Wedding-Jahresrückblick Februar 2014: Lästergold

Alle zwei Tage öffnet sich hier im Weddingweiser ein satirisch-literarisches Monatstürchen in das vergangene Jahr mit der Weddinger Lesebühne Brauseboys. Alle Texte werden nach Erscheinen auf der Seite „Weddingrückblick“ gesammelt.

FEBRUAR 2014 

Lästergold – Olympia im Wedding (von Frank Sorge)

Wenn schon die Zuschauerränge in Sotschi leerbleiben, sind ja vielleicht auch Quotenplätze vor dem Fernseher frei. Dann kann ich den ja mal einschalten, bevor das gar keiner guckt.

Es kommt lustige Vorberichterstattung über die Toiletten in Sotschi, es bleibt keine Fliese trocken. Empfindsame Sportler, die von unter dem Klo hervorspringenden Salamandern erschreckt worden sind, dickere Sportler, die beim Hinsetzen mit der Kloschüssel umgekippt sind, die nicht verschraubt war. Sowie in Kabinen eingesperrte Sportler, einer musste sich durch komplettes Zerlegen der Tür freikämpfen. Da lästert die deutsche Handwerkerseele, vertreten durch die ARD, kichert leise „Pfusch, Pfusch“ und mosert über russische Arbeiter, bei denen ja auch immer – Gluck, Gluck – ein bisschen Wodka im Spiel ist.
Schon die Eröffnung wurde so intensiv belästert, als ginge es um Lästergold. Nicht so groß wie da und dort, und vor allem nicht so spektakulär, wie sich das der feine Herr Putin wohl vorgestellt hatte, funkt es auf allen Kanälen. Und dann die ganzen Pannen. Als er die Eröffnungsformel sprach, lästerte der deutsche Kommentator gleich: „Aber mehr als den einen Satz darf er nicht sagen.“
Beachtenswert auch die Gesangseinlage von Sängerin Anna Netrebko. Sie sah hervorragend aus in ihrer glänzenden Robe, nur hören konnte man sie nicht so recht. Am Fernseher wurde es bald etwas besser, für die Zuschauer vor Ort aber wohl nicht, was ein Schwenk auf die Gesichter der Ränge verriet. Der Applaus im Stadion fiel so mäßig aus, als würde man ein überflüssiges Pausengirl verabschieden. Viele hätten sie wohl überhaupt nach der Musikeinlage erst erkannt, sagte der Kommentator, wegen der Durchsage, dass sie gerade gesungen hätte.
Heute sehe ich ein paar Halbfinalläufe von Snowboardern in der Halfpipe. Das sieht sehr cool aus, in manchen der Sprünge fast unmenschlich. Ob da aber nicht doch schon Drohnen springen, kann man nicht so genau sehen, weil alle Sportler dick über Kragen und Mund eingepackt sind, und ihre riesigen, verspiegelten Helme bei der Punktevergabe nicht abnehmen. Sie sehen aus wie Robocop, denke ich: Robocop on Ice.
Irgendetwas aber fehlt mir noch, das Olympiagucken fühlt sich nicht richtig an. Richtig, ich hab gar kein Essen im Haus. Sport vor dem Fernseher zu gucken, ohne dabei große Fett- und Fleischmengen zu verschlingen, breite Schüsseln mit Knabberzeug zu leeren und die Bierkiste, auf der man die Beine hochlegen kann – ohne das alles ist es wirklich zu öde. Ich könnte eine Mohrrübe aus der Küche holen, aber bevor ich mit rohem Gemüse Biathlon gucke, kann ich ja auch gleich selber Biathlon machen.
Ich nutze für die Beschaffung das Finale der Rodlerinnen. Denn hier ist die Spannungskurve wirklich zum Gummierweichen, da zerreisst das Spannungsband aus purer Materialermüdung. Denn die Zeiten aus den Vorrunden werden verrechnet und die Favoritin hat eine Sekunde Vorsprung. Ist also nicht einholbar, wenn sie so runterfährt, wie sie vorher runtergefahren ist, und wenn die anderen so runterfahren, wie sie runtergefahren sind. Da es immer die gleiche Bahn ist, fahren alle ja genau gleich runter, das vereinfacht vieles. Und selbst wenn die Favoritin jetzt so schlecht runterfährt, wie die schlechteste vorher, ist sie nicht einzuholen.
“Da müsste schon richtig etwas schiefgehen, damit das schiefgeht”, sagt der Kommentator, und klopft hoffentlich wenigstens auf Holz dabei. So oft kann er allerdings gar nicht klopfen, wie er weiter unkt: “Nur, wenn sie aus der Bahn fliegen würde” oder “da müsste schon mächtig was passieren”. Auch die Eltern der Rodlerin am Rand wirken entspannt, nur der Kommentar muss sich an den allerletzten Faden halten, der noch Spannung verspricht, den der Ariadne: “Ihre Nerven müssen zum Zerreißen gespannt sein. Aber wenn sie heil runterkommt, wird sie es schaffen.”
Bevor ich also bei all dem Geunke doch noch dabei zusehen muss, wie sie wirklich aus der Bahn fliegt und an einem Betonpfeiler zerschellt, nutze ich die Zeit lieber zur Jagd auf der Müllerstraße. Mit einem Rebel Burger, Pommes, einem 4-er Paket Donuts für später, sowie jeweils einem Paket Käseflöten und Stapelchips zur Sicherheit, und einer kalten Flasche Becks Hüftgold, guckt sich Olympia im Wedding gleich viel angenehmer.


Vom 11.12. bis 10.1. des neuen Jahres präsentieren die Herren Paul Bokowski, Robert Rescue, Volker Surmann, Frank Sorge und Heiko Werning außerdem an über 20 Terminen ihre traditionelle Jahresbilanz „Auf Nimmerwiedersehen 2014“ im Comedyclub Kookaburra (Schönhauser Allee 184). Schauen Sie auch dort hinein und helfen den Weddinger Vorlesern dabei, den Prenzlauer Berg zu „degentrifizieren“.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: