Für 20 Ostpfennige durch den Westen

25JahreMauerfallDas 25-jährige Mauerfalljubiläum und der Deutschen Einheit sind Anlass, ältere Kiezbewohner zu Wort kommen zu lassen. 2005 habe ich Bewohner eines Seniorenheims interviewt. Ohne sich bewusst zu sein, dass sie Zeitzeugen waren, lebten sie als einfache Weddinger und Grenzgänger ihren Alltag mitten im Irrsinn der geteilten Stadt, bevor es die Mauer gab…
„Irgendein Laster muss der Mensch ja haben“, sagt Eva Bittner und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Ihre Augen leuchten auf, als sie beginnt, aus ihrem Leben zu erzählen. Die 69-jährige wohnt seit 16 Jahren im „Seniorenheim an der Panke“ in der Koloniestraße. Doch in den Soldiner Kiez hat es sie erst jetzt, durch das Seniorenheim, verschlagen. Aufgewachsen ist sie im Gebiet rund um die Reinickendorfer Straße.

Früher im Soldiner Kiez

„Pankenwasser ist sauberes Wasser.“ An diesen Spruch erinnert sich Eva Bittner (Foto) noch. Dies nachzuvollziehen fällt heute schwer. Doch damals, so die 69-jährige, war die Panke ein idealer Kinderspielplatz. „Früher war alles besser“, sagt sie überzeugt. Arbeitsplätze gab es damals noch mehr im Soldiner Kiez. Nach dem Krieg, so erinnert sich Peter Muegge, waren viele Gewerbebetriebe in der Soldiner Straße ansässig. Der 62-jährige hat 19 Jahre dort als Schmied gearbeitet.

Grenzgänger zwischen den Welten

Helmut Liedke (Foto) zog 1959 in die Koloniestraße. Davor pendelte er als Grenzgänger oft von Ost- nach West-Berlin. Spannend war für den 65-jährigen besonders die Zeit vor dem Mauerbau: Drei Schichten hat er damals im Lokomotivwerk Hennigsdorf gearbeitet. Das Geld, was er verdiente, hat er kapitalisiert: „Mein Ostgeld habe ich zum Kurs 8:1 auf der Straße in Westgeld getauscht“, erzählt er. Davon konnte er sich seine großen Leidenschaften leisten: „Westklamotten“, wie er sagt, und vor allem das Kino. Rund um die Badstraße gab es in den 50er Jahren viele Filmtheater.

Ost-West-Drehscheibe Gesundbrunnen

Nicht nur für Kinofans wie Helmut Liedke war der Bahnhof Gesundbrunnen günstig gelegen. Viele Ost-Berliner erstanden auf dem ausgedehnten Straßenmarkt nur im Westen erhältliche Waren – und waren danach mit der S-Bahn schnell wieder zurück im Osten. Vorsicht war jedoch geboten, erinnert sich Eva Bittner. „In der U-Bahn waren Zöllner unterwegs, die die Leute filzten“, erzählt sie. Auch sie hatte immer zwei Währungen in der Tasche. Ihr Mann, so erinnert sie sich, hatte als Hauswart wenig verdient. Sie mussten sparen. „Wir sind im Osten, U-Bahn Bernauer, eingestiegen und für 20 Pfennige Ostgeld billig durch den Westen gefahren“, sagt sie. Aber der Wohnsitz an der Grenze hatte auch andere Vorteile: „Die Schrippen aus dem Osten haben mir besser geschmeckt“, erzählt Bittner.

Alltag in der Bernauer Straße

Bernauer Str MauerEva Bittner hat in der Zeit des Mauerbaus in der Bernauer Straße gelebt. Die andere Straßenseite war der Osten. „Die Hausbewohner traten in den Westen, wenn sie aus der Haustür rausgingen“ erzählt sie fast beiläufig. In den Tagen des Mauerbaus sah Bittner ihre Nachbarn, wie sie sich mit Bettlaken aus dem Fenster abseilten. Und im Haus ihres Bäckers um die Ecke lag der berühmte Fluchttunnel, der 57 Menschen den Weg in den Westen bahnte.

Ein Kohlenberg in der Koloniestraße


Ihre Nachbarn, so erzählt Bittner, kannte sie ja vom Einkaufen. „Man kannte sich und hatte immer ein persönliches Wort füreinander übrig“, sagt sie. In den Markthallen, bei den Fleischern, Bäckern, in den Seifengeschäften in und um den Kiez hat jeder eingekauft. Doch nicht nur Lebensmittel wurden hier umgeschlagen. Nach der Berlin-Blockade 1948 lagerte die Senatskohlenreserve in der Koloniestraße. „Die Kohlen haben sich meterhoch gestapelt“, erinnert sich Helmut Liedke. Die Blockade haben Eva Bittner und Peter Muegge auch noch vor Augen: „Brot in die Pfanne, Zucker und Muckefuck drauf. Das haben wir damals oft gegessen. Wir haben sogar aus den Kartoffelschalen Puffer gemacht.“

Warten auf dem Sozialamt

Doch Eckhaus in der Groninger Straßeauch nach der Blockade ging es Eva Bittners alleinerziehender Mutter nicht viel besser: Sie war Putzfrau an der Osloer Straße, hatte aber oft auch keine Arbeit. „Wir haben keinen Pfennig Kohlengeld vom Arbeitsamt gekriegt“ erinnert sich Bittner. „Da haben wir fünf Stunden lang auf dem Sozialamt gesessen, bis wir aus dem Sonderfonds Kohlen bekommen haben.“ Sozialamt und langes Warten – das kennen die Menschen, die heute im Kiez leben, auch. Früher war vielleicht doch nicht alles besser – oder zumindest nicht so viel anders.
Beitrag aus dem Jahr 2005, ursprünglich veröffentlicht auf deinkiez.de

 

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