Wedding-Jahresrückblick Juli 2014: Turnierverlauf

Alle zwei Tage öffnet sich hier im Weddingweiser ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

JULI 2014 

Turnierverlauf (von Heiko Werning)

1)
Fußball interessiert mich gar nicht. Wie mich generell kein Sport interessiert. Aktiv schon mal gar nicht, ist ja klar. Aber auch dem Zuschauen kann ich nicht viel abgewinnen. Allerdings, und darauf lege ich Wert, nicht, weil ich Sport minderwertig finde oder primitiv oder doof, sondern aus demselben Grund, warum ich mich nicht für bildende Kunst, Architektur oder Molekularchemie interessiere – interessiert mich halt nicht, so faszinierend und komplex all diese Felder auch sein mögen. Wenn man sich dafür interessiert. Mach ich aber nicht.

Aber die Gesellschaft interessiert mich. Und da ist, man kann es nicht leugnen, Fußball ein nicht ganz unwichtiger Teil. Und wenn ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung gleichzeitig auf den Fernseher guckt und die gleichen Bilder sieht, dann faszinieren mich diese Bilder schon deshalb. Und schon ist man in der Falle. Denn Fußball, zumindest die großen Turniere, sind wie große Opern. Oder Seifenopern. Egal. Man kennt bald die Akteure, die lustigsten Schiedsrichter, die gemeinsten Blutgrätscher, die tragischsten Ballvertändler, ständig gibt es große Emotionen, auf dem Platz, auf der Straße, man kann sich dem nicht entziehen.

Diesmal hatte ich es mir vorgenommen. Ich leide gerade unter einer gewissen Überforderung, ich habe ein paar zu viele lose Enden von Fäden in der Hand und verheddere mich mit ihnen und kann doch keine ablegen, da habe ich nicht auch noch Zeit, Stunden um Stunden sinnlos zu verbrennen, weil ich zugucke, wie irgendwelche Leute sich gegenseitig den Ball weghauen, mit denen ich eigentlich ja nichts zu tun habe, die für mich nur wie Figuren in einem Groschenheft sind. Aber, wie gesagt, ganz entziehen kann und will ich mich dem auch nicht, und so ließ ich anfangs die Live-Ticker der Nachrichtenseiten nebenher laufen, und bald im Hintergrund die Spiele, und bald saß ich doch wieder davor. Kann man nichts machen.

2)
Mangels eigenen Teams sind die migrantischen Weddinger Mitbürger offensichtlich in Scharen zu ihrer Wahlheimat übergelaufen. Auf der Müllerstraße begegnen mir muslimische Damen mit einer Deutschlandfahne als Kopftuch. Ich bin kurz irritiert, dann beschwingt.

3)
Es mag nur ein überkommener Reflex sein, aber dieses ganze Nationalgetue geht mir auf die Nerven. Ich mag es einfach immer noch nicht, wenn Leute „Deutschland“ brüllen, sich Deutschlandfähnchen ins Gesicht schmieren oder sich schwarz-rot-goldene Stirnbänder tragen. Sie sehen dann noch schlimmer aus als ohnehin schon. Ganz zu schweigen von diesen Nationalpuscheln für die Auto-Rückspiegel. Einzig mit dem schwarz-rot-golden gerahmten Klopapier, das Edeka als „WM-Edition“ auf den Markt geschmissen hat, kann ich mich anfreunden. Deutschland geht mir einfach am Arsch vorbei.

4)
Noch doofer als die dummdeutschen Weltmeisterschaftsfans finde ich die Weltmeisterschaftsdoofinder. Egal, aus welchen Gründen. Die ganz Kritischen, die darin nur ein Ablenkungsmanöver der Mächtigen wittern und damit gefährlich nah an schon wieder einer großen Verschwörungstheorie sind. Als müsste man so etwas erfinden, als wollten die Menschen es nicht von selbst. Aber auch die Fußballpuristen, die echten Fans. Die Fans, die auf die Event-Fußballgucker schimpfen, die Alle-zwei-Jahre-Fans, die sich darüber empören, dass das mit dem wirklichen Fußballgefühl nichts zu tun habe. Das ist ein bisschen so wie die Säufer, die verächtlich auf Leute gucken, die nur hin und wieder mal ein Bier trinken. Oder ein Beck`s Gold.

5)
Unterwegs während eines Deutschlandspiels. Ich bin einigermaßen erstaunt, als plötzlich um mich herum der Wedding explodiert. Verdammt, noch 500 m bis zum Luftschutzbunker. Auf der anderen Seite der Schulstraße, mir gegenüber, eine typische Weddinger Mietskaserne, eher trist, mit kleinen Balkonen mit großen Satellitenschüsseln und noch größeren Deutschlandfahnen. Als der Pulverdampf sich halbwegs verzogen hat, tritt ein älterer Mann auf einen der Balkone, im dritten Stock. Ein Mann, ein Fußballfan, ein Fußballfanmann, wie man ihn beschreiben würde, wenn man eine sehr klischeehafte Beschreibung eines deutschen Fußballfanmanns abgeben wollte. Ein Fußballfanmann also, so um die 60, mit erheblichem Bauchumfang, der angesichts des straff darüber gespannten weißen Doppelripp-Unterhemdes gut zur Geltung kommt. Ein Fußballfanmann mit einem Fußballfan-Deutschlandhut obendrauf, so ein Sommerstoffhütchen mit Deutschlandfahnenkrempe. Ich sagte ja schon: Ein Klischee von einem Deutschland-Fußballfanmann. Und der also tritt auf den Balkon, nein, eigentlich schreitet er mehr. Er schreitet auf seinen Balkon, bis zur Balustrade, die hier natürlich nur eine schnöde Zementwand ist, dann zieht er würdevoll eine schwarz-rot-goldene Vuvuzela hervor, hält sie an den Mund wie ein höfischer Fanfarenbläser das Horn, dann bläst er drei Mal hinein, drei sehr exakte, mittellange, quäkige Vuvuzela-Töne, wie ein Türmer, der zur Mitternacht bläst, danach setzt er die Vuvuzlea wieder ab, blickt kurz würdevoll über sein Reich, die Schulstraße. Dann schreitet er zurück in seine Wohnung, um sich wieder in seinen Fernsehsessel zu begeben. Für mich der bezauberndste Moment der WM.

6)
Vielleicht aber ist dieses Deutschlandgetue auch ein Segen. Wie ein Kommentator der „Welt“ säuerlich anmerkt: mit echtem Patriotismus habe das doch gar nichts zu tun, der ganze schwarz-rot-güldene Plunder seien doch nur Party-Accessoires, und am kommenden 3. Oktober würde man bestimmt wieder ganz vergeblich darauf warten, dass Leute Flaggen aus den Fenstern hängen. Was mich einen kurzen Moment stutzen lässt, dann fällt mir wieder ein, dass der 3. Oktober ja der Nationalfeiertag ist. Da hat der Mann sicher Recht. Und wenn tatsächlich das ganze schwarz-rot-goldene Zeug nur Eventkrempel ist, nur Karnevalsschmuck, wenn das Deutschland-Gerufe überhaupt keinen anderen Sinn mehr hat als eben das Schwärmen für ein paar Kicker – ist das denn nicht das Beste, was passieren kann mit dem ganzen Nationalsymbolkrempel? Wenn bei der nächsten Staatstrauer mit Halbmast der Pöbel grübelt: Oh, haben wir ein Fußballspiel verloren? Ist denn schon wieder WM? Wenn beim nächsten Gelöbnis die Leute denken: Die haben aber komische Trikots an diesmal? Kein unangenehmer Gedanke, eigentlich.


Vom 11.12. bis 10.1. des neuen Jahres präsentieren die Herren Paul Bokowski, Robert Rescue, Volker Surmann, Frank Sorge und Heiko Werning außerdem an über 20 Terminen ihre traditionelle Jahresbilanz „Auf Nimmerwiedersehen 2014“ im Comedyclub Kookaburra (Schönhauser Allee 184). Schauen Sie auch dort hinein und helfen den Weddinger Vorlesern dabei, den Prenzlauer Berg zu „degentrifizieren“.

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