comedyclub Kookaburra (Schönhauser Allee 184). Schauen Sie auch dort hinein und helfen den Weddinger Vorlesern dabei, den Prenzlauer Berg zu „degentrifizieren“.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: